Tanz Mehr als Plaisir

Dustin Klein (links) wird von seinem Schlächter bezirzt.

(Foto: Wilfried Hösl)

Vier junge Choreografen im Prinzregententheater

Von Rita Argauer

Als verliebtes Paar unter Müllbergen begraben werden oder einer Tierschlachtung beiwohnen, die zur Massenindustrie pervertiert wurde. Die Flucht in nostalgische Poesie oder in pure Ästhetisierung. Beim Ballettabend "Junge Choreografen" zeigt das Bayerische Staatsballett vier Uraufführungen im Prinzregententheater. Und so unterschiedlich die stilistischen Ausformungen und Vorlieben der allesamt zwischen Ende 20- und Mitte 30-jährigen Choreografen sind, eines fällt auf: Man wendet sich hier mit einer Ausnahme wieder ganz konkreten Themen zu. William Forsythes Abstraktion oder die bildreichen Assoziationsströme eines Jiří Kylián sind passé. Die harten Themen der Gegenwart werden für die junge Generation zur Vorlage für ihre Bühnenstücke.

Im Eröffnungsstück "Waste" des tschechischen Künstlers Štěpán Pechar geschieht diese Übersetzung ganz direkt. Ein Paar - Ziyue Liu im rosa Blümchenkleid und Dukin Seo im adrett hellblauen Hemd - kugeln und tollen kindlich und voller romantischer Naivität über die Bühne des Prinzregententheaters, bis sie schließlich von der Dystopie eines vermüllten Planeten eingeholt werden - flankiert von vier weiteren Paaren als dunkle Spiegelbilder und einer Menge schwarzer Plastikmüllsäcke. Erdrückt wird die süße Zweisamkeit und die idyllische Zukunft, das wird in Gesten wie Kopfschütteln und Händeringen deutlich gemacht - so eindeutig wie plakativ und eben ein bisschen abziehbildhaft.

Auch der Staatsballett-Halbsolist Dustin Klein setzt in seinem Stück "Abferkeln" auf Eindeutigkeit. Zur Musik von Matthew Herbert, die auf den Geräuschen des Lebenszyklus' eines Mastschweins basiert, stellt Klein genau diesen mit Präzision nach. Der Schauspieler Luis Lüps spielt faktenreich die Recherche zum Schweineleben vor. Die stark pantomimische Tier-Choreografie für vier Tänzer verkommt dabei jedoch zum Beiwerk für einen überpräsenten Schauspieler, dessen Dasein in einer erotisierten Schlachtszene mit viel Kunstblut gipfelt. Doch immerhin polarisiert Dustin Kleins Dokumentartanztheater so sehr, dass einige Zuschauer den Saal verlassen - Tanz darf und soll 2018 also auch gerne mehr sein als reines Plaisir, das ist die gute Nachricht dabei.

Mit dem chinesischen Künstler Menghan Lou und dem Stück des US-Amerikaners Peter Walker gibt es als Ausgleich dann auch zwei Poeten. Lou erzählt in nostalgischem Kostümbild und einer wunderbar flüssigen Modern-Bewegungsfolge unter dem Titel "To & From" von diffusen Heimatgefühlen und Vergangenheitswärme. Toll ist die ausdrucksstarke Séverine Ferrolier und ein verlorener Jonah Cook. Im Bühnennebel und schummrigen Licht vermittelt Lou das Gefühl von Heimweh und Erinnerung - verzichtet aber auf konkrete Nachahmung. Peter Walkers "Consonance - Tempo Giusto" ist noch eine Spur abstrakter. Reiner Tanz im Sinne Balanchines ist der einzige Inhalt. Doch durch den so klaren Bezug zur Neo-Klassik, die Walker nur sehr sanft ein wenig ins Moderne zieht, ist er der Nostalgie rein tanztechnisch zu nah. Und so mag die Choreografie trotz der Bravour-Tänzerinnen Ksenia Ryzhkova und Prisca Zeisel nicht ganz eigenständig zu fließen beginnen.