Tanz Unterwegs mit Marta

So sollte es sein: Adam Linder zeigt in "Parade" Raumgefühl, Körperspannung, kurz, Tanz.

(Foto: Shahryar Nashat)

Waterboarding, Aerobic und eine Schnecke: Die Tanzplattform in Frankfurt will einen Überblick geben über den zeitgenössischen Tanz in der freien Szene. Sie bietet dabei viel Theorie, aber wenig künstlerisch Bewegendes.

Von Eva-Elisabeth Fischer

Marta ist ihren Mitstreiterinnen mindestens zwei Zentimeter voraus: Sie streckt die Fühler aus ihrem Häuschen und bewegt sich, nun ja, im Schneckentempo in Richtung einer roten, der Ziellinie. Marta ist eine Schnecke und Protagonistin eines Wettrennens in einer der Aufführungen bei der diesjährigen Tanzplattform.

Tanzplattform Deutschland, die zwölfte: Seit 1994 soll man in dicht gedrängtem Programm alle zwei, drei Jahre einen Überblick über den zeitgenössischen Tanz in der freien Szene gewinnen. Ein Netz von Veranstaltern im Land richtet wechselweise die Plattform aus und beruft eine sechsköpfige Jury. In diesem Jahr war es wieder einmal Frankfurt am Main.

Seit den Anfängen hat sich einiges in der Szene verändert. Inzwischen haben freie Choreografinnen und Choreografen längst an festen Häusern, zumeist beim Schauspiel, angedockt, vergeben Ballettkompanien Stückaufträge an Freie. Den Gegensatz zwischen festen Bühnen und freien Gruppen gibt es so nicht mehr. Es stellt sich allerdings gelegentlich die Frage, wer da offenbar mangels Alternative bei den Tanzplattformen auftreten darf. Die wechselnden Jurys ringen stets um andere, strengere Auswahlkriterien, um das allgemeine Niveau zu heben. So auch diesmal. Von Qualität ist komischerweise nicht die Rede. Auch nicht davon, ob eine Aufführung nur annähernd die Kriterien von professionellem Bühnentanz erfüllen sollte. Seit den Meta-Verhandlungen vor Publikum im Konzepttanz und der Nondancer-Mode in den Neunzigerjahren gelten derlei Vorgaben wohl als kleinkariert. Da stehlen einem zum Beispiel zwei aus Serbien stammende "Performer" mit heftigem Theorieanspruch mit einer völlig sinn- und tanzfreien Spielanordnung fürs anwesende Publikum unter dem Titel "On Trial together" zweieinhalb Stunden Lebenszeit. Angedient wird einem das Ganze als "soziale Choreografie".

Waterboarding, Aerobic und Kraft-durch-Freude-Tänze, aber wenig künstlerische Energie

"Impulsgebend" sollten laut Jury die zwölf ausgewählten aus 200 Aufführungen sein. Immerhin kommen vier von ihnen - es sind jene, die dieser Forderung wenigstens teilweise gerecht werden - aus festen Häusern: "Das triadische Ballett" vom Bayerischen Staatsballett II, "Until Our Hearts Stop", Megs Stuarts Intim-Untersuchung menschlicher Beziehungen in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen, "Parade", die freche Neuinterpretation des Skandalstücks der Ballets Russes von Adam Linder für The Place in London, und "Not Punk, Pololo" von Gintersdorfer/ Klaßen aus Berlin. Letzteres gab's zur Eröffnung im Frankfurter Schauspielhaus, wo sich vor nicht allzu langer Zeit die Ballettrevolution in Gestalt von William Forsythe ereignete. Gintersdorfer/ Klaßen zeigen hier subkulturellen Clash - mit einem lustigen Conférencier (weiß) und einem ivorischen Tänzer (schwarz), der vor allem schwer an seinem Gemächt trägt. Das hat Tempo und reicht immerhin als schmissige Show.

Dies nimmt entspannt zur Kenntnis, wer zuvor bereits das Duo Verena Billinger & Sebastian Schulz im Mousonturm mit "Violent Event" erlitten hat. Fünf Männer und Frauen exerzieren aneinander Gewaltakte wie Waterboarding als Didaktik-Demo beim ökumenischen Jugendtreff. Billinger und Schulz, die nicht vom Tanz kommen, stehen exemplarisch für den Dilettantismus, der bei dieser Tanzplattform zum reflektierten Prinzip erhoben wurde.

Im Zwischenbereich bewegt sich da Paula Rosolen mit ihrer monotonen Reprise "Aerobics!", welche sie ohne Scheu ein "Ballett in 3 Akten" nennt und dabei doch nicht viel mehr beweist als die Ausdünnung lässiger Jazztanz-Synkopen und fußflinker schottischer Reels zu öder rhythmischer Körperertüchtigung in artigen Raummustern. Noch ein bisschen dilettantischer sehen Isabelle Schads "Collective Jumps" aus, chorische Tänze in Ringelreihen in Anlehnung an FKK-Tänze und Kraft durch Freude in den 20er- und 30er-Jahren.

Da freut man sich über sensibel tastende Raumforscher wie Ian Kaler und Philip Gehmacher in "o.T.". Und noch mehr über Adam Linders humorige "Parade", der, wie auch seine beiden Mitstreiterinnen Raumgefühl, künstlerische Energie und eine Körperspannung mitbringt, wie man sie von Tänzern erwartet.

Marta, die Schnecke, übrigens hat die Ziellinie ignoriert. Ganz wie die Tanzplattform in diesem Jahr.