Syrienkrieg Operation Zukunft

Architekten, Stadtplaner und Museumsleute wetteifern mit Plänen für Aleppos Altstadt nach dem Krieg. Doch Vorsicht ist angebracht, die Region kennt viele Beispiele für missglückte Rekonstruktionen.

Von Sonja Zekri

Aleppo ist die Hölle, ein Trümmerfeld, ein Unort, wo Menschen verhungern und Kinder vom Selbstmord träumen, damit es ein Ende hat mit den Bomben und der Angst. Darf man angesichts dieses menschlichen Leids über die Steine von Aleppo reden, über die Hofhäuser der Altstadt, die Moscheen, den Basar?

Stadtplaner, Diplomaten, Wissenschaftler, Museumsleute in Berlin, Budapest und Beirut, aber auch - falls sie nicht gerade mit dem Überleben beschäftigt sind -, in Aleppo selbst würden entgegnen: Man muss es sogar. "Ich habe noch keinen Syrer getroffen, der gesagt hat: Was macht ihr denn da?", sagt Stefan Weber, Direktor des Berliner Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum. Zusammen mit dem Deutschen Archäologischen Institut sammelt und digitalisiert sein Haus alle verfügbaren Daten zu Aleppo, vor allem: zur Altstadt. Das Auswärtige Amt hat das "Stunde null"-Projekt ins Leben gerufen, ein Modellvorhaben, um vor allem Wissenschaftler aus Syrien auszubilden.

Aleppo, Homs, Palmyra, Mossul - selbst wenn der Syrien-Krieg morgen einschlafen würde und der Islamische Staat still im Treibsand versänke, blieben die Räume der Region gezeichnet, versehrt, oft unbewohnbar. Aber während sich in Palmyra die leidenschaftliche Debatte um den Wiederaufbau der antiken Stätte der benachbarten Stadt Tadmur bestenfalls zerstreut widmete - Weber nennt die Diskussion eine "kulturbeflissene Trotzreaktion" - , soll Aleppo der Glücksfall werden, ein Beispiel für das gelungene Engagement einer internationalen Gemeinschaft, die nicht nur die historischen und ästhetischen Verluste beklagt, sondern den Menschen bei der Rückgewinnung ihrer Heimat hilft. "In Aleppo geht es nicht nur um Steine, sondern auch darum, wie die Menschen in einer multiethnischen Gesellschaft zusammenleben", so Weber.

Architekten haben Aleppos Stadtarchiv evakuiert. Nun hoffen sie auf einen Scanner

Aleppos Altstadt war kein Freiluftmuseum, sondern ein vibrierender Mikrokosmos in historischen Gemäuern. Dass Aleppo eine der ältesten besiedelten Städte der Menschheit ist, dass es im Mittelalter zur Weltstadt aufstieg, verdankte es dem Handel. Das Geschäft milderte Gegensätze, betonte gemeinsame Interessen, honorierte Mäßigung. Exzess galt als abstoßend, selbst in Fragen der Religion. "Aleppo", schreibt der Historiker Philip Mansel in seinem gleichnamigen Buch, "hatte einen eigenen Rhythmus", die Stadt "war arabisch und türkisch, kurdisch und armenisch, christlich, muslimisch und jüdisch". Jahrhundertelang "lebten die Einwohner, gleich welchen Ursprungs, friedlich zusammen".

Das ist Geschichte. Die Stadt ist geteilt, auch die Altstadt. Zu den Kämpfern gegen das Regime gehören radikale Islamisten wie die Nusra-Front. Der Basar ist in Flammen aufgegangen, die Zitadelle beschädigt, auf den Minaretten verschanzen sich Kämpfer. Dennoch und unverdrossen versuchen in der Altstadt winzige Grüppchen aus Architekten, Stadtplanern oder Angestellten der Antikenverwaltung im besten Fall zu schützen, im schlimmsten Fall den Schaden zu dokumentieren. Die vier, fünf Mitglieder der "Syrian Association for Preservation of Archaeology and Heritage" haben den Springbrunnen mit der Sonnenuhr und die Gebetsnische in der Omajjaden-Moschee zugemauert, die Kanzel abmontiert und Sandsäcke aufgeschichtet. Aber dass das Minarett der Moschee - 46 Meter auf quadratischem Grundriss, errichtet Anfang des 11. Jahrhunderts - zerstört wurde, konnten sie nicht verhindern.

Issam Ballouz hält aus Berlin den Kontakt zu den Unermüdlichen von Aleppo. Ballouz, Deutsch-Syrer, Architekt und Stadtplaner, arbeitet für das "Syrian Heritage Archive"-Projekt des Berliner Museums für Islamische Kunst, und wem das jetzt schon zu viele Institutionen sind, der hat eines der Probleme des flächendeckenden, oft rivalisierenden, nicht immer koordinierten Aleppo-Engagements bereits erfasst.

