Bewundernswerter Stolz: Hélène Berr hat ein Tagebuch über jüdisches Leiden im von Deutschen besetzten Paris geschrieben. Die französische Anne Frank.
Im letzten Frühjahr erregte in Paris die Ausstellung "Les Parisiens sous l'Occupation" Aufsehen: Zu sehen waren rund 200 Farbaufnahmen von André Zucca, die das Leben unter der deutschen Besatzung dokumentierten. Die Fotografien zeigten altvertraute Paris-Klischees: gutbesuchte Caféhausterrassen, idyllisches Markttreiben, Liebespaare oder Kartenspieler im Park, Bouquinisten oder Fischer an den Seine-Kais. Dass Paris von den Deutschen besetzt und das Leben in der Stadt mit stetig verschärfter Willkür kontrolliert wurde, ließ sich allenfalls erahnen, denn nur auf wenigen Aufnahmen waren die Besatzer als harmlose Statisten zu sehen. Deutsche Soldaten, als Besucher der Pferderennbahn von Longchamp oder nach dem Besuch einer Messe auf den Stufen der Madeleine. Diese vermeintliche Normalität verrät die Absicht: André Zucca machte diese Fotografien für das Magazin Signal, das vom Reichspropagandaministerium finanziert wurde.
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Dokumentierte ihren Leidensweg für "den Jungen mit den grauen Augen": die jüdische Studentin Hélène Berr. (© Foto: ddp)
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Darauf verwiesen die Bildlegenden der Ausstellung, an der aber dennoch heftige Kritik mit dem Tenor geübt wurde, sie behandele diese propagandistischen Fotografien allzu naiv als Dokumente. In der Kritik zeigte sich eine Sensibilität, deren völligen Mangel zurzeit der deutschen Besatzung ein Tagebuch leitmotivisch verklagt, das die einer gutbürgerlichen jüdischen Familie entstammende Studentin Hélène Berr zwischen dem 7. April 1942 bis unmittelbar vor ihrer Deportation aus Paris nach Auschwitz am 8. März 1944 geführt hat. Dieses Tagebuch ist eine literarisch anspruchsvolle Schilderung jüdischen Lebens und Leidens im von den Deutschen besetzten Paris.
Es ist ein Text, der in der schonungslosen Klarheit von Erlebnisschilderungen, die sich mit staunenswert reifen Reflektionen der 22-jährigen Autorin abwechseln, jene falsche Idylle entlarvt, die André Zuccas Fotografien zeigen. Das Journal der Hélène Berr ist das erschütternde Protokoll eines Abstiegs aus großer Geborgenheit in eine Hölle. Der wird von ihr als umso fürchterlicher erlebt und erlitten, weil viele ihrer Mitmenschen zu Empathie und Einsicht unfähig sind: "Nicht wissen, nicht verstehen, selbst wenn man Bescheid weiß, weil eine Tür in einem selbst geschlossen bleibt, jene Tür, die, wenn sie aufgeht, endlich den Teil begreifen lässt, den man bloß wusste", notierte sie am 12. November 1943. "Das ist das ungeheure Drama dieser Epoche. Niemand weiß etwas von den Leuten, die leiden."
Dem Verhängnis mit Stolz trotzen
Die Genese dieses Begreifens wie auch die Fähigkeit, damit umzugehen, ohne Lebensmut und Würde zu verlieren, vielmehr daraus eine Stärke zu gewinnen, dem drohenden Verhängnis mit bewundernswertem Stolz zu trotzen, ist die zutiefst berührende Botschaft dieses Tagebuchs. Was Hélène Berr die Kraft verschaffte, diesen Leidensweg erhobenen Hauptes zu gehen, war die selbstauferlegte Pflicht, Zeugnis zu geben. Aber nicht der Nachwelt, sondern vor allem einem Adressaten, dem "Jungen mit den grauen Augen", Jean Morawiecki, einem Kommilitonen von der Sorbonne, in den sie sich im Frühsommer 1942 verliebt hat. "Ich will", so notiert sie Ende Oktober 1943, "dass man es Jean gibt, falls ich nicht da bin, wenn er zurückkommt. Ich will nicht verschwinden, ohne dass er alles weiß, was ich während seiner Abwesenheit gedacht habe . . . ".
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Hélène Berr entschied, sich um die Familien deportierter Juden zu kümmern.
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