Die "fehlende Wertschätzung von Lebensmitteln" wird in den 88 Minuten des Films immer wieder in Worte gefasst, dabei wäre dies nicht einmal nötig. Die Aufnahmen und Zahlen, die der Film präsentiert, wirken ohnehin monströs: beispielsweise der Laster, der Brot auf einen riesigen Haufen kippt. 500.000 Tonnen Gebäck landen pro Jahr weltweit im Müll, während Hungersnöte in Afrika wüten. Unser Konsumverhalten findet offenbar völlig entrückt von der Realität statt. Wir haben uns in einem Maße an eine perfekte Lebensmittelversorgung gewöhnt, dass Produkte nur noch zum täglichen Beiwerk, zu einem organischen Bestandteil des Mülls werden, den wir täglich absondern.
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Der Umweltjournalist Stefan Kreuzberger umschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff "Zuvielnation". Zusammen mit Regisseur Thurn schrieb er 2011 das Buch Die Essensvernichter. Die Überproduktion sei in Deutschland im Vornhinein eingeplant. "Das führt dazu, dass pro Tag tonnenweise Brot vernichtet wird - die Menge würde reichen, um Niedersachsen zu ernähren", so der Journalist in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
Zug um Zug lässt Thurns Film auf die Gründe dieser Verschwendung schließen, er lässt sie den Betrachter selbst erkennen - ganz ohne oberlehrerhafte Attitüde. Sukzessive, entfaltet sich durch jede neue Episode in der Dokumentation das Netz aus Konsumverhalten, rechtlichen Regelungen und gesellschaftlichen Verhaltensweisen, das in seiner Gesamtheit unglaubliche Ausmaße annimmt: 50 Prozent aller weltweit produzierten Lebensmittel erreichen niemals die Münder der Menschen.
Ab ihrer Hälfte nähert sich die Dokumentation auch den globalen Auswirkungen des Verschwendungswahns der Industrienationen: Was ein verzerrter Lebensmittelmarkt auf der Südseite der Welt anrichtet und welche massiven Umweltprobleme er nach sich zieht. Die Mülldeponien dieser Welt, auf denen die Berge weggeworfener Lebensmitteln verrotten, erzeugen 15 Prozent des Methans, das in die Atmosphäre gelangt. 40-mal klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid.
Und der Film räumt mit einer Legende auf: Der berüchtigten EU-Verordnung zum Krümmungsgrad von Gurken. Was gerne weltfernen Bürokraten in Brüssel zugeschrieben wird, war eine Initiative des Handels. Gerade Gurken passen besser in gerade Boxen. So werden Kosten gesenkt. Alle krummen Gurken werden weggeworfen. Dies drückt die Preise, aber auch den Gewinn der Bauern. Als die EU diese Regelung abschaffen wollte, wehrte sich der Handel dagegen - und das bayerische Umweltministerium.
Bienen über New York
Und doch regt sich beim Zuschauer nicht nur Betroffenheit: Taste the Waste ist auch ein konstruktiver Film, der die Hoffnung nicht aufgibt. Eindrucksvolle Aufnahmen aus New York zeigen einen jungen Imker, der über den Dächern der Stadt Bienenvölker hält und dafür die Tausenden Bäume der Stadt nutzt. Eine junge Frau baut dort, unweit von Manhattan, Gemüse an, auch weil sie so den Stadtbewohnern ein Gefühl für Lebensmittel zurückgeben will. Viele New Yorker, so sagt sie, hielten eine am Strauch hängende Tomate für einen Apfel.
Thurn zeigt Menschen, die sich wehren, die ihr Verhalten verändern. Ein örtlicher Zusammenschluss von Farmern und Verbrauchern in den USA beispielsweise, der das Gemüse, das der Handel nicht haben will, zu einem Tagesfestpreis anbietet. So viel Gemüse und Früchte wie man will - für 50 Cent am Tag. Das wirkt wie ein Witzpreis, doch es ist eine Gewinnsituation für alle Beteiligten.
Dabei hätte der Verbraucher so viel Macht. Es ist sein Verhalten, das alles bestimmt und alles ändern kann: Die von Al Gore oskarträchtig beschworene "unbequeme Wahrheit" gilt weiterhin. In diesem Fall besagt sie, dass die Verschwendung von Lebensmitteln ein Zeitvertreib der oberen Milliarde ist. Für den großen weniger privilegierten Rest der Weltbevölkerung treibt jedes Brot, jede Frucht, die wir wegwerfen, die Lebensmittelpreise nutzlos in die Höhe. Für Menschen, die ihr gesamtes Einkommen für Essen ausgeben müssen, wird unser Luxusproblem zu einem existenziellen.
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(sueddeutsche.de/pak)
Wettmanipulation im Fußball
werden die Produkte nicht gemeinnützigen Organisationen wie den Tafeln oder der Welthungerhilfe übergeben?
Dem Konsumenten ein schlechtes Gewissen zu machen, ist schlicht falsch. Der Komsument verlangt nicht, dass eine Gurke ein bestimmtes Maß, Aussehen oder Ausrichtung hat. Teils glauben die die Händler, dass sie "ungerade" Ware nicht verkaufen könnten, teils gibt es absurderweise sogar EU-Richtlinien dafür. Außerdem zwingt ja niemand die Hersteller, die Produkte wegzuwerfen. Zum Selbstkostenpreis ließen sich die meisten Produkte in Entwicklungs- und Schwellenländer exportieren. Nur verdient man damit ja nicht und zweitens wird befürchtet, dass diese Produkte dann wieder zu noch niedrigen Preisen in den deutschen Handel zukommen könnten.
Also, Systemfehler erkannt?
Sehr gut. Mehr braucht man dazu nicht sagen.