Tanz Staatsballett

Tanzen und gucken - eine Szene fast wie früher, an den Höfen der Könige. Nur ist es eine Soiree im Bundespräsidialamt.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Klassik, Hip-Hop, Slapstick und Bundespräsident Joachim Gauck: Was das "Tanzjahr 2016" im Schloss Bellevue macht.

Von Dorion Weickmann

Das sind die lang ersehnten höheren Weihen: Mit einer Soiree im Schloss Bellevue hat Bundespräsident Joachim Gauck das "Tanzjahr 2016" eröffnet. Ausgerufen haben es die Veranstalter der drei wichtigsten Branchentreffs - Tanzplattform, Tanzkongress, Tanzmesse - gemeinsam mit dem Dachverband Tanz. Die Kampagne zielt darauf, den Tanz prominenter zu platzieren. Dafür reicht es allerdings nicht, Markenbotschafter wie Senta Berger zu rekrutieren und Einlass in bundespräsidiale Gemächer zu erlangen. Aller PR-Seligkeit zum Trotz bemisst sich die Bedeutung der Kunstform Tanz am Ende allein an dem, was Choreografen, Tänzer, Ensembles auf die Bühne bringen.

In diesem Sinn taugen die Kostproben, die dem Staatsoberhaupt serviert wurden, als Zustandsmarker. Das Berliner Staatsballett bot vermuffte Klassik, die Münchner Kollegen lieferten Highspeed-Dynamik. Dazwischen tummelten sich Hip-Hop- und Slapstick-Nummern sowie Lutz Försters ergreifendes Solo "The Man I Love" als Auskoppelung aus Pina Bauschs "Nelken"-Abend von 1982. Ältlich wirkte dagegen der neu gefertigte Beitrag, der für den Inbegriff akademisch diplomierter Tanzkunst stehen sollte: Paula Rosolens "Aerobics", ein schaler Jane-Fonda-Verschnitt, getarnt als "Ballett in drei Akten", das Turnfertigkeit mit Tanz verwechselt.

Das ist leider kein Zufall, sondern Folge von Konzepthörigkeit bei gleichzeitiger Absage an fachliche Grundlagen. Was Beherrschung des Körperinstruments, Ausdruckskraft und Aussagefähigkeit betrifft, liegen Ballett und smarte Hip-Hop-Produktionen inzwischen gleichauf, während der zeitgenössische Tanz sich häufig mit bloßer Kunstbehauptung begnügt. Die Legende besagt, dass der Stadt- und Staatstheaterbetrieb rückständig sei, die Labore des Fortschritts würden von der frei flottierenden Konkurrenz betrieben. Empirisch trifft das Gegenteil zu: Die choreografische Avantgarde von Pina Bausch bis William Forsythe hat sich innerhalb fester Strukturen entwickelt.

Was jedoch nicht bedeutet, dass jede kommunale Bühne heutzutage Tanz auf Augenhöhe mit der Gegenwart produziert. Dennoch liegt die Auslastung der Sparte konstant bei achtzig Prozent. Und das hat Gründe: Mag die Inszenierung noch so mau sein, die Stückidee schwächeln - Tänzer und Tanzmacher im festen Engagement sind für ihr Tun gerüstet. Sie stehen auf dem Fundament ausgefeilter Bewegungstechniken. Deshalb wird ein Mindestmaß soliden Handwerks so gut wie nie unterschritten.

Auch in der freien Szene gibt es originelle Köpfe, große Könner, und die Besten der Besten - Choreografen wie Meg Stuart, Sasha Waltz, Helena Waldmann oder Christoph Winkler - sorgen für ausverkaufte Säle. Dass sie immer noch in prekären Arbeitsbedingungen ausharren müssen, ist ein kulturpolitischer Skandal. Aber es gibt eben auch die Minderbegnadeten, für deren Erzeugnisse gilt: geschlossene Gesellschaft, nur Eingeweihten zugänglich! Wieso das Etikett "Tanz" für Aufführungen herhalten muss, die wechselweise an Bewegungsdiarrhoe oder -obstipation kranken und keinerlei künstlerische Absicht, geschweige denn Stil- und Formwillen erkennen lassen, bleibt rätselhaft. Die notbehelfsweise gern benutzte Rubrizierung "Performance" steht in solchen Fällen für dilettantischen Mischmasch.

Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Ob Musiker, Maler, Schriftstellerin oder Filmregisseurin - Profikünstler müssen ihr Werkzeug und ihr Metier beherrschen. Doch der zeitgenössische Tanz von mittlerer Qualität drückt sich um eine Positionsbestimmung herum. Fragen nach ästhetischen, inhaltlichen, tänzerischen Prämissen werden ausgeblendet. Einen Bachelor in Choreografie kann man offenbar mit der Lektüre von Foucault, Lacan und Jean-Luc Nancy erwerben. Aber Tanz, der hauptsächlich mit dem Hirn agiert, verspielt sein sinnliches, so betörendes wie verstörendes Potenzial.

Mit der Öffnung zu anderen Disziplinen und allerorten aufgelegten Partizipations-Programmen hat der Tanz seinen Aktionsradius in den vergangenen Jahren erheblich erweitert. Einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Substanz ist er hingegen ausgewichen. Das "Tanzjahr 2016" ist ein guter Anlass zur Selbstbesinnung: auf das, was zeitgenössische Tanzkunst ausmacht.