SZ-Serie: Was ist Heimat? Nirgends wird Arbeit an der Welt so intensiv geleistet wie in der Literatur

Nationalismusforscher Langewiesche spricht vom "Mitgestaltungsaspekt von Heimat". Eine Art Arbeit an der Welt. Es ist das Gefühl, die eigene Welt gestalten zu können, das viele vom katalanischen Girona bis zum englischen Boston vermissen - beides Hochburgen des Separatismus. Das Narrativ Heimat bedarf schließlich ständiger Fortschreibung. Und zwar nicht nur in der Politik, sondern auch in Büchern, Filmen, Schulen, Zeitungen. Wohl nirgends wird diese Arbeit seit jeher so intensiv geleistet wie in der Literatur. Der Heimatroman ist zurück: Aktuelle Romane wie "Altes Land" von Dörte Hansen oder "Der Fuchs" von Nis-Momme Stockmann spüren demselben Gefühl der Entwurzelung nach, auf das die AfD, die FPÖ oder der Front National eine Antwort gefunden zu haben glauben. Sie tun es aber mit den Möglichkeiten der Literatur, ohne Separatismus, ohne Ressentiments.

"Altes Land" etwa thematisiert die Sehnsucht nach Heimat in der Person eines Journalisten, der im Wortsinne ausgestiegen ist aus der Hetze der Großstadt und sich selbst als "downshifter" betrachtet, der "kapiert hat, dass weniger mehr war". Nis-Momme Stockmanns Roman "Der Fuchs" enthält keine so deutlichen ironischen Spitzen gegen die aufs Land ziehenden Städter; hier wird ein Deich um eine Kleinstadt zu einer Metapher der Beklemmung und des klaustrophobischen Milieus auf dem Land. Heimat ist in beiden Romanen nicht mehr ein Ort, von dem man auszieht, um die Welt zu erkunden; so kehren diese neuen Heimatromane das Prinzip des Bildungsromans um. Hier kommt die Heimat abhanden, ohne dass etwas gewonnen wäre. Die Helden kehren zurück in die Provinz, in der sie eigentlich nichts verloren haben.

Ein gutes Gefühl

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Doch die Literatur beschwört nicht bloß die Ratlosigkeit der Heimatlosen, sie schafft neue Narrative von Heimat. Etwa bei Saša Stanišić, der den Versuch unternimmt, Heimat nicht zu bewahren, sondern neu zu erfinden. Sein Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" über die Flucht seiner Familie aus Bosnien nach Heidelberg kreist um die Kontingenz dessen, was wir Heimat nennen. In seiner Poetikvorlesung in Zürich brachte es Stanišić kürzlich auf den Punkt: "In Bosnien hat es geschossen am 20. August 1992. In Heidelberg hat es geregnet. Es hätte auch Osloer Regen sein können, jede Heimat ist eine zufällige - dort wirst du halt geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Nieren an die Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will."

Stanišić, der 1992 mit seinen Eltern aus dem bosnischen Višegrad nach Deutschland floh, wird oft in die Schublade "Migrantenliteratur" gesteckt. Dabei ist er eigentlich einer der besten Heimatschriftsteller in deutscher Sprache. Heimat nennt er sein "Dort, während ich erzähle" und meint damit "gestaltende Augenblicke im Erzählen, das Erschaffen von etwas, in dem andere ein Zuhause erkennen". Seine Arbeit an der Welt.

Jene, die von anderswo herkommen, könnten die Europäer lehren, was Heimat bedeutet. Dass sie nicht unauflöslich an Geburtsort und Ethnie gebunden ist, sondern wie für Stanišić eine "rätselhafte Verschränkung von Orten - unabhängig davon, wie weit auseinander sie liegen" sein kann. In solchen Erzählungen liegt die Zukunft Europas als Heimat, nicht als geschlossenes Staatsgebiet nur einer Sprach- oder Volksgruppe, sondern als gemeinsames Territorium, in dem die Rechte und Freiheiten aller garantiert sind. Dieses Europa könnten alle Heimat nennen, die diese Freiheiten genießen.

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