Gutachten der Bundesregierung: Die "Kulturwirtschaft" ist die drittgrößte Branche der Bundesrepublik - viele Künstler können trotzdem nicht von ihrem Einkommen leben.
Das Bundeswirtschaftsministerium hat, in Abstimmung mit dem Beauftragten für Kultur und Medien, ein Gutachten mit einem sehr trockenen Titel veröffentlicht - "Kultur- und Kreativwirtschaft: Ermittlung der charakteristischen Definitionselemente der heterogenen Teilbereiche der ,Kulturwirtschaft' zur Bestimmung ihrer Perspektiven aus volkswirtschaftlicher Sicht". Verfasst wurde die Studie von Michael Söndermann in Zusammenarbeit mit Christoph Backes, Olaf Arndt und Daniel Brünink.
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Bloßgestellt: Künstler machen zwar einen beträchtlichen Teil der deutschen Wirtschaft aus, verdienen aber oft sehr wenig. Eine Fotocollage der Künstlerin Annegret Soltau in der aktuellen Bonner Ausstellung "Kunst des Alterns". (© Foto: dpa)
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Die Sache ist interessanter, als es dieser Titel vermuten lässt: Nimmt man alle kulturellen Aktivitäten zusammen, entsteht ein Wirtschaftszweig mit einem jährlichen Umsatz von 132 Milliarden Euro. Das entspricht 2,6 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts, was die Kultur nach dem Maschinenbau und der Autoindustrie zur drittgrößten Branche macht. Fast eine Million Menschen sind in 238 000 Unternehmen beschäftigt, die in vielen Fällen Ein-Mann-Betriebe sind. Die Bruttowertschöpfung beträgt 63 Milliarden Euro oder 2,5 Prozent der Gesamtwirtschaft. Die Tendenz ist leicht steigend.
Das Thema "Kultur- und Kreativwirtschaft" ist zum ersten Mal in den neunziger Jahren in kulturpolitische und volkswirtschaftliche Debatten geraten. Seitdem haben die Bundesländer Kulturwirtschaftsberichte vorgelegt wobei die Federführung mal bei den Wirtschaftsressorts, mal bei den Kulturzuständigen liegt. Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren "Kultur für alle" gerufen wurde und in den achtziger und neunziger Jahren jedermann von "Kulturmanagement" und "Event" redete, ist es nun eben die "Kulturwirtschaft", die der Kultur nicht nur die öffentliche Form, sondern auch einen großen Teil ihrer Legitimation verleihen soll.
In sechzig Jahren Bundesrepublik ist eine umfassende, konzentrierte Kulturdebatte noch nicht geführt worden. Parolen wie "Kultur ist ein Lebensmittel" oder Plädoyers für eine Verankerung der Kultur im Grundgesetz sind eher dazu angetan, eine ernsthafte Diskussion zu verhindern als sie zu fördern. Da mag das Gutachten helfen: Es ist ergiebig, vertiefend, genau, perspektivisch. Das Kernproblem, die Heterogenität dessen, was man Kultur nennt, ist mit den inzwischen elf europaweit akzeptierten Teilbranchen (Musik, Literatur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Design, Architektur, Kulturelles Erbe, Rundfunk, Werbung, Software/Games) definitorisch beschrieben.
Die Autoindustrie zum Beispiel kann sich trotz ihrer hohen Komplexität auf ein Produkt beziehen - das Auto. Das kann Kulturwirtschaft nicht. Und doch machen die Verfasser des Gutachtens einen verbindenden Kern jeder kultur- und kreativwirtschaftlichen Aktivität aus: Den schöpferischen Akt. So setzen sie eine klare Grenze zu Richard Floridas "Creative Class", deren 3 "T"s - "talents", "technology", "tolerance" - gegenwärtig alle Regionalentwickler umtreiben.
Augenmerk auf den gewinnorientierten Sektor
Die elf Teilbranchen der Kulturwirtschaft und ihr ästhetischer Kern sind aber auch (eine Besonderheit, welche nur der Gesundheitssektor noch kennt) gleichmäßig in allen drei gesellschaftlichen Sektoren mit Produkten, Dienstleistungen, Wertschöpfungen verankert: im privatwirtschaftlichen oder gewinnorientierten, im öffentlichen und im gemeinnützigen Bereich. Darauf macht die Studie aufmerksam, widmet sich dann aber ausschließlich den Kennziffern des privat-gewinnorientierten Sektors. Dies ist kein Widerspruch, sondern ein perspektivischer Befund: Denn hier werden die Anforderungen wachsen.
