Von der Filmindustrie wird YouTube abgelehnt und gleichzeitig umarmt: "The marketing guys love YouTube, the legal guys hate it", wie in Variety zu lesen war. Ein Urheberrechtsstreit mit dem amerikanischen Sender NBC brachte YouTube einen frühzeitigen Popularitätsschub ein. Der Fall illustriert Dialektik und Ambivalenz im Verhältnis der alten hegemonialen Kulturindustrie zum Wildwuchs der vom Nutzer generierten neuen.

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Denn nur wenige Monate später schlossen NBC und YouTube einen Kooperationsvertrag ab: Die "Marketing-Typen" des Fernsehsenders hatten die "Justiziar-Typen" überzeugt, dass es keine bessere Werbung beim jungen Publikum gibt als die Präsenz im Netz.

Wie spielt die Katze?

Während Copyright-Verletzungen immer noch für grelle Schlagzeilen sorgen, wurden hinter den Kulissen längst Allianzen beschlossen: Die Musikindustrie, namentlich Warner, EMI, Sony und Universal, will YouTube als Archiv für Musikvideos nutzen, des Clipkultur-Pioniergenres.

Zudem dürfen die User Songs der Kooperationspartner als Soundtracks für ihre Filme benutzen - der Markt macht sich die Anarchie der Bilder zu eigen: So gehören etwa die professionellen Musikvideos der Sängerin Rihanna, die vielfach und unter allen populären Schlagworten eingestellt werden, zu den erfolgreichsten Clips bei YouTube.

Angesichts dieser Annäherung an traditionelle Sehgewohnheiten steht die Frage im Raum, ob YouTube sich mit leistungsfähigeren Leitungen und Computern zum Internetfernsehportal wandeln wird oder ob eine genuine Clipkultur bestehen bleibt. Die Beschränkung der Filmlänge auf zehn Minuten und 58 Sekunden ist eine Stärke des Mediums, weil sie zum bewussten Umgang mit der Ressource Aufmerksamkeit zwingt.

YouTube ist zudem einfach zu handhaben, jeder kann die Clips auf seiner eigenen Homepage einbauen oder selbst Filme hochladen. Trotz der enormen Materialmenge bleibt die Website an der Oberfläche übersichtlich: Die randvoll mit Bildern gefüllten Schluchten sind wie unter Falltüren verborgen.

YouTube pflegt eine Konsenskultur, die auf Hardcore-Sex und dokumentierte Gewalttaten verzichtet. Mit entscheidenden Ausnahmen: Bei den Hinrichtungsvideos von Saddam Hussein, die im Januar 2007 im Netz auftauchten, zeigte sich, wie die Allverfügbarkeit der Bilder auch zum Politikum werden kann.

Die Wahrheit der Bilder ist überprüfbarer geworden und zugleich einer größeren Bandbreite an technischen Manipulationen ausgesetzt. Aber auch die Verantwortung für die Bilder wird auf immer mehr Schultern verteilt. So spielt sich der Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft in diesen Tagen auch bei YouTube ab: Die Bürger antworten mit Filmen auf die Spots der Kandidaten, für die Politiker ist das ein extralanges TV-Duell mit dem Volk.

Weil YouTube den Markt für ein mediales Filtersystem und die Kommunikation qua Clip erkannt und vergrößert hat, baut das Unternehmen derzeit nationale Netz-Dependancen mit einem regionalen Angebot auf. Das klingt nach einem Rückfall vom WorldWideWeb in Kleinstaaterei, ist aber die konsequente Fortsetzung des Pajamas-Prinzips aus jenem ersten Clip mit der Katze: 65 000 neue Videos werden pro Tag hochgeladen und 100 Millionen Clips angeschaut; der Großteil der User ist zwischen 12 und 17 Jahren alt, eine bildergierige Jugend, die die Zukunft bedeutet. Auch in einer globalisierten Welt interessiert sie sich am meisten dafür, wie ihre Katze spielt, was also in ihrer Region in ihrer Sprache geschieht.

Eine gewisse Verbindlichkeit, die die Menschen einst bei der Mondlandung vor den wenigen Fernsehgeräten versammelte, wächst also auch im scheinbar chaotischen Bilderwirbel des Netzes nach.

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  1. Schwamm in der Bilderflut
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(SZ vom 12.11.2007/ihe)