Ein anderes ist das Geld. Gerade hätten die Partner in Aleppo gern einen Scanner. Vor einiger Zeit nämlich haben sie das Stadtarchiv evakuiert. Ein Teil der Katasterpläne liegt glücklicherweise in Cottbus, wo sie digitalisiert werden. In Aleppo aber haben die syrischen Stadtplaner die historischen Katasterpläne weggebracht, nun schicken sie Ballouz Fotos von Papierballen, dick wie Teppiche, eingehüllt in Plastik, an einem sichereren Ort. Aber wirklich sicher wären die Dokumente nur, wenn man sie in besonderen Dosen aufbewahren würde - oder scannen. "Aber wer sollte ihnen diese Riesenscanner liefern? Unser Projekt darf keine Geräte liefern, das geben die Förderrichtlinien nicht her. Und wie wollen sie die Dokumente aus Syrien herausbringen?", fragt Ballouz.

Neben den Hilfegesuchen kommen vor allem Bilder aus Aleppo, verblüffend präzise Aufnahmen, die Ballouz in die Datenbank des Islamischen Museums einsortiert, Vorher-Nachher-Aufnahmen von zerstörten Gebäuden mit Räumen, Stockwerken, Fassaden, kostbares Rohmaterial für einen Wiederaufbau nach dem Krieg. Demnächst könnte neben der reinen Schadensbeschreibung eine kunsthistorische Beurteilung der Altstadt-Bauten hinzukommen, hofft Ballouz, auch, man glaubt es kaum, eine App, in die die Syrer ihre Fotos und Daten nur noch einspeisen müssen.

Es ist ja schon das zweite Mal, dass Deutschland Aleppo zu Hilfe eilt. Die Altstadt, seit 1986 als erste islamische Stätte Unesco-Weltkulturerbe, war im Lauf der Jahrzehnte ziemlich auf den Hund gekommen. Wohlhabendere Anwohner zogen fort, die Neuankömmlinge behandelten die Altstadt als das, was sie damals war: billigen Wohnraum. Versetzten Wände, tauschten historische Türen aus, hinterließen Müllberge. Das Kleinod Aleppos stand an der Grenze zum Slum. Von 1978 bis 2010 zahlte die deutsche Regierung Millionen für die "Rehabilitierung" des Areals, neues Pflaster, Basardächer, Schulen, Parks. Aber die Farbe der Fassaden war kaum trocken, als der Aufstand ausbrach.

Das neue Beirut ist ein urbaner Zombie, glitzernd, baumlos und verhasst

Voraussetzung für die neue Rettung Aleppos ist, dass einige Fragen weitgehend verdrängt werden. Zum Beispiel die, wann es die "Stunde null" überhaupt geben wird - und was von der Altstadt bis dahin noch steht, denn dass es noch schlimmer werden dürfte, ehe es besser wird, ist kein Geheimnis. Und wer wird gewinnen? Dass im syrischen Regime angesichts des russischen Feldzuges offenbar gerade Champagnerlaune herrscht, macht die Aussichten ja nicht angenehmer. Schon heute gibt es eine latente Spannung zwischen jenen, die mit dem syrischen Regime, etwa der Antikenverwaltung, zusammenarbeiten, und jenen, die Kontakt zu Architekten und Planern im Rebellengebiet halten. Viele Initiativen sammeln Daten, längst nicht alle wollen sie mit allen teilen.

Zwar betonen die deutschen Wissenschaftler und Museumsleute, dass ihre Informationen dem syrischen Volk gehören, aber niemand weiß, ob sie das syrische Volk in Gestalt seiner Nachkriegsregierung abrufen wird - und was damit geschieht. Die Erfahrungen aus früheren Rekonstruktionen sind ja eher niederschmetternd. Die syrische Stadt Hama beispielsweise ließ Assad Senior nach einem Aufstand der Muslimbrüder Anfang der Achtziger in Grund und Boden bomben - und dann als sterile, fügsame Kopie neu errichtet. Oder Beirut: Nach dem Bürgerkrieg verwandelte der Milliardär und Premierminister Rafik Hariri die Innenstadt in einen urbanen Zombie mit Virgin Mega Store und Luxus-Restaurants, glitzernd, baumlos, den Libanesen herzlich verhasst.

Soll das Aleppos Schicksal werden? In seinen dunklen Momenten fürchtet Mamoun Fansa es. Fansa ist gebürtiger Aleppiner, lebt seit 50 Jahren in Berlin, leitete das Landesmuseum in Oldenburg und schenkt nun, als Rentner, seine ganze Leidenschaft dem Verein "Freunde der Altstadt von Aleppo", schreibt Bücher, organisiert Workshops und nimmt jede Katastrophennachricht aus seiner alten Heimat persönlich. Die Umverteilung hat ja längst begonnen, fürchtet er. Aus Aleppo und Homs erhalte er Berichte, dass Russen oder Iraner - die Verbündeten des Regimes - in verlassenen oder enteigneten Häuser einquartiert werden. Aleppo gehörte den sunnitischen Händlern, die Gegner des Regimes aber sind vor allem Sunniten. "Assad hat kein Interesse daran, den Sunniten die Rückkehr zu erlauben", vermutet Fansa. Und ob die Flüchtlinge aus Deutschland in Aleppo willkommen sein werden, ist offen. Eine Stadt lässt sich in ein paar Jahren rekonstruieren, das soziale Fundament einer Gesellschaft aber braucht Generationen.