SZ-Serie Aufmacher (XVII) Der Menschenfreund

Serie über große Journalisten (XVII): Paul Schlesinger hat mit größter Subjektivität aus dem Gerichtssaal berichtet und dort das pralle Leben entdeckt

Von HANS HOLZHAIDER

(SZ v. 31.03.2003)

Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da unter der Rubrik ,Aus dem Gerichtssaal' unter neckischen Überschriften - ,Ein sauberes Früchtchen', ,Wer andern eine Grube gräbt' usw. - Reportage minderwertigster Art betrieben wurde und der Gehalt an tragischer Menschlichkeit, der Reichtum ethischer Kasuistik, die Fülle der Einsichten in Mängel des Rechts und seiner Handhabung, die sich im Gerichtsaal entfalten, an stumpfen Ohren ungehört vorüberzog.

Das schrieb Gustav Radbruch, Sozialdemokrat, Justizminister in der Weimarer Republik unter Reichskanzler Gustav Stresemann, Rechtsprofessor in Heidelberg. Die Zeit, in der man die Berichterstattung aus den Gerichtssälen denjenigen Redaktionskollegen anvertraute, die man für "höhere" Aufgaben nicht brauchen zu können meinte, ist mancherorts stehen geblieben. Damals - im Dezember des Jahres 1928 - glaubte Gustav Radbruch Anlass zur Hoffnung zu haben. Das Zitat stammt aus seinem Vorwort zu einer Sammlung von Gerichtsreportagen, die von 1921 bis 1928 in der Vossischen Zeitung erschienen waren. Ihr Autor schrieb unter dem Kürzel Sling. Ein hübsches Kürzel für einen Gerichtsreporter, als es in Deutschland noch die Todesstrafe gab. Aber Paul Schlesinger war beileibe kein Zyniker. Er war das Gegenteil eines Zynikers, er war ein Menschenfreund. "Er hat uns", schreibt Radbruch, "unzählige verständnisvoll nachgefühlte und menschlich durchlebte Bilder aus dem Gerichtssaal geschenkt, von Lichtern gütig lächelnden Spottes überspielt, getragen von dem stillen Wissen um die Fehlsamkeit alles Menschlichen."

Paul Felix Schlesinger, 1878 in Berlin geboren, hat selbst erzählt, wie er als junger Mensch seinen Zugang zur Welt der Strafjustiz fand. Er sei Lehrling "in einer sehr alten Firma der Textilbranche" gewesen. Gelegentlich habe er mit dem Hausdiener Justav auf dem Packhof zu tun gehabt, und es sei Tradition gewesen, "dass jede Erledigung auf dem Packhof fünf Stunden dauerte". Tatsächlich gingen Justav und der Lehrling zunächst in die Destille frühstücken. "Sodann zogen sie in gehobener Stimmung in das nahe gelegene Kriminalgericht, um ein paar Verbrecher aburteilen zu sehen. So kam ich nach Moabit."

Schlesinger brachte seine Lehre im Wollwarenhandel nicht zu Ende. Es zog ihn hinaus. In München gehörte er eine Zeit lang dem Kabarett Die elf Scharfrichter an, dann trat er in die Redaktion einer Schweizer Zeitung ein, ging für ein paar Jahre nach Paris, kehrte als Ullstein- Korrespondent nach München zurück, "geschätzt, ohne hervorzuragen", schreibt Moritz Goldstein, der später Schlesingers Nachfolger als Gerichtsreporter bei der Vossischen Zeitung wurde. Als die Inflation die Verlage zum Sparen zwang, wurde Schlesinger nach Berlin beordert und fing an, kleine feuilletonistische Episoden aus dem Berliner Alltagsleben zu schreiben. Auf der Suche nach Themen erinnerte er sich an seine Erlebnisse mit Justav im Moabiter Strafgericht. "Nun bin ich wieder in Moabit", schrieb er später. "Ich kann jetzt alle Tage nach Moabit gehen. Nur Justav ist nicht mehr da. Er fehlt mir sehr." Nun, im Gerichtssaal, tritt das eigentliche journalistische Talent Paul Schlesingers mit einem Schlag machtvoll zu Tage. Er sieht im Gerichtssaal das Leben schlechthin, pralles, dramatisches, dürftiges, armseliges Leben. Er schaut genau hin, er hört genau zu, er reflektiert, was er gehört und gesehen hat, er bringt sich selbst ganz und gar in seine Geschichten ein. Er schert sich keinen Deut um journalistische Konventionen. "Es sind Stimmen laut geworden, die mir Mangel an Objektivität vorwerfen", schreibt er. "Ja, nichtjuristische Freunde haben mir gelegentlich Komplimente gemacht: Es gehöre doch eine große Phantasie dazu, die nüchternen Vorgänge so auszuschmücken. Ich habe darauf zu erwidern, dass ich mich selbst für einen durchaus phantasielosen Menschen halte. Ich habe kein ernsteres Bestreben, als die Dinge so zu zeichnen, wie ich sie sehe."

