SZ-Serie: Völkerwanderung in Deutschland (2) Haltet die Forscher!

Die wissenschaftlichen Eliten fliehen ins Ausland - und neue sind nicht in Sicht.

Von WOLF LEPENIES

(SZ v. 09./10.08.2003)

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Seit 1955 sind 31 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert. 22 Millionen haben unser Land verlassen. Die Nettozuwanderung liegt bei 200000 Personen jährlich. Deutschland nimmt, bezogen auf die Einwohnerzahl, zwei bis drei Mal mehr Einwanderer auf als die USA. Mit neun Prozent der Wohnbevölkerung ist der Ausländeranteil in Deutschland doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Die Bundesrepublik ist ein Einwanderungsland, zögert aber seit Jahrzehnten, daraus die rechtlichen Konsequenzen zu ziehen. Der Entwurf des Zuwanderungsgesetzes liegt im Vermittlungsausschuss des Bundestages. Unterdessen ist Deutschland auch zu einem Abwanderungsland geworden - in den Wissenschaften.

Jeder siebte Student, der in Deutschland promoviert, wandert in die USA aus. Das gleiche gilt für die Gruppe der "unternehmungslustigen Eliten", wie sie von Wirtschaftsverbänden genannt werden. 30 Prozent der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Unternehmer planen eine Übersiedlung ins Ausland. 20 000 deutsche Nachwuchsforscher arbeiten in den USA - sie bilden nach China und Japan die größte Ausländergruppe. Viele Nobelpreisträger aus Deutschland gingen früh ins Ausland und machten dort die Entdeckungen, die ihnen den Preis einbrachten - wie Günter Blobel, der 1999 den Nobelpreis für Medizin erhielt und an der Rockefeller University in New York arbeitet.

Migrationsforscher haben vorgeschlagen, diesen Verlust an Humankapital durch großzügige Einwanderungsbestimmungen zu kompensieren. Doch dieser Vorschlag übersieht, dass auswärtige Spitzenforscher nur in Länder abwandern, die auch für die heimischen Eliten attraktiv sind. Nur vier Prozent der in Deutschland Studierenden sind Ausländer. Während in den USA die Hälfte aller Forschungsleistungen von Ausländern erbracht werden, sind es in Deutschland nur zehn Prozent. Indonesien, die viertgrößte Nation der Welt, schickt in jedem Jahr 17 000 Studenten in die USA - und nur 1200 nach Deutschland. Die konkurrenzlose Attraktivität des Englischen spielt eine wichtige Rolle, und dieser Nachteil wird nicht dadurch ausgeglichen, dass eine Universitätsausbildung in Deutschland zum Nulltarif zu haben ist. "Kostenlose Zweitklassigkeit bringt keinen tüchtigen Bildungsgast ins Land", bilanzierte Wolfgang A. Herrmann, der Präsident der Technischen Universität München.

Deutschland ist auf dem Weg in die demografische Katastrophe. Bis 2050 wird die Zahl der Personen im erwerbstätigen Alter von heute 46 auf 27 Millionen zurückgehen. Auf jeden Rentner wird dann nur ein Erwerbstätiger kommen. Um die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme durch Migration auszugleichen, müsste Deutschland fast eine halbe Million Zuwanderer pro Jahr aufnehmen. Das ist illusorisch. Die einzige Hoffnung liegt daher in einem Produktivitätsfortschritt, der durch das "Wissenskapital" erzeugt wird.

Deutschland aber leidet an Wissenskapitalflucht. Die jungen Eliten denken immer stärker an Migration. Sie haben die Fiktion einer "Juniorprofessur" durchschaut, die sie nach zwölf Jahren mit einem Berufsverbot bedroht. Sie sind es leid, durch Klinikchefs und Ordinarien zu Opfern einer "Demütigungspädagogik" zu werden, wie Gesine Schwan, die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, die Schwundstufe der einst von Humboldt beschworenen Einheit der Lehrenden und Lernenden nennt. Sie gehen lieber in ein Land wie die USA, in dem es Karrierepfade, "tenure tracks", gibt, die Forscher bei guter Leistung ohne neue Berufungsverfahren zur Festanstellung führen.

