Atomic Suga Spice Angels: Angeblich wollen Girlgroups Typen etablieren, in Wahrheit vermarkten sie doch nur Sex.
Schon das Setting ist verräterisch. Die Wände sind bespannt mit rotem Leder, in der Mitte des Raums ragt eine Stange für Strip-Darbietungen empor. Die drei Mädchen allerdings bewegen sich durch diese Szenerie, als seien sie nur zu Besuch.
(© Foto: ddp)
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Präsentiert wird nichts als eine Männerfantasie: ein quietschiges girls nightout in einem Striplokal, mit drei Frauen, die sich für diesen Ort etwas ungelenk geben.
Der äußerst gewöhnliche Subtext der Bilder ist die vermeintliche Verfügbarkeit des weiblichen Körpers und die angebliche Hingabe, mit der Frauen sich als Sexualobjekte gebrauchen lassen. Bloß fehlen die nötigen Jungshorden. Soviel wenigstens wird den Mädchen zugestanden: Der männliche Voyeursblick ist aus der Szene ins Kameraauge transponiert.
Ständig anders sein
So sieht Popmusik auf MTV und Viva oft aus. Bemerkenswert ist dieser Clip nur, weil er der neueste der britischen Girlgroup Sugababes ist. Sowohl Bild als auch Ton - "In The Middle" ist ein sehr beliebiges R"n"B-Dance-Stück - scheinen all das zu widerlegen, wofür diese Band und ihre erste Hitsingle "Overload" vor vier Jahren gefeiert wurden.
Die Sugababes, die heute das Abschlusskonzert ihrer Deutschland-Tournee in München spielen, sollten ursprünglich eine ganz andere Girlgroup darstellen: Drei junge Mädchen mit Figuren jenseits eines dürren Model-Ideals, die einander von Kindesbeinen an kannten (was nur bedingt stimmte).
Die zudem wegen der unterschiedlichen ethnischen Herkunft das authentische junge London repräsentierten und smart produzierte Lieder sangen.
Das Konzept hielt ein Album lang. Es folgten: eine durchschnittliche R"n"B-Platte, der Ab- und Zugang eines Band-Mitglieds, noch eine durchschnittliche R"n"B-Platte.
Der Erfolg blieb auf niedrigerem Niveau stabil - ständig anders zu sein überforderte offenbar die Gruppe, ihre Produzenten und Stylisten, nicht aber ihr Publikum.
Nun also tanzen Keisha, Mutya und Heidi an Stripper-Stangen und tragen die gleichen Hotpants wie alle anderen weiblichen Vokalgruppen. So ist die Image-Neujustierung der Sugababes, deren Qualität in der größtmöglichen Differenz bestand, in völliger Indifferenz aufgegangen. Aus der Benetton-Band mit dem Eine-Welt-Überbau wurde austauschbare H&M-Ware.
Die Blonde, der Freche, die Introvertierte
Verheerend ist, dass im Video zu "In The Middle" die Vornamen der Sugababes eingeblendet werden. Damit der Zuschauer sie sich endlich merken kann, vier Jahre nach der ersten Platte.
Eine passendere Symbolik lässt sich für das Problem aktueller Girlgroups nicht finden: Die Verwechselbarkeit der Personen bedroht inzwischen die Idee Mädchenband selbst.
Das traditionelle Vorgehen, den Mitgliedern spezifische Charaktere zuzuweisen, wird vom Publikum nicht mehr nachvollzogen - oder von den Plattenfirmen nicht mehr gewollt.
Dabei schien das bislang eine Grundbedingung für Erfolg zu sein. Weil die Gruppenmitglieder anders als bei gewöhnlichen Popbands nicht an ihren Instrumenten identifizierbar sind, werden sie - bei Girl- wie bei Boygroups - über Äußerlichkeiten und vermeintliche Charaktereigenschaften erkennbar gemacht: Die Blonde, der Freche, die Introvertierte, der Süße.
Mit etwas Glück merken sich die Leute später die Namen. Doch das gelingt immer weniger Bands. Wie zum Beispiel die Mädchen von Atomic Kitten heißen und was sie unterscheidet, können allenfalls Hardcore-Fans der britischen Girlgroup sagen.
Das hat für die Musikindustrie einen unschätzbaren Vorteil: Alle sind jederzeit austauschbar. Wer aufgrund des enormen Arbeitspensums aussteigt oder sich als unbrauchbar erweist, ist fast unbemerkt zu ersetzen.
Atomic Kitten etwa verloren auf dem Weg in die Charts zwei Mitglieder - eines davon, Heidi, singt heute bei den Sugababes - und bekamen ein neues hinzu.
Weil die Mindesthaltbarkeit bei Girlgroups derzeit ohnehin nach durchschnittlich zwei Alben plus Best-of-CD und Live-DVD abläuft, muss sich niemand Namen merken. Entsprechend gering ist die Publikumsbindung. Da sind selbst die gern verachteten Castingshows menschenfreundlicher: Der Zuschauer lernt das Personal immerhin kennen, bevor daraus eine Band wird.
Unerschöpflicher Menschenpark
Doch selbst die einprägsamste Typologisierung garantiert keinen Erfolg für den Solo-Versuch nach der Trennung. Die letzte ohne Fernsehhilfe hergestellte Girlgroup mit differenzierten Charakteren waren die Spice Girls - nach dem Aus hat nicht eine der Fünf eine dauerhafte Karriere starten können. Trotz der leicht zu merkenden Einteilung in Sporty, Scary, Posh Spice.
Auffällig ist: Während aus Boybands stetig Popstars hervorgehen - Robbie Williams, Justin Timberlake, Ronan Keating -, hat es in diesen höheren Sphären kaum eine weibliche Entsprechung gegeben. Nach dem Ausstieg von Diana Ross bei den Supremes dauerte es dreißig Jahre, bis sich eine Beyoncé Knowles neben ihrer Band Destiny's Child etablieren konnte.
Zwar gibt es dafür auch musikalische Gründe, denn der Gesang bei Girlgroup-Produktionen wird heute meist zu Strömen aus Vokalharmonien verdichtet, in dem die Einzelstimme kaum wiedererkennbar ist.
Doch das ist bei Boygroups ähnlich, und so bleibt nur die Image-Erklärung: Die Jungs-Typenmodelle besitzen eine größere Bandbreite - lustig, intelligent, schüchtern -, aus der sich ein komplexeres Künstlerimage entwickeln lässt. Die Mädchenvermarktung hingegen läuft immer aufs gleiche hinaus: Sex.
Um so beliebiger ist diese Nachfrage aus dem unerschöpflichen Menschenpark 18-jähriger Wannabe-Popstars bedienbar. Hauptkriterium für die rasende Zirkulation scheint dabei die Frage, ob sich das Publikum schon sattgesehen hat.
Dennoch versuchen ehemalige Girlgroup-Mitglieder es weiter: In der nächsten Woche erscheint die erste Single des Ex-No-Angel Vanessa, einen Monat später folgt Kollegin Sandy. Zwei der drei Atomic Kitten sollen an Solokarrieren basteln. Woran man sie erkennen soll? Bestimmt nicht an ihren inneren Werten.
"Sugababes" live: 19.4. München, 20.4. Wien, 21.4. Zürich
(SZ vom 19.4.2004)
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