"Die Menschen wollen doch einen Rest von Selbstwertgefühl": Super Illu ist Marktführer im Osten, weil man dort das zwanghaft Coole nicht mag.
Wenn Stefan Kobus, der stellvertretende Chefredakteur, von Erna Kasupke spricht, was man ihr zumuten kann und was nicht, dann meint er den Prototyp des Super Illu-Lesers. Er meint Lieschen Müller oder Otto Normalverbraucher oder Erika Mustermann. Aber Kasupke klingt schöner.
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Simone Thomalla statt Carla Bruni: Die Leser der "Super-Illu" haben haben andere Interessen als die Leser von "Bunte" oder "Stern". (© Screenshot: www.super-illu.de)
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Wenn es Frau Kasupke gibt, dann ist sie Ende fünfzig. Sie wohnt in, sagen wir, Limbach-Oberfrohna, Landkreis Zwickau in Sachsen.
Zu DDR-Zeiten war sie, sagen wir, Schichtleiterin in einem Textilkombinat, da, wo Malimo erfunden wurde. (Malimo kennen Sie nicht? Malimo hat Weltniveau?)
Gleich nach der Wende ist Erna Kasupke arbeitslos geworden, doch nicht lange, und sie hatte wieder eine Stelle. Ihre Tochter ist nach Bayern gegangen, weil es in Bayern Arbeit gab und in Sachsen keine.
Kasupke interessiert sich nicht für die monegassischen Fürstentöchter und nicht für Carla Bruni. Sie mag Dagmar Frederic, noch immer, und als Erwin Geschonneck, der Schauspieler, im März gestorben ist, hat sie kurz überlegt, ob sie, aus alter Treue, vielleicht zur Beerdigung nach Berlin fahren soll. (Geschonneck? Je gehört?)
Glücklich in dem kleinen Land
Sie hatte nie was mit der Stasi zu tun und nie was mit der Kirche. Sie las, was man lesen durfte und aß, was man kaufen konnte. Sie lebte glücklich in dem kleinen Land, das an diesem Freitag vor 18 Jahren beerdigt wurde. Für Kasupke krachte damals eine Welt zusammen.
Stefan Kobus, in Westdeutschland geboren, spricht oft von Erna Kasupke. Er hat viel gelernt über die Jahre. Er weiß, dass sie es schätzt, wenn man ihr auf Augenhöhe begegnet. Die Redakteure von Super Illu kennen sie sehr gut, was auch daran liegt, dass Kasupke, wenn ihr etwas missfällt, einen Leserbrief schreibt, meist mit der Hand, und seitenlang.
Mehr als 500 Briefe, hinzu kommen die E-Mails, gehen allein im Ratgeberressort jeden Monat ein. ("Da ich vom Arbeitsamt diskriminiert werde, bitte ich Sie ..." Angehängt sind acht Seiten Schriftwechsel. Oder: "Wieso zahle ich im Erdgeschoss mehr Miete als meine Nachbarin über mir?")
Jeder, der einen Brief schreibt, weiß, dass er beantwortet wird, oft von externen Fachleuten. Auch deswegen verkauft das Blatt, das zu Burda gehört, jede Woche 550.000 Exemplare. 3 Millionen Menschen lesen es. Super Illu ist Marktführer im Osten.
Wenn Politiker wissen wollen, was der Osten denkt, dann laden sie sich bei Super Illu zur Redaktionskonferenz ein. An der Wand vorm Büro des Chefredakteurs Jochen Wolff hängt eine ganze Bildergalerie: Wolff mit Köhler, Wolff mit Schröder, Wolff mit Merkel und Platzeck, mit Gorbatschow.
"Wir sind die Couch der Ostdeutschen", ruft Jochen Wolff, springt auf, geht zum Schreibtisch, setzt sich wieder hin. "Die Psychotherapeuten der Einheit sind wir! Wenn es uns nicht gäbe, müsste man uns erfinden!"
