"Tag der offenen Tür" im Bahnhofsviertel Banken, Bars und Bordelle

In der Frankfurter "Bahnhofsviertelnacht" öffnet das Quartier seit 2008 einmal im Jahr seine Pforten. Dann bekommt das interessierte Publikum Einblicke in einen Ort voller Geheimnisse, der zugleich als schick und trendy gilt. Dabei ist das Rotlichtviertel zuallererst eines: Lebensraum für eine hybride, städtische Kultur.

Von Volker Breidecker

Seit den Tagen von Rosemarie Nitribitt zählt das Frankfurter Bahnhofsviertel zum unauslöschlichen Mythenkreis dieser Republik. Als deren verruchte Kehrseite steht es im Ruf, ein Hort des Verbrechens, des Drogenmissbrauchs, der sexuellen Devianz und der moralischen Korruption zu sein. Der schlechte Ruf wächst mit der Entfernung; noch an der Isar nimmt man mit Schrecken zur Kenntnis, dass eine der drei Magistralen, die sich durch das Viertel ziehen, ausgerechnet Münchener Straße heißt. Die klischeehafte Wahrnehmung lässt dabei keine Gelegenheit aus, die räumliche Nachbarschaft von "Banken, Bars und Bordellen" in jenem kleinsten Frankfurter Stadtquartier qua Alliteration zu unterstreichen.

Türsteher Marc Schildberger steht vor dem "Bistro 91" im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main. Nach Schätzung der Hilfsorganisation für Prostituierte "Doña Carmen" arbeiten rund 1000 Frauen in der Bankenstadt.

(Foto: dpa)

Zusätzliche Nahrung erhält die Phantasie dadurch, dass sowohl die Stätten des sexuellen Lustgewerbes als auch jene des begehrlichen Handels mit Wertpapieren und anderen Fiktionen Orte sind, von denen Menschen, die dort nicht selbst regelmäßig ein- und ausgehen, gar nicht so genau wissen, was auf solch geheimnisvollen Bühnen eigentlich gespielt wird. Zuständig für die Verbreitung der "ungeschminkten Wahrheit" über das Frankfurter Bahnhofsviertel ist dagegen seit Jahrzehnten der Boulevard, allen voran die Bild-Zeitung. Vorige Woche machte sie mit der Schlagzeile auf: "Das Bahnhofsviertel, wie es droht und drückt."

Anlass war schon im Vorfeld die im Verbund von Stadt, lokalen Gewerbetreibenden, kulturellen und karitativen Einrichtungen sowie zivilgesellschaftlichen Initiativen veranstaltete Bahnhofsviertelnacht. Seit 2008 gibt sie dem interessierten Publikum Einblicke in sonst verschlossene Orte oder wenig bekannte Einrichtungen und schickt es auf eine innerstädtische Entdeckungsreise - in die unbekannten Gebiete eines lange Zeit vernachlässigten und diversen Monokulturen überantworteten ehemaligen Nobelquartiers. Trotz bester und auch ästhetisch wertvollster Bausubstanz wurde es noch bis in die neunziger Jahre systematisch entvölkert, so dass dort heute weniger als 2000 Menschen leben.

Bild brachte die Bahnhofsviertelnacht vorweg auf die Formel "In 3 Tagen lockt das Rotlicht". Andere Medien folgten, und berichteten über Aufläufe vor den Bordellen und die nur Frauen vorbehaltenen Führungen durch die Laufhäuser. Bild prognostizierte ferner: "Die Bahnhofsviertelnacht zieht aufgeregte Vorstädter, faszinierte Intellektuelle und engagierte Politiker an." Zumindest damit lag das Blatt so falsch nicht. In der Tat hat sich das einst verkommene Viertel seit seiner Wiederentdeckung in den Nuller Jahren und seit der Wiederbelebung der Frankfurter Kaiserstraße zum Boulevard gewaltig verändert. Es befindet sich in einem Umbruch, der noch in der Schwebe, also steuerbar ist, mit ungewissem Ausgang.