Dabei lag das wissenschaftliche Deutschland als Reise- und Einwanderungsland einmal an der Spitze. Der Physiologe Emil du Bois-Reymond konnte 1869 als Rektor der Berliner Universität die neu immatrikulierten Studenten mit den stolzen Worten begrüßen, dass "auf dem Gebiet der höheren Studien die deutschen Einrichtungen denen aller übrigen Länder überlegen sind." Dieser Behauptung lag keine nationale Überheblichkeit, sondern ein internationaler Konsens zugrunde. Aus aller Welt zog es Wissenschaftler nach Deutschland.

Preußen konnte mit seiner Bildungspolitik Staat machen, siegreiche Schlachten schlagen und schließlich ein Reich gründen. Die Franzosen sahen im preußischen Schulmeister den Sieger von Sedan, kopierten das deutsche Bildungssystem und schickten ihre glänzenden jungen agrégés nach Leipzig und Berlin. Nach der Meiji-Revolution brach Japan in die Moderne auf: Seine besten Wissenschaftler lernten in Deutschland. Und auch in Harvard machte schneller Karriere, wer in Heidelberg studiert hatte.

Bis in die Zeit der Weimarer Republik blieb Deutschland für ausländische Forscher attraktiv. Das Ende der Weimarer Republik besiegelte nicht zuletzt die durch die Nazis erzwungene Elitenemigration. 3000 Hochschullehrer, ein Drittel des Lehrkörpers, wurden vertrieben. Es traf vor allem die jungen Sozialwissenschaften und Teile der Naturwissenschaften wie die moderne Physik, die in den zwanziger Jahren eine Blütezeit erlebt hatten. An einigen Universitäten wurden bis zu 60 Prozent der Professoren entlassen; die meisten gingen ins Exil.

Zu den Folgen des Nationalsozialismus gehört es, dass Deutschland durch die Vertreibung jüdischer Gelehrter unendlichen Schaden nahm - und die deutsche Wissenschaft davon auf fast zynische Weise profitierte. Die meisten Emigranten konnten nur das Notwendigste mitnehmen. Das deutsche Bildungsgut hatten alle in ihrem Fluchtgepäck. Als Opfer rassistischen Terrors wurden sie im Ausland zu Botschaftern der deutschen Kultur.

Vielleicht war weltweit der Einfluss deutscher Traditionen in Lehre und Forschung nie größer als nach 1933. Dies gilt für viele Länder, für kein Land aber stärker als für die USA. Durch das Engagement amerikanischer Stiftungen konnte bereits 1933 in New York die "University in Exile" gegründet werden. In Princeton, wohin Albert Einstein ahnungsvoll bereits 1930 übergesiedelt war, entstand das erste Institute for Advanced Study. Nicht zuletzt deutsche Gelehrte wie der Mathematiker Hermann Weyl, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky und der Historiker Ernst Kantorowicz prägten Princeton und verliehen ihm seinen frühen internationalen Rang. Als sein Gründer Abraham Flexner später gefragt wurde, wem das Institut am meisten verdanke, antwortete er lapidar: "Adolf Hitler".

Die Abwanderung des jüdischen akademischen Bürgertums begründete einen Kosmopolitismus deutscher Wissenschaft im Exil. Die Rückkehr eines Teils der vertriebenen Eliten führte nach 1945 zu einer schnellen Internationalisierung der deutschen Wissenschaft. Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten fiel mit dem Zeitpunkt zusammen, in dem, altersbedingt, die Wirkung der zurückgekehrten deutschen Wissenschaftler endgültig nachließ. Gleichzeitig konnte man beobachten - vor allem in den USA, aber auch in Ländern wie Frankreich und England -, dass es in vielen Fächern nicht mehr selbstverständlich war, an deutsche Traditionen anzuknüpfen. Nach dem Tode des aus Deutschland emigrierten Historikers Felix Gilbert wurden etwa an das Institute for Advanced Study in Princeton Historiker aus Dänemark und Australien berufen.

Deutschland steht in vielen Forschungsfeldern immer noch an der Spitze, doch seine Attraktivität für auswärtige Wissenschaftler schwindet. Am bedrohlichsten aber ist der Trend zur Abwanderung bei den jungen, heimischen Eliten. Wir brauchen ein Zuwanderungsgesetz. Wenn sich unser Forschungsklima aber nicht grundlegend ändert, brauchen wir demnächst noch dringender ein "Abwanderungsverhinderungsgesetz".