SZ-Serie "Spurensuche", Folge 14 Im Schatten des Doms

Harry Luck ist eigentlich Pressesprecher des Erzbistum Bamberg - in seiner Freizeit aber erdenkt er für seinen Kommissar Horst Müller Morde in fränkisch-historischem Ambiente

Von Karen Bauer

Er hat schon eine Bedienung auf der Wiesn ableben und einen Kabarettisten auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft abknallen lassen. "Am schönsten mordet es sich immer dort, wo ich gerade bin, wo ich den Ort und die Menschen kenne", sagt der Krimi-Autor Harry Luck. An diesem Nachmittag läuft Luck mit raschem Schritt zu den Schauplätzen seines neuesten Bamberg-Krimis. Jeans, gebügeltes Hemd, Jackett und Umhängetasche, so eilt er durch die malerischen Gässchen, vorbei an der dahinplätschernden Regnitz. Freundlich und korrekt wirkt er, ein wenig so wie man sich seinen Filterkaffee trinkenden Kommissar mit dem Allerweltsnamen "Horst Müller" vorstellt. Aber: "Horst Müller ist nicht mein Alter Ego", betont Luck und weicht einer Frau mit Safari-Hut aus, die die denkmalgeschützte Lange Straße mit ihrem iPad fotografiert. Hochsaison in der Weltkulturerbe-Stadt.

Der Schönleinsplatz, dessen Springbrunnen und Blumenbeete jetzt so friedlich in der Sonne schlummern, ist gleich mehrfacher Tatort: Hier auf der Parkbank wird in Lucks Krimi "Bamberger Fluch" der Lokalreporter Stelzer tot aufgefunden, äußerlich unversehrt, nur eine Einstichstelle deutet auf eine tödliche Injektion hin. Auf diesem Platz, der im frühen 17. Jahrhundert noch vor den Toren Bambergs lag, wurden damals der Hexerei bezichtigte Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. "Beklemmend" findet Luck nicht nur den Gedanken an die Hinrichtung, sondern auch den an die unter Folter geführten Verhöre.

Auf dem Weg zur Arbeit kommt Harry Luck täglich auch am Schauplatz der Schlusszene seines Romans vorbei.

(Foto: Hendrik Steffens)

Luck legt Wert darauf, dass die Themen seiner Regionalkrimis mit der Stadt zu tun haben. Dass die Kriminalfälle nur hier so passiert sein könnten. "Und das Hexenthema ist allgegenwärtig in Bamberg", erzählt Luck. Tatsächlich war die Hexenverfolgung in Bamberg besonders grausam. Nach einer verheerenden Dürre und Missernten Anfang des 17. Jahrhunderts suchte man nach Sündenböcken und fand angebliche Hexen. Mehr als 800 Personen wurden damals in Bamberg der Hexerei beschuldigt und zum Tode verurteilt. Die Besonderheit: Die Akten der Hexenprozesse in Bamberg sind noch erhalten und in der Staatsbibliothek Bamberg zugänglich. Hier und im Stadtarchiv wühlte sich Luck bei der Recherche für seinen Krimi durch Aktenordner und Karteikarten und stieß auf den Namen des Hexenjägers Ernst Vasoldt. Der verhörte Angeklagte unter grausamer Folter. Seine Spur und die seiner Nachfahren verliert sich aber - das faszinierte und inspirierte Luck.

Im Krimi schickt er Horst Müller daher zum Ermitteln nicht nur auf seinem E-Bike durch die Stadt, sondern auch quer durch die Stadtgeschichte. Der Autor verwebt Geschichte und Gegenwart, legt falsche Fährten: Hat der Tod des Lokalreporters etwas mit den fragwürdigen Behandlungsmethoden einer Bamberger Ärztin zu tun? Und welche Rolle spielt das Einkaufszentrum, das dort gebaut werden soll, wo einst der Scheiterhaufen loderte? "Der Plot muss stehen, bevor ich mit dem Schreiben anfange", erzählt Luck. Sehr analytisch geht er beim Schreiben vor, verpflanzt die "Red Herings", die kleinen Hinweise auf den Täter, unauffällig im Text, aber doch so, dass sich der Leser später bei der Auflösung daran erinnert. An die Cola Light zum Beispiel, die Museumsleiterin Dr. Sommer in der Teegießerei bestellt - ein Indiz für ihre Zuckerkrankheit und ihren Zugang zu Insulin.