Sling hat über große Mordprozesse geschrieben, aber diese Berichte sind es nicht, die im Gedächtnis bleiben. Es sind die Miniaturen aus dem Bereich der Alltagskriminalität. Nur ein einziges Textbeispiel, übertitelt: "Der böse Mann und die böse Frau". Nach sechs Jahren unglücklicher Ehe hat die Frau mit dem Beil auf den Kopf des Mannes geschlagen. Er blieb am Leben, sie muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten:"In dieser Ehe gab es keine Unterhaltung, kein abendliches Ausgehen, kein Kino, keinen Tanz. Es waren zwei stille, ordentliche, aufs Sparen bedachte Leute. Die Eintönigkeit wurde zum Feind ihrer Tugenden. Sie wussten nicht, was sie entbehrten - das Leben mit seinen Spielen, mit seinem Genuss. Und da sie nicht ins Kino gingen, kam es zu ihnen, mit Mord und Totschlag. Das ungelebte Leben brach aus der Frau heraus. Von dem Ton, der zwischen beiden herrschte, gibt ein Brief Kunde, den der Mann geschrieben hat. Der Inhalt ist belanglos. Aber er überschreibt ihn: ,Meine böse Frau', und er unterschreibt: , Dein böser Mann'. Es ist so armselig ernst gemeint, so ungeschminkt, ohne einen schmeichelnden oder besänftigenden Oberton. Berlinisches Volkslied."

Am 25. August 1926 erscheint in der Vossischen Zeitung der Text, in dem Sling alle seine Erfahrungen im Gerichtssaal in einem nur knappe hundert Zeilen langen, bitter-ironischen Text zusammenfasst: "Der Mensch, der schießt":

"Der Mensch, der schießt, ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert, die Eisenbahnschiene, die sich verbiegt, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen. (...) Den Kaffeekessel, der explodiert, schickt man zum Klempner, den Menschen ins Gefängnis. Eine Weile hat man sich vorgestellt, der Mensch könne die Gelegenheit benutzen, sich im Gefängnis zu bessern. Man hat aber die Erfahrung gemacht, dass von dieser Gelegenheit höchst selten Gebrauch gemacht wird, dass der Mensch vielmehr in den meisten Fällen völlig verdorben zur Menschheit zurückkehrt. Man erzielte, auf den Kaffeekessel angewendet, die Wirkung, als ob man ihn nicht zum Klempner geschickt, sondern nun erst recht mit den Füßen zertrampelt und auf den Kehricht geworfen hätte."

Das ist heute noch genauso wahr wie vor nunmehr 76 Jahren, und in den Köpfen vieler Politiker noch immer nicht angekommen. Damals, im Dezember 1928, sieben Monate, nachdem Paul Schlesinger völlig unerwartet und kurz nach seinem 50.Geburtstag gestorben war, schrieb Gustav Radbruch zum Andenken an Sling: "Das Gesetz umreißt mit scharfer Kontur strafbare Tatbestände, der Prozess richtet den eng umgrenzten Lichtkegel seines Scheinwerfers auf einzelne, strafbare Handlungen - aber man darf, ohne sehr paradox zu werden, sagen: es gibt keine einzelnen Handlungen, es gibt nur die beharrliche Ganzheit eines Menschen oder vielmehr: es gibt nur die fließende Ganzheit seines Lebens. Solange wir ,Täter' strafen, nicht Menschen behandeln - solange es ein ,Strafrecht' gibt, gibt es kein gerechtes Strafrecht."

Solche Justizminister hatte dieses Land einmal. Und solche Gerichtsreporter.

HANS HOLZHAIDER