"The Grandmaster" eröffnet die 63. Berlinale Hoffen auf den ewigen Frühling

Wong Kar-Wai bei der Pressekonferenz zu "The Grandmaster" während der 63. Berlinale.

(Foto: Getty Images)

Wenn wahre Meisterschaft so subtil ist, dass man sie kaum noch sieht - dann muss man sie mit einem visuellen Fest feiern: Wong Kar-Wais "The Grandmaster" eröffnet die Berlinale. Der erste Tag der Filmfestspiele ist in diesem Jahr auch deshalb besonders glamourös, weil eine Lady-Gaga-Figur über den Roten Teppich getragen wird.

Von Tobias Kniebe

Nacht, Regen, harte Ganovengesichter. Dazu brutale Hell-Dunkel-Kontraste, gemeißelt wie im Licht des Film noir. Der Großmeister trägt einen weißen Fedorahut, lässig und ausbalanciert ist sein Stand, seine Beinarbeit sieht man immer wieder in Großaufnahme.

Dann stürmen sie auf ihn ein, mit Sprüngen und Schlägen und ihren aggressivsten Kung-Fu-Bewegungen. Aber es hilft nichts. Der Mann mit dem Hut ist schneller, seine Balance ist besser, und wenn er einen Tritt abfeuert, zittert die Erde. Meist aber scheint er fast gar nichts zu machen, und das ist in dieser Szene der Punkt - es geht um das wahre Geheimnis der Meisterschaft.

"The Grandmaster" ist der Eröffungsfilm dieser Berlinale, eine Art Filmbiographie des Martial-Arts-Meisters Ip Man (Tony Leung), der von 1893 bis 1972 lebte und die Kung-Fu-Schule des Wing Chun auf der ganzen Welt berühmt machte. Voraus geht diesem Werk das Versprechen seines Regisseurs Wong Kar-Wai, er sei damit bis zum tiefen Kern der chinesischen Kampfkunst vorgedrungen, wo wirklich die Philosophie beginnt. Man versteht was er meint, schon in der ersten Szene.

Denn wahre Meisterschaft ist natürlich subtil, sie ist das Gegenteil von Show und Angeberei, und je größer diese Meisterschaft wird, desto weniger ist tatsächlich an eindeutigen Kampfhandlungen zu sehen. Was allerdings dann auch schnell zu der Erkenntnis führt, dass das im Kino ein Problem darstellt: Wie soll man die ungeheuren Kräfte noch zeigen, die da am Werk sind, wenn sie sich langsam der Sichtbarkeit entziehen?

Als Laie ist es oft schwer zu sagen, wer gewonnen hat

Wong Kar-Wai löst das Problem auf seine klassische Art, in dem er ein wahres visuelles Fest inszeniert: Zeitlupe, Zeitraffer, Jumpcuts, Perspektivwechsel bis zur Desorientierung, dazu ein endloses Schwelgen in Licht und Dekor. Meister kämpft gegen Meister, Nordchina gegen Südchina, Stil gegen Stil - oft kann man als westlicher Laie gar nicht so genau sagen, wer gewonnen hat, wenn sich die lächelnden Opponenten wieder trennen. Denn um tödliche Rache geht es zwar auch, aber nicht immer.

Wing Chun, was übersetzt etwa "Ewiger Frühling" bedeutet, soll der Legende nach die Erfindung einer buddhistische Shaolin-Nonne sein, nachdem sie Zeuge eines Kampfes in der Natur wurde: Schlange gegen Kranich. So verwundert es nicht, das hier auch eine unbesiegbare Kämpferin auftaucht, gespielt von der wunderbaren Zhang Ziyi. Ihr Kräftemessen mit dem Großmeister ist dann fast ein Liebestanz.

Nur spätestens hier wird dann auch die ganze Philosophie zum Problem: Ip Man ist so weise, so gütig und kontrolliert, dass es ihm scheinbar gar nicht mehr ums Gewinnen geht. Er hat keine erkennbaren Schwächen mehr, selbst eine Niederlage steckt er mit einem Lächeln weg. Die Gefährdung des Helden durch Hybris und Selbstüberschätzung, die man im Kino doch immer sehen will, fällt hier vollkommen aus. Und damit auch ein dramatischer Motor, der die Geschichte vorantreiben könnte.