Wer genauer in die Studie einsteigt, wird bemerken, wie klein- und kleinstteilig in der Kulturwirtschaft gearbeitet wird. Damit verbunden sind Patchwork-Existenzen, häufig am Rande des sozial Machbaren - die Künstlersozialkasse wird auf Dauer keine ausreichende Struktur für eine Alterssicherung in der Kulturbranche bieten können. Und noch etwas wird nicht übersehen: Kulturwirtschaftliche Unternehmungen brauchen wie alle anderen Geld - das setzt bei Banken ein Wissen um immaterielle, symbolische Werte voraus. Die Studie liefert auch hier die ökonomischen Grundlagen für einen angemessenen Umgang mit kulturellen Aktivitäten.
Was ist die Wertschöpfung?
In den Zahlen sind die etwa acht Milliarden Euro, die in jedem Jahr aus Steuermitteln in die Kultur fließen, nicht enthalten. Gemeinnützige, öffentliche Kultureinrichtungen sind weitgehend von der Umsatzsteuer befreit, also umsatzstatistisch nicht erfasst. Bilanziert und evaluiert wird selten. Das Gutachten legt also auch nahe, die gewonnenen nationalökonomischen Erkenntnisse auf die Verankerung der elf kulturwirtschaftlichen Teilbranchen in allen drei Gesellschaftssektoren anzuwenden. So wird dann hoffentlich bald zu erkennen sein, welche Wertschöpfungen aus Bibliothek, Theater, Volkshoch- oder Musikschule, Archiv oder Museum hervorgehen - zum Vorteil der Kultur.
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(SZ vom 18.02.2009/holz)
Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das eine Nützlichkeitsstudie. Geschrieben in der Sprache der controller und Mittelzuweiser und in rechtfertigender Absicht: Seht her, wir leisten auch was! (zum BIP). Wenn ich mir den Titel anschaue, scheint es gar nicht so einfach zu sein, bspw. das von arbeitslosen Sozialpädagogen in Eigenregie organisierte Stadtteilfest hinsichtlich seiner volkswirtschaftlichen Wertschöpfung angemessen zu beschreiben.
Aber man hat's versucht. Es wirkt allerdings ein bischen traurig, wenn das tatsächlich der einzige Weg sein soll, andere Teilbereiche unserer Gesellschaft (die Wirtschaft, trara!) von der Werthaltigkeit solcher Veranstaltungen zu überzeugen.
Die NPD ist da schon weiter. Die hat die Nützlichkeit dieser Veranstaltungen bereits erkannt und organisiert sie auf eigene Kosten.
Die Frage in der Überschrift ist schon eine Provokation, impliziert sie doch eine Notwendigkeit, Kultur betriebswirtschaftlich anzugehen. Das bedeutet eine weitere Kommerzialisierung des Kulturbereichs. Sicher, in einzelnen Teilgebieten, je nach dem, was man als Kultur definiert, mag Wertschöpfung möglich sein. Denke ich an die Theater, die doch zu den klassischen Kuturbetrieben zählen, würde ich bei dem Begriff " Wertschöpfung " fast schon auf die Barrikaden gehen. Immerhin kennen doch reihenweise die Provinztheater in ihren Budgets nur eine Richtung: Nach unten. Kaum jemand fragt, ob ein Schauspieler oder Opernsänger anständig von seiner anspruchsvollen Tätigkeit leben kann. Und die Stadtkämmerer scheinen sich mitunter darin zu gefallen, das sie wieder einmal die Subventionen reduziert haben. Das sieht bei den Landestheatern nicht viel besser aus. Und man muss kein Hellseher sein, um zu sehen, dass es anlässlich der Wirtschaftskrise nicht besser wird.
Der letzte Satz liegt mir etwas quer im Magen:
"So wird dann hoffentlich bald zu erkennen sein, welche Wertschöpfungen aus Bibliothek, Theater, Volkshoch- oder Musikschule, Archiv oder Museum hervorgehen - zum Vorteil der Kultur."
Wie wird Wertschöpfung genauer definiert?