Tacita Dean in der Tate Modern Bis unter die Decke

Das Werk, mit dem die Künstlerin Tacita Dean derzeit die Turbinenhalle der Tate Modern füllt, heißt schlicht "Film" - und genau der ist für die Britin "so wichtig wie für den Maler die Farbe". Auf 13 Metern Höhe.

Von Alexander Menden, London

Wird ein Künstler beauftragt, die fünf Stockwerk hohe, 3400 Quadratmeter große Turbinenhalle der Londoner Tate Modern zu bespielen, hat er zwei Möglichkeiten: Entweder füllt er den ganzen Raum, wie das 2003 Olafur Eliasson mit seiner künstlichen Sonne tat. Oder er lockt sie in den hinteren, vom Eingang schlecht einsehbaren Teil der Halle. Das verheißt eine intimere Erfahrung, sofern man angesichts der zwangsläufig gigantischen Ausmaße eines solchen Unterfangens von Intimität sprechen kann. Die Britin Tacita Dean, deren bündig "Film" genannte Arbeit die zwölfte Installation in der Halle darstellt, hat sich für die zweite Variante entschieden.

Tatsächlich verbindet ja nichts emotionale Nähe und große Dimensionen so perfekt wie der Film, jenes Medium, das für die 1965 in Canterbury geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin "so wichtig ist wie für den Maler die Farbe", wie sie selbst sagt. Dean wird als Generationsgenossin Damien Hirsts zu den "Young British Artists" gezählt, obwohl sie sich selbst nicht als Teil jener Gruppe sieht. Sie hat ihren eigenen Weg beschritten, und wie wenige andere Film als Dokument der Vergänglichkeit ausgelotet, etwa in ihren Porträts älterer Künstler wie Merce Cunningham und Cy Twombly. Und so ist "Film" vor allem eine Feier der fotochemischen Dinglichkeit von Film, die sich in einem Verdrängungskampf mit der digitalen Konkurrenz befindet.

Tacita Dean hat vor die Rückwand der abgedunkelten Turbinenhalle eine vertikale Projektionsfläche gesetzt, die mit 13 Metern Höhe fast bis unter die Decke reicht. Diese Drehung vom Breit- ins Hochformat, und die Tatsache, dass die beidseitigen Perforationen des Films sichtbarer Teil des Bildes sind, lässt die Installation wie ein stummes Selbstporträt des filmischen Mediums wirken. Die elfminütige Endlosschleife, in Berlin mit einem überwiegend deutschen Team gedreht, nutzt nahezu alle Möglichkeiten, die eine Filmspule an Bearbeitung zulässt: Collagen, Split-Screens, schwarz-weiße und farbige Passagen.

Dean nutzt die Höhe der Halle zum Spiel mit Größenverhältnissen, wenn in Wirklichkeit winzige Pilze plötzlich die ganze Leinwand einnehmen, und so wie Mammutbäume aufragen. Auch die Turbinenhalle selbst taucht immer wieder als Motiv auf. Dean bildet die Wand ab, die von der aufragenden Projektionsfläche verdeckt ist, lässt den Raum, der verdunkelt hinter dem Werk zurücktritt, zu seinem Recht kommen.

Die Referenzen sind ebenso subtil wie vielfältig: Ein gigantisches Ei erinnert an René Magritte, während eine handgemalte Sonne in der Turbinenhalle direkten Bezug auf Eliassons Arbeit nimmt. Ein weiteres wiederkehrendes Motiv ist die Bergspitze, zugleich Firmenlogo der Paramount-Studios. Es ist ein wehmütiger Verweis auf eine Filmwelt, die sich von ihrer Vergangenheit losgesagt hat.

Welche Gefahren diese altmodische Art zu arbeiten mit sich bringt, erwies sich übrigens noch kurz vor der Enthüllung der Installation: Durch einen Schnittfehler stark beschädigt, musste "Film" im letzten Moment neu geschnitten werden. Doch selbst -- oder gerade - solche romantischen Unwägbarkeiten machen Tacita Deans Plädoyer für eine Filmwelt jenseits des Digitalen so überzeugend.

"The Unilever Series - Tacita Dean: Film" in der Tate Modern, London, bis 11. März 2012. Info: www.tate.org.uk, Katalog 14,99 Pfund.

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