"The Iron Lady" im Kino Von konservativer Ideologie infiziert

Kein bisschen Schuldbewusstsein: In "The Iron Lady" feiert Regisseurin Phyllida Lloyd die britische Ex-Premierministerin Margaret Thatcher als Tatmenschen - die verheerenden Auswirkungen ihrer Politik kommen hingegen nur am Rande vor. Der Film entzweit die Briten, wie es einst nur Maggie selbst tat. Einig sind sie sich nur über eins: Meryl Streep in der Hauptrolle brilliert.

Von Alexander Menden

Meryl Streep servierte den Filmkritikerinnen ein Stück Kuchen, selbstgebacken, nach einem Rezept von Julia Child. Vor ein paar Jahren spielte Streep die amerikanische Fernsehköchin in "Julie & Julia". Nun sollte ihr Apfelkuchen helfen, die jüngste aus dem Leben gegriffene Rolle der Oscar-Abonnentin zu versüßen: Eine ausgewählte Gruppe britischer Rezensentinnen hatte sich vergangenen November im Londoner Haus der Regisseurin Phyllida Lloyd versammelt, in deren Film "The Iron Lady" Meryl Streep Margaret Thatcher spielt.

Thatcher als umstrittene Figur zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Sie stand, als ihre Partei sie 1990 schasste, an der Spitze der wohl meistgehassten britischen Regierung des 20. Jahrhunderts.

Und bei allen Bemühungen Streeps zu erklären, dass sie selbst Thatchers Politik nie gemocht habe und mit dieser Rolle die eigenen "Vorurteile" habe auf die Probe stellen wollen, kamen an jenem Nachmittag vergangenes Jahr die meisten Kritikerinnen zu einem ziemlich einmütigen Urteil über "The Iron Lady": Meryl Streep ist zwar phänomenal; auch der verlässliche Jim Broadbent als Dennis Thatcher und die wunderbare Olivia Colman als überforderte Tochter Carol überzeugen.

Aber der von Lloyd und ihrer Drehbuchautorin Abi Morgan um sie herum gebaute Film ist ein Konglomerat selektiver Rückblenden, die sich einerseits zu einer schnulzigen Betrachtung über das Altern und andererseits zu einer politischen Hagiographie von bemerkenswert revisionistischer Flachheit fügen.

Streep lässt über weite Strecken vergessen, dass hier nicht Maggie selbst agiert, sondern eine Schauspielerin, so grandios hat sie sich Körperhaltung, Blick und vor allem stimmliche Manierismen der Eisernen anverwandelt.

Tiefe Bewunderung

Aus Sicht der zunehmend von Altersdemenz geplagten Margaret, die sich fortwährend mit dem Geist ihres längst gestorbenen Gatten unterhält, erlebt man den Aufstieg der Tochter eines stolzen "working class Tory" und Lebensmittelhändlers zur konservativen Parlamentarierin, Parteivorsitzenden und schließlich ersten Premierministerin Großbritanniens.

Allen Hindernissen trotzend, die das männliche politische Establishment ihr dabei in den Weg wirft, beschreitet Maggie hier einen so linearen Karrierepfad, wie ihn nur ein Drehbuch liefern kann, das in Kapiteln denkt.

Aus "The Iron Lady" spricht eine tiefe Bewunderung für die nie schwankende Überzeugung Thatchers, recht zu haben und daher das Richtige zu tun. In einer Szene sagt die gealterte Dame einer Bewunderin, heute gehe es nur noch darum, "zu sein, nicht mehr darum, zu tun". Worüber man in dieser Feier des Tatmenschentums nur am Rande etwas erfährt, sind die Auswirkungen ihrer Politik.

Vermenschlichung nach Kräften

Phyllida Lloyd, sie arbeitete in "Mamma Mia!" schon einmal sensationell erfolgreich mit Streep zusammen, bedient sich eines Kniffs, der sich bei der filmischen Darstellung umstrittener historischer Figuren immer wieder bewährt hat - sie vermenschlicht ihre Protagonistin nach Kräften.

Alles bleibt hübsch persönlich: die Spannungen in der Familie, der Umgang mit den Familien der Gefallenen aus dem Falkland-Krieg, die Angst um Dennis nach dem IRA-Anschlag auf ihr Hotel in Brighton, die schäbige Behandlung ihres Vize-Premiers Geoffrey Howe im Kabinett, die weichzeichnerischen Spekulationen über Thatchers Kampf mit der Demenz. Maggies über alles geliebter Sohn Mark, ein Waffenhändler und gescheiterter Putschist, taucht hier nur als niedlicher blonder Knabe in Schmalfilm-Reminiszenzen auf.

Die durch Thatchers Marktliberalismus zerschlagene britische Infrastruktur hingegen kommt eher am Rande vor, stellvertretend verkörpert von geifernden Demonstranten, die an die Fenster ihrer Limousine trommeln, und illustriert durch körnige Fernsehbilder gewalttätiger Ausschreitungen. In einer Montage gegen Ende des Films sind auch Bilder des Falls der Berliner Mauer in einer Weise eingestreut, die suggeriert, dies sei eine Art Triumph Thatchers gewesen, die ja in Wirklichkeit der Idee einer deutschen Wiedervereinigung zutiefst misstraute.

Als Porträt des Thatcherismus, der "Epoche und ihrer Unruhen" sei "The Iron Lady" ungefähr so zuverlässig wie "die Spesenabrechnung eines Parlamentariers", schreibt Anthony Quinn im Independent. "Kein bisschen Schuldbewusstsein, kein Schatten von Bedauern stört den Triumphmarsch."

"Ultimative Feministin"

Ähnlich haben sich viele Kritiker geäußert, doch die britischen Reaktionen sind vielfältiger, als die ersten Besprechungen vermuten ließen. Amanda Foreman nimmt den Film in der Daily Mail zum Anlass, Thatcher - die das Geschlecht von Politikern stets als irrelevant bezeichnete - als "ultimative Feministin" zu feiern.

Im selben Blatt zeigt sich ihre Kollegin Julia Manning "tief bewegt" von Szenen, in denen Thatcher verwirrt die Kleider ihres Mannes durchsieht oder versehentlich mit ihrem Mädchennamen unterschreibt: "Lady Thatcher wird noch immer geliebt, und verdient es noch immer verehrt zu werden, daran ändert ihre Demenz nichts." Die vielleicht überraschendste Kritik kommt von Thatchers treuem Weggefährten Norman Tebbit: "Sie war nie die halb-hysterische, überemotionale, überzeichnende Frau, als die Meryl Streep sie porträtiert."

Doch mit dieser Schauspielkritik ist Tebbit ziemlich allein auf weiter Flur. Denn eines scheint, bei allen offensichtlichen großen Schwächen von "The Iron Lady", so sicher zu sein wie das "Hört, hört!" im Unterhaus: Meryl Streep ist wieder einmal Oscar-Anwärterin.

Immer wieder Oscar

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