SZ-Serie: Die grüne Frage Rettet die Welt vor den Weltrettern

Scharlatane, die Wasser predigen, aber Wein trinken, verursachen den größten anzunehmenden Kommunikationsunfall in Sachen Ökologie: Nie wurden Nachhaltigkeitsziele lauter bekundet, während sich die Lebenspraktiken immer weiter davon entfernen. Und eine hochdotierte Nachhaltigkeits-Schickeria jettet so pausen- wie wirkungslos von Kontinent zu Kontinent.

Von Niko Paech

Im vergangenen Jahr hat der Flugverkehr in Deutschland trotz Vulkanasche und letzter Ausläufer der Finanzkrise einen neuen Rekord erzielt. Speziell dieser Gipfel mobilitätsbasierter Selbstverwirklichungsexzesse ist insoweit bemerkenswert, als es keiner besonderen Vorkenntnisse bedarf, um Gewissheit darüber zu haben, dass Flugreisen ökologische Schadensmaximierung bedeuten: Was könnte ein Einzelner sonst tun, um mit vergleichsweise geringem Aufwand an Geld und Zeit jegliche Klimaschutzbemühungen optimal zu torpedieren?

Zugleich wächst der Bionade-, Ökostrom- und Naturtextilienumsatz. Jedes vollwertige "Lohas"-Exemplar würde sich in Grund und Boden schämen, sollte sich herausstellen, dass der soeben verzehrte Latte Macchiato etwa nicht von fair gehandelten Kaffeebohnen stamme. Solaranlagen auf den Dächern werden zum architektonischen Dresscode eines neuen Verantwortungsbewusstseins. Alles wächst um die Wette: das Zerstörerische, das etwas weniger Zerstörerische und das vermeintlich noch weniger Zerstörerische mit aufgepfropfter Nachhaltigkeitssymbolik.

Offenkundig hat sich ein neues, innovatives Produkt zum Schrittmacher für wirtschaftliches Wachstum gemausert: Moral, die gekauft werden kann und garantiert weder Mühe noch Einschränkung bedeutet. Ganz im Gegenteil. Wie ein Weichspüler dem Hauptwaschmittel, so wird der Moralzusatz andernfalls kaum zu rechtfertigenden Handlungen zugegeben. Sogenannte "CO2-Compense"-Angebote, die mit "klimabewusst fliegen" werben, markieren eine besondere Stilblüte dieses neuen Ablasshandels.

Dabei zerschellt die ökologische Modernisierung an einem Faktum, das simpler nicht sein könnte: Per se nachhaltige Technologien und Objekte sind gar nicht denkbar. Die vielen Bestrebungen, das moderne Konsum- und Mobilitätsmodell von ökologischen Schäden zu entkoppeln, offenbaren eine Geschichte des Scheiterns und Verschlimmbesserns.

Warum ist ein 3-Liter-Auto klimafreundlicher als ein 20-Liter-Opel Admiral, wenn der Besitzer des ersteren pro Tag 200 Kilometer hin und zurück zum Arbeitsplatz fährt, während der Admiral-Besitzer damit nur fünfmal jährlich ein regionales Ziel ansteuert, das keinen Bahnhof hat? Inwieweit trägt ein Passivhaus zur nachhaltigen Entwicklung bei, wenn dessen Besitzer jede Woche eine Flugreise antritt und vielleicht gerade deshalb in diesen Gebäudetyp und den damit verbundenen Reputationseffekt investiert hat? Ähnliches gilt für die Geländewagen fahrende Stammkundschaft des Öko-Supermarktes oder den Ökostrom nutzenden Haushalt, der über so viele Flachbildschirme, Computer und Stereoanlagen wie Zimmer verfügt.

Konsumaktivitäten sind längst zu einem identitätsstiftenden Kommunikationsinstrument geworden. Daher soll die Strahlkraft nachhaltiger Symbolik das weniger nachhaltige Andere, welches vom selben Individuum ebenfalls praktiziert wird, kaschieren oder kompensieren.

Die Multioptionsgesellschaft baut das Individuum zum Trägermedium paralleler Identitäten, Lebensführungen und sozialer Praktiken auf. Inmitten der Palette jederzeit abrufbereiter Selbstinszenierungsapplikationen lässt sich immer auch eine vorzeigbare Nachhaltigkeitsgesinnung unterbringen. Ein Teilzeitphänomen.

In Wahrheit können allein Lebensstile insgesamt nachhaltig sein. Nur die Summe der ökologischen Wirkungen aller von einem einzelnen Subjekt ausgeübten Aktivitäten lässt Rückschlüsse auf dessen Nachhaltigkeits-Performance zu.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie der Nachhaltigkeitsklerus mit Karriere- und Entfaltungsmöglichkeiten lockt.

Alles im grünen Bereich

mehr...