Unabhängig vom Meinungsklima: Papst Benedikt XVI. kämpft um die Einheit der katholischen Kirche und setzt seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Über die intellektuellen Folgen des katholischen Debakels.
Der Papst der römischen Kirche ist kein UN-Generalsekretär, kein Bundespräsident, kein Chef des Internationalen Roten Kreuzes. Er hat gegenüber den globalen, überwiegend liberal geprägten Öffentlichkeiten keine jener Konsens- und Unparteilichkeitsverpflichtungen, wie sie weltweit oder national sichtbare Ämter wie die genannten mit sich bringen. Nicht einmal die Ökumene mit den anderen christlichen Konfessionen, geschweige der "interreligiöse Dialog" sind für das Oberhaupt der katholischen Kirche verpflichtend.
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Im Zentrum der Kritik: Papst Benedikt XVI. (© Foto: AP)
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Gebunden ist der Papst allein an Kern und Überlieferung seiner Glaubenslehre, wie sie in langen Jahrhunderten der Kodifizierung immer strenger und unmissverständlicher gefasst, aber auch wechselnden Zeitbedürfnissen angepasst wurde - Letzteres mit einem Höchstmaß an Zurückhaltung. Das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit in Äußerungen des Lehramts, das im Ersten Vatikanischen Konzil 1870 beschlossen wurde, hat den Papst unzerreißbar an diese Tradition gekettet, denn nun hat er jede Freiheit verloren, frühere lehramtliche Äußerungen aufzuheben. Die Übertragung moderner Verfassungsformen, gar demokratischer Art, auf die Kirche ist in diesem System ausgeschlossen.
Diese historischen, einer modernen Gesellschaft zutiefst fremden Bedingungen der Papstkirche sollte sich auch die liberale Öffentlichkeit immer wieder vor Augen rücken. Die radikale Zeitgeistbremse, die darin eingebaut ist, bedeutet auch eine Sicherung gegen Abirrungen gefährlichster Art, wie sie vor allem im frühen zwanzigsten Jahrhundert immer wieder drohten: Der Einspruch der Päpste gegen den rassistisch verschärften Nationalismus und die Behauptung der Menschenwürde gegen den Kommunismus gehören zu den großen Stunden der Kirchengeschichte; wenn man der Kirche hier Vorhaltungen machen kann, dann die, diesen Widerstand gegen herrschende Ideologien der Zeit nicht energisch genug vorgetragen zu haben, vor allem während des Zweiten Weltkriegs unter Papst Pius XII. Solche Zaghaftigkeit beim Verkünden der Wahrheit ist das wichtigste Argument gegen die Seligsprechung dieses überforderten Pontifex.
Die institutionelle Selbstverpflichtung des Papstes auf Kontinuität und Einheit der Kirche über die Jahrhunderte hinweg muss ihn auch das Problem sektiererischer Abspaltungen ernst nehmen lassen. Der augenblicklich - nach Aufhebung der Exkommunikation der traditionalistischen Bischöfe aus der Piusbruderschaft - oft zu hörende Vorwurf, um einer "Splittergruppe" willen setze der Papst die Ökumene, die Freundschaft zum Judentum und die liberale Öffnung der Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil aufs Spiel, nimmt das Problem der Sektenbildung nicht ernst genug.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Papst vielleicht mehr für die Einheit der katholischen Kirche getan hat, als ihm bewusst ist.
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Entspannter Vierbeiner
Es ist schade, daß sich in diesem Forum rund um die gründliche Analyse von Gustav Seibt triviale, oberflächliche Ping-Pongs eingestellt haben. Seibt hätte bessere Kommentare verdient. Einen möchte ich beifügen:
Seibt schreibt zu recht, daß sich Benedikt XVI. gar nicht bewußt war, daß er zur langfristigen Einheit seiner Kirche möglicherweise sehr viel beigetragen hat.
Er war sich aber wohl noch weniger bewußt, daß er mit dieser erneuten Kontroverse Katholiken wie Nichtkatholiken einen sehr tiefen Einblick in das Denken, in die dogmatischen Strukturen und in die innerkirchlich(!)-logischen Abhängigkeiten seiner Kirche und seiner Kurie vermittelt hat. Diese Kirche ist letztlich Gefangene ihres eigenen, über Jahrhunderte gewachsenen Theoriegebäudes. Und dieses Gebäude hat möglicherweise mit lehramtlicher Theologie sehr viel zu tun, mit offener Vermittlung des Wortes Gottes wohl fast nichts mehr. In diesem Fall meine ich mit "Wort Gottes" die Biblel ja, es gibt ja noch andere "Worte Gottes" in unserer Welt.
Und dieser tiefere Einblick offenbart, daß diese Kirche neue Luther, Zwingli und Calvins brauchte. Doch die bald 500 Jahre alte Reformation hat leider auch Kraft und Schwung verloren, denn sie ist ihrerseits eine Gefangene der eigenen, diversen protestantischen Dogmatiken geworden.
In dem Sinne sind die Ratzinger-Fehlleistungen wichtige Beiträge zur Beleuchtung der tiefen Verstrickungen der Kirche in ihrem eigenen katholischen Lehrgebäude. Wer weiß, vielleicht ist dieses Pontifikat von Gott in die Welt gesandt worden, um das dogmatische Dickicht zu durchbrechen, das es Gläubigen verunmöglicht, den direkten Weg zu IHM zu finden. So wie es die Reformatoren vor bald 5 Jahrhunderten geleistet hatten.
Typisch Ratzinger, er versucht wieder mal den Spagat. Basierend auf bewusst lausiger Übersetzung der Urtexte zimmert er weiter am Unfehlbarkeitsnymbus der katholischen Kirche. Die Lefebvre-Jünger sind noch bescheuerter als der ganze Vatikan. Die sollten wirklich mal in einen lateinisch-griechischen Intensivkurs, Ratzinger eingeschlossen.
Kann jemand dem Papst einen Hinweis auf die Seite
www,womens-bible.com
zukommen lassen? Dann dämmerts bei ihm vielleicht, wie daneben die katholische Kirche mit ihren Glaubensansätzen wirklich ist...
Ein Glaube, der auf Güte, Vergebung und Liebe gründet, kann nicht von Männern stammen. So einfach kann Glaube sein.
Es ist ganz angenehm seibts unaufgeregten Artikel zu lesen.; nach all dem rücktrittsgefuchtel und den Sündensuaden in unseren Medien.
R.Greiler ist ein Verschwörungstheoretiker der alten Schule. Sofern er überhaupt wahrnimmt, daß die Aufhebung der Exkommunikation in keinem direkten Zusammenhang mit den wirren Thesen von Williamson stand und sich der Papst außerdem massiv und nachhaltig gegen die Leugnung ausgesprochen hat, wird er dies nur für einen klugen Schachzug des Papstes halten, um der Öffentlichkeit die angebliche "Wahrheit" möglichst schonend nahezubringen.
Allerdings hat das alles nicht mit dem Papst zu tun.
Denn der und auch die übrige katholische Kirche, ausser dem bisher einzigen Bischof der Piusbruderschaft, hat ja nun den Holocaust nie geleugnet.
Warum benutzen Sie eigentlich den Papst und die katholische Kirche für ihre Machenschaften, den Holocaust zu leugnen.
Paging