Zur Person

Harry Luck wurde in Remscheid im Bergischen Land geboren und volontierte nach dem Abitur beim Remscheider Generalanzeiger. Für sein Studium der Politikwissenschaft zog Luck 1995 nach München und arbeitete hier als Journalist für Print, Hörfunk und Online-Medien. Seit 2012 lebt der 44-jährige Luck mit seiner Familie in Bamberg und arbeitet dort als Pressesprecher des Bamberger Erzbistums. Nebenbei schreibt Harry Luck seit 2003 auch Kriminalromane und Sachbücher. Das "Lexikon der uncoolen Dinge" etwa ist ein Plädoyer für mehr Spießertum von Schrankwand bis Filterkaffee und inspirierte den Autor zu seiner Figur des Hauptkommissars Horst Müller. "Bamberger Fluch" (2016) ist nach "Bamberger Hörnla" (2015) der zweite Kriminalfall für Horst Müller und seine Kollegin Kriminalmeisterin Paulina Kowalska.

Die Teegießerei ist so gemütlich wie Luck sie beschreibt: Sitzgruppen mit Polstermöbeln, die Tasse mit dem Lippenstift-Abdruck von Margaret Thatcher. "Ich glaube, hier hat Horst Müller mit Frau Dr. Sommer gesessen", sagt Luck und setzt sich in einen großen Ohrensessel mit rosafarbenen Stickereien. Ob der Autor jetzt wie Horst Müller Filterkaffee bestellt? "Man isst kein Schnitzel beim Italiener" antwortet Luck mit Horst-Müller-Humor und entscheidet sich für einen Eistee "Grüner Apfel". Er schreibe am liebsten das, was er auch gerne lese, erzählt er. Und das sind schon immer Krimis und Detektivgeschichten: Als Kind las Luck die Krimis von Agatha Christie und fieberte bei Sherlock Holmes mit. Wie seine Figur Horst Müller besitzt Luck alle Folgen "Derrick" auf DVD. "Aber ich komme seltener dazu sie anzuschauen als Horst Müller", sagt Luck und lacht. Gelegentlich verzichtet er auf das sonntägliche "Tatort"-Schauen, um seinen eigenen Krimi weiter zu spinnen.

Luck hat nur abends und an freien Tagen Zeit zu schreiben. Tagsüber arbeitet der gelernte Journalist als Pressesprecher des Erzbistums Bamberg. Dass er heute die Kirche vertritt, die sich zumindest mitschuldig machte an der Hexenverfolgung, stürzt Luck nicht in Gewissenskonflikte: "Kein Mensch in der Kirche verteidigt, was damals geschah." Sein Chef, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, hat für das Versagen der Kirche mehrfach öffentlich um Vergebung gebeten. Lucks Büro liegt gegenüber dem Dom. Täglich kommt er am Schauplatz der dramatischen Schlussszene vorbei. Luck deutet nach oben: Dort im Turmfenster über der goldenen Uhr steht die Täterin und droht voller Verzweiflung darüber, dass sie sich verraten hat, in den Tod zu springen - wovor Horst Müller sie in Heldenmanier bewahrt. Von Dramatik ist an diesem Sommernachmittag nichts zu spüren: Touristen-Horden dackeln den roten Fähnchen der Stadtführer hinterher, Stimmengewirr aus Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch.

Auf der Domtreppe winkt Luck dem echten Leiter des Diözesanmuseums zu, grüßt den Domkapitular. Letzterer hat für Luck die historischen Fakten seines Krimis geprüft und für gut befunden. "Ich bin froh, dass die Bamberger von einem Zugereisten einen Franken-Krimi annehmen", sagt Luck. Der nächste Fall für Horst Müller ist schon in Arbeit: Dann ermittelt sein Kommissar im Magier-Milieu beim Festival "Bamberg zaubert". Wer wohl diesmal dran glauben muss?