Da sind die "engagierten Politiker", die seit 2004 die gesetzlichen und finanziellen Voraussetzungen für das Projekt "Stadtumbau" gelegt haben. Davor aber waren schon die Intellektuellen da, zuerst die Soziologen und Kulturanthropologen: Auf der Suche nach nahe gelegenen Gebieten für mikrologische Feldforschungen, die Lehren von Georg Simmel und Robert E. Park, von Richard Sennett, Erving Goffman und Kevin Lynch im Gepäck, entdeckten sie in dem verrufenen Stadtquartier, in dem Migranten aus 84 verschiedenen Nationalitäten leben und ihrem Tag- oder auch Nachtwerk nachgehen - allein auf der Münchener Straße in schier unglaublich bunter Dichte und Vielfalt -, alle Chancen für ein urbanes Soziallabor: Nicht für "Multikulti" nach dem Merkelschen Modell west-östlicher Schrebergärten, sondern für eine ganz neue, eine hybride städtische Kultur, die zwar noch keinen Namen hat, die aber nicht mehr nach Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht, Nation, Sprache und Herkunft als Kriterien der Ab- und Ausgrenzung des Fremden fragt.

Jungvolk aus der Frankfurter Festmeute

Und danach kamen die Stadtplaner, teilweise importiert aus Berlin durch die Experten von S.T.E.R.N., der im Gefolge der IBA von 1985 gegründeten "Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung", die Erfahrungen mit der Sanierung und Modernisierung von Altbauten hat. In Frankfurt kommt als besondere Aufgabe die Um- oder Rückverwandlung von Büro- und Gewerberäumen in Wohnräume hinzu. Man muss allerdings so realistisch sein, dass jedes Programm zur Qualitätsverbesserung eines Quartiers auch Prozesse der Gentrifizierung mit sich bringt. Im Gefolge der Planer strömten und strömen jedenfalls vor allem Künstler und die Angehörigen der sogenannte Kreativwirtschaft in das Quartier, das heute als schick und trendy gilt. Bleibt zu hoffen, das hier nicht wieder nur eine neue Jeunesse dorée entsteht.

Dies tangiert auch die womöglich bleibenden Auswirkungen solcher Veranstaltungen wie der Bahnhofsviertelnacht, die in diesem Jahr bei subtropischer Temperatur rund 25.000 Menschen anzog. Darunter war sehr viel Jungvolk aus der nicht ganz atypischen Frankfurter Festmeute, die größtenteils aus dem Umland stammt, um sich das ganze Jahr über, immer die Pulle zur Hand, von Fest zu Fest zu wälzen. Über den Auftritt dieser vermeintlich "jungen Urbanen" schrieb das Szenemagazin Journal Frankfurt, er gliche "einem ,Fixie Flashmob' - die bunten, hippen Bikes ohne Bremsen zierten mehr als sonst das Stadtbild".

Zu besichtigen waren Modellprojekte und Baustellen, ein zum Studentenwohnhaus umgebautes Polizeirevier, Einrichtungen der Drogenhilfe und der Fürsorge für Obdachlose. Offen stand das Büro von Doña Carmen e.V., der kämpferischen Selbsthilfeorganisation für die Rechte von Prostituierten; geöffnet für Gespräche waren Moscheen und Künstlerateliers. Auf der Marmortreppe des einstigen Hotels "Englischer Hof", in dem schon Joseph Roth verkehrte, versammelte der Weissbook Verlag sein Publikum zu Lesungen. In der Bundeszentrale von Attac am Eingang der Münchener Straße konnte man sich über die dort schon lange gehegte Idee einer Finanztransaktionssteuer zur Eindämmung der Spekulation informieren und von der breiten Terrasse des Hauses einen grandiosen Blick auf das Straßenleben des Viertels werfen, so wie am späteren Abend, am anderen Ende des Quartiers, von der Spitze des Art-Towers der Commerzbank.

Gitarrenkonzert in verrufenen Straßen

Zivilität und Humanität konnte man im Gespräch mit Wohnsitzlosen ebenso wie mit den Brüdern der ältesten Frankfurter Freimaurerloge "Zur Einigkeit" erfahren, die im prachtvollen Festsaal - rares Beispiel eines heiteren Rokoko-Historismus - das Publikum bewirteten. Draußen, in einer Vitrine, war ein Aufruf gegen Fremdenfeindlichkeit zu lesen, unterzeichnet von Resit Resuloglu, dem - türkischen - Meister vom Stuhl dieser Loge, der das Entsetzen seiner "aus mehr als 24 Nationen unterschiedliche Glaubens- und Denkrichtungen" stammenden Mitbrüder über die Attentate in Norwegen ausdrückte. Zum Abschluss ein Gitarrenkonzert, unplugged vor dem originellsten Musikaliengeschäft des Kontinents, Cream Music, in der verrufenen Taunusstraße. Wer hier dabei war, für den war und ist selbst das benachbarte Rotlichtviertel zuallererst Lebensraum.