Das zwanghaft Coole der Westmedien
Stünde die Mauer noch, könnte Wolff aus seinem Büro in der Berliner Zimmerstraße direkt darauf schauen. Jetzt läuft ein Streifen durch den Asphalt der Straße, zwei Pflastersteine breit, die speckig im Regen glänzen. Eine kleine harmlose Unebenheit nur. Damit man noch ahnt, wo sie war, die Mauer.
Auch 19 Jahre nach ihrem Fall ist der Zeitschriftenmarkt in Deutschland ein geteilter. Wenn man die Super Illu genau liest, weiß man, dass sie nicht schuld daran ist.
Der Westler liest Spiegel, Stern und Bunte. Der Ostler liest Super Illu, weil er es nicht mag, wenn Berichte über den Osten klingen wie das "Auslandsjournal". Er mag den ewigen Zynismus nicht, das zwanghaft Coole. Es ist nicht seine Sprache. Er mag es nicht, wenn nur über tote Babys in Tiefkühltruhen geschrieben wird. Er mag sich nicht, zum Beispiel mit dem Thema Stasi, das Selbstvertrauen nehmen lassen. Muss man sich denn so genau erinnern müssen?
Jochen Wolff sagt: "Nichts regt die Leute so auf wie die Aussage: Die DDR war ein Unrechtsstaat." Dann müsse ja jeder Bürger ein Unrechtsbürger gewesen sein, der mit seiner bloßen Anwesenheit das Unrechtssystem stabilisiert hat. "Aber die Menschen wollen doch einen Rest von Selbstwertgefühl."
Wolff ist 1949 in Bayern geboren, wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Als er Schulsprecher im Gymnasium war, hatte er plötzlich die tolle Idee, mit seiner Klasse in die DDR zu fahren. Einfach am Unterricht teilnehmen, da drüben. Mal sehen, wie die denken. Und dann die Ostschüler 'rüberholen zum Gegenbesuch. Da schrieb er nach Ostberlin, ans Ministerium. Aber er hat nie eine Antwort bekommen.
Später heiratete er eine Frau, die aus Ostberlin kam. Sie war 1986 in den Westen ausgereist. Wolff sagt: "Es ist schwer für sie, den Ausgleich zu suchen. Sie ist mir gram, dass wir den Gysi drucken." In der Nacht des Mauerfalls haben sie vorm Fernseher gesessen, in Düsseldorf. Sie saßen da mit "fassungslosem Staunen".
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie sich die Super Illu verändert hat.
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Wichtig anzumerken ist meiner Meinung nach, das der Unterschied in der Sichtweise der ehemaligen DDR auch dadurch zu erklären ist, das Ost- und Westdeutsche historisch bedingt andere Sichtweisen der "zuletzt erlebten" Diktaturen haben.
In Westdeutschland war die letzte Diktatur, die des Nationalsozialimus. In einer langen schmerzhaften Auseinandersetzung hat man am Ende begriffen, das es eben nicht nur "wenige Nazis" waren die für die unglaublichen Verbrechen gegen die europäische Bevölkerung verantwortlich waren, sondern man auch die historische Verantwortung breiterer Schichten aktzeptieren muss.
In Ostdeutschland dagegen ist die letzte Diktatur die der SED gewesen, mehr gegen bzw. auf das eigene Volk gerichtet, als die des Nationalsozialismus.
Zusätzlich ist jedem DDR-Bürger auch klar gewesen, das ein Aufstand gegen das eigene Regime auch mit Hilfe russischer Truppen höchstwahrscheinlich niedergeschlagen wird. Die Folge war man hat sich in und mit dem Regime eingerichtet.
Ich möchte hier keinen Vergleich dieser beiden Diktaturen anstrengen, noch eine Relativierung ihrer jeweiligen Verbrechen vornehmen.
Aber die historische Rezeption und Aufarbeitung der letzten Diktaur in Westdeutschland ist eben nicht einfach der letzten Diktatur in Ostdeutschland überzustülpen ohne die historischen Unterschiede zu aktzeptieren.
