Von Andrian Kreye

Durchlauferhitzer für Gedanken: Die alljährliche Ideenkonferenz TED fungiert als Forum des intellektuellen Austauschs. Dieses Jahr zum ersten Mal in Europa.

Die aktuellen Debatten um das Urheberrecht sind ideengeschichtlich betrachtet ein Problem, weil die Frage nach dem Wert von Ideen die Frage nach deren Wirkung verdrängt. Wie mitreißend es sein kann, wenn sich die Frage nach dem Wert nicht stellen muss, kann man nachvollziehen, wenn man die Vorträge auf der Webseite der Ted Conference betrachtet, einer alljährlichen Ideenkonferenz im kalifornischen Monterey. Da findet man zum Beispiel die Ausführungen des jungen Architekten Cameron Sinclair, der das Konzept von der Open Access Architecture entwickelt hat.

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Ideenflut: Auf der Website der Ted Conference findet man mehr als 400 Vorträge zu jedem erdenklichen Thema. (© Screenshot: sueddeutsche.de)

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Sinclair begann seine Arbeit mit Projekten für Flüchtlinge im Kosovo und Aids-Kliniken in Südafrika. Anstatt in einem geschlossenen Team zu arbeiten, rekrutierte er ein weltweites Netzwerk von Architekten und Designern, die Ideen lieferten, die er dann mit seiner Organisation Architecture for Humanity umsetzte. Für den Kosovo entwickelten sie so eine neue Zeltstruktur, die den psychischen Stress in Flüchtlingslagern vermindert, indem sie durch einfache Unterteilungen Privatsphäre schaffen. In Südafrika kombinierten sie Kliniken mit Fußballfeldern, um die gefährdete Jugend in die Nähe von Ärzten zu locken.

Sinclairs Vortrag ist leidenschaftlich und wie alle Ted Talks rund 18 Minuten lang. Wenn man nun beginnt, sich durch die mehr als 400 Vorträge zu klicken, die auf der Webseite zu finden sind, wird man von der Flut der Ideen unweigerlich in den Bann gezogen. Da findet man den Vortrag des Zeichners Ben Katchor, der für eine Architekturzeitschrift kurze Comic Strips zeichnet, in denen er beispielsweise über den Klang von Lichtschaltern philosophiert. Man kann aber auch Al Gores Diavortrag ansehen, der seine Ausführungen aus seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit" aktualisiert. Die Liste der Ted Talker reicht von Prominenten wie Al Gore, Stephen Hawking und Bono über Wissenschaftler wie Jared Diamond, Freeman Dyson und Marvin Minsky bis zu Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und Designern.

Substanz des Unsichtbaren

Anfang der neunziger Jahre war die Ted Conference eine Konferenz für die Elite des Silicon Valley, deswegen steht Ted auch für Technology, Entertainment and Design. Über die Jahre entfernte sich die Konferenz von ihrer Rolle als Gipfeltreffen der Dotcom-Elite und öffnete sich für jedes nur erdenkliche Thema, wenn es sich in das Leitmotiv des jeweiligen Jahres einfügte. Der elitäre Charakter blieb. Teilnehmen kann nur, wer eingeladen ist oder sich einem strengen Antragsverfahren stellt. So wollten die Veranstalter einem Anspruch gerecht werden, der in seinem Kern ein Anachronismus ist, weil das grenzenlose Denken letztlich auf die Tradition der Universalgelehrten zurückgreift. In der Dichte der Vorträge und der Ansammlung der Ideen fungiert die Konferenz vor allem als Durchlauferhitzer für Gedanken.

Von diesem Sommer an wird die Ted Conference auch alljährlich in Europa abgehalten. In der dritten Juliwoche findet sie in Oxford statt. Zu den angekündigten Rednern gehören Neurologen, Schriftsteller, Politaktivisten, die sich mit dem Thema der "Substanz des Unsichtbaren" beschäftigen. Mit Geld, Daten, Informationen, Kultur und eben Ideen. Für ein Zeitalter der neuen Medien ist die Verbindung aus elitärer Konferenz und weltweit abrufbaren Vorträgen, die in rund dreißig Fremdsprachen untertitelt werden, ein Forum für intellektuellen Austausch, der die Frage nach der Wirkung von Ideen wieder vor die Frage nach ihrem Wert stellt. Weil die Konferenz selbst genügend Umsatz generiert, befreit sie die Veranstalter und Teilnehmer vom finanziellen Druck und erlaubt eine Zweitverwertung im öffentlichen Raum des Internet.

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(SZ vom 9.5.2009/bey)