Wie verändert sich Sprache? Und welche Rolle spielen die Medien dabei? Fragen zu Jugendsprache und Anglizismen beantwortet der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger.
Am Samstag ist der Tag der deutschen Sprache, mit dem der Verein für deutsche Sprache seit 2001 das Bewusstsein für die eigene Sprache erhalten möchte. Ludwig Eichinger ist Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und Professor an der Universität Mannheim. Er beschäftigt sich seit über dreißig Jahren mit der Entwicklung der deutschen Sprache.
"Die Medien vervielfältigen die Medien oft eine Sprache von nur wenigen", sagt Ludwig Eichinger. (© Foto: privat)
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sueddeutsche.de: Herr Eichinger, ist "Pulloverschwein" eine Beleidigung?
Ludwig Eichinger: Vermutlich nicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht ein schmutziger Mensch im Pullover?
sueddeutsche.de: Ich verrate es Ihnen: So nennen einige Jugendliche heute ein Schaf. "Pulloverschwein" hat sich laut Studien aus der Sprachforschung bisher nur unter Teenagern verbreitet. Welche Faktoren entscheiden darüber, ob sich ein Wort auch allgemein durchsetzt?
Eichinger: Das Beispiel beschränkt sich ja auf eine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft. In der Jugendsprache dienen Wortbildungen häufig der Identifikation mit einer Gruppe. Wenn sie von der Allgemeinheit übernommen werden, sind sie nicht mehr so interessant und werden durch etwas anderes abgelöst. Um alltagssprachlich wirksam zu sein, ist "Pulloverschwein" aber zu metaphorisch und zu unernst, als dass es in der normalen Sprache auf Dauer bestehen könnte.
sueddeutsche.de: Woran liegt es, dass sich das Wort "geil" in fast allen gesellschaftlichen Schichten durchgesetzt hat?
Eichinger: Jugendsprache braucht ja immer Steigerungswörter. Als ich klein war, war "wahnsinnig" sehr beliebt. Die Kritiker sagten damals: "Die Jugend hat nicht einmal vor den Geisteskranken Respekt!" Heute ist beinahe alles "wahnsinnig schön" und ist keineswegs provokant gemeint. "Geil" ist eines der letzten Wörter dieser Art.
sueddeutsche.de: "Geil" hatte ja ursprünglich eine andere Bedeutung.
Eichinger: Richtig. Offenbar pflegen die sprachlichen Jugendkulturen eine Außenseite, die schockierend wirken soll. Dazu passt auch die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene ambivalente Verwendung von ursprünglich negativen Wörtern wie "ätzend". Seit langem schon hat die amerikanischen Inner-City-Sprachgewohnheiten übernommen. Erinnern Sie sich an Michael Jackson, der "I'm bad" gesungen hat, was aber soviel bedeutet wie: "Ich bin toll".
sueddeutsche.de: Finden Sie es schade, dass alte Wörter verloren gehen?
Eichinger: Nicht prinzipiell. Es gibt Zeiten, in denen die Menschen bestimmte Wörter wählen, um zu signalisieren, dass sie modern sind, dass sie einigermaßen in ihrer Welt leben. Logischerweise verschwinden aber Wörter, wenn ihr Ursprung oder ihre Funktion nicht mehr wichtig ist. In einem meiner Projekte befragen wir Bauern in Oberbayern nach den Teilen eines Erntewagens. Wörter wie "Anze", eine regionale Benennung für die Deichsel, sind praktisch tot. Das wird man aber wohl nicht Verlust nennen können.
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