Denn in diesem Fall wird man leider weiterhin aneinandervorbeireden.
hofirekj: "es ein relevanter Unterschied gibt zwischen der jundgen generation im Osten und Westen"
Diesen Unterschied gibt es heute immer noch. Hängt aber stark von der Bildung ab. Je höher die Bildung desto näher die Sichtweise. Ähnliches gilt für den Wohlstand, je größer der Wohlstand, desto ähnlicher.
Unterschiede in einigen grundsätzlichen Dingen werden wohl auch noch bleiben. Mir ist nach zehn Jahren Ost-West-Beziehung einiges aufgefallen. Man sieht sich im Osten gerne immer noch lieber als "Opfer der Umstände" und ruft nach dem Staat, im Westen ist dies deutlich weniger ausgeprägt. Die, die keine persönlichen schelchten Erfahrungen gemacht haben, neigen etwas zum verharmlosen des Systems - warum sonst würden bis zu 25% die SED, ähhh... die Linke, wieder wählen. Und so weiter...
Wegen Meinungen wie der Ihren boomt die SuperIllu. Können Sie sich vorstellen, das in der DDR die Menschen nicht rund um die Uhr für oder gegen den Sozialismus kämpften? Auch in der DDR haben die Menschen meistens einfach nur ihr Leben gelebt und haben das Beste aus den oftmals beschränkten Möglichkeiten (z.B. Urlaub) gemacht. Klar gab es Stasi, Planwirtschaft u.s.w. Aber die Leute sind es einfach nur leid, dass die DDR - und damit ein Teil ihres Lebens - ausschließlich darauf konzentriert wird. Ja, die DDR war eine Diktatur, und in vielen Lebensbereichen war es auch wirklich belastend (sonst hätte es den Oktober 1989 nicht gegeben). Aber viele Menschen wollen sich doch auch an schöne Momente (die gab es wirklich) von damals erinnern. Die SuperIllu hat das erkannt und füllt recht erfolgreich diese Lücke.
Wann trennen wir endlich Mensch "Ossi" und System "DDR" ???
Warum können wir (das betrifft auch die Beiträge zu den verwandten Themen im SZ Forum) nicht sauber trennen zwischen Mensch und System? Als Wessis neigen wir immer noch - oder schon wieder (?) - dazu Den Ossi mit der DDR gleichzusetzen. Von Anfang an haben wir ein ganzes Volk unter Generalverdacht gestellt (SED, Stasi, Pionier, FDJ, Armee) - alle waren Schuld und alles war Mist. Und wir im Westen waren ja so toll. Schon kurz nach der Wende haben wir "Besserwessis" plötzlich allen gesagt, wie dumm sie waren und was doch so alles gemacht werden sollte. Was dabei nicht nur wirtschaftlich kaputtgemacht wurde ist weitgehend bekannt. Somit haben wir Wessis eine tolle Basis für die "innere Einheit" geschaffen.
Unser größter Fehler, und der wirkt heute noch nach: Die Menschen im Osten nicht einfach anzuerkennen, wie sie waren. Über 90% Gefangene in einer Diktatur. Und wir hatten nichts besseres zu tun, als 100% Dumme oder Schuldige zu sehen. Wir haben es sogar geschafft, die ganz wenigen Errungenschaften der DDR zu vernichten. Denn unabhängig von der sehr zweifelhaften Motivation dahinter gab es eine flächendeckende Vereinbarkeit von Beruf und Familie inkl. Kinderbetreuung, die wir jetzt so dringend im Westen herbeisehnen...
Wir müssen zu einem Bild - frei von kommunistischer Sozialromantik - der DDR kommen, die das System und deren Treiber/Macher verurteilt, die restliche Bevölkerung aber endlich freispricht.
Wird man auch 50 Jahre nach dem Mauerfall zwischen OST und WEst Deutschland solchen Unterschied in der Einstellung der Leuten haben? Ich bin kein Deutsche - kann ich es nicht abschätzen. Meine Frage wäre ob es ein relevanter Unterschied gibt zwischen der jundgen generation im Osten und Westen? Neben dem offensichtlichem Wohlstandsunterschied? Ich würde es persönlich sehr bezweifeln..... Was anderes sind Leute, die Das grösste Teil Ihres Leben in DDR verbracht hatten.
Paging