Streit um Hegemann Paradies der falschen Vögel

"Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess": Im Streit um Helene Hegemanns Kulturtechnik des Zitats geht es um mehr als Kopieren. "Mashups" kolportieren, was das Zeug hält.

Von Bernd Graff

Früher nannte man es Bricolage. Heute bezeichnet man die Technik als Mashup oder Sampling. Die "Axolotl Roadkill"-Autorin Helene Hegemann charakterisiert sie als "Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess" im vollen "Recht zum Kopieren und zur Transformation". Schwierigkeiten und Naserümpfen gab es bei der Verarbeitung von fremden Ideen in künstlerischen Arbeiten schon immer. Spätestens mit der Digitalisierung und ihren verlustfreien Kopien ist Sampling allerdings zu einem Stilmittel erster Wahl geworden - vor allem für junge, unbekannte Künstler.

"Mashups" kolportieren, was sich digitalisieren lässt und darum findet man sie nicht nur in der Musik. Bilder werden collagiert, Videos kompiliert - und eben auch: Texte wie Bausteine behandelt. Warum man es tut? Nicht zuletzt weil man es kann.

Wenn man der nonchalanten Hegemann glauben will, dann ist ihr herzlich egal, dass sie damit als Autorin im Literaturbetrieb keinen Blumentopf gewinnen kann, dass sie nun als Arrangeurin von geliehenen Authentizitäten gilt, als Klepto-Text-DJ gewissermaßen. Originalität sei ihr auch nicht wichtig, sagt sie, für sie zähle die Echtheit des Lebensgefühls. Zu diesem Lebensgefühl gehört auch die Musik und die bezieht sich seit ein paar Jahrzehnten ganz direkt auf das, was andere schon vorher schufen.

Immer perfekter. Im Internet hat sich ein DJ aus Brighton eine Verlautbarungsplattform geschaffen. Über die berichtet er von seinen Auftritten und seinen Ambitionen. Gerade hat er sich dafür bedankt, dass sein neues Album "Uptime/Downtime" so warmherzig von der Netzgemeinde aufgenommen wurde. Auf Facebook und Twitter, in den Blogs wurde gejubelt und das Web-Magazin Audioporn Central kürte das Werk zum Smashhit des jungen Jahres. Allein, es gibt kein Werk. Es gibt 350 Megabyte an klingenden Daten. Wunderbar klingenden Daten, das muss man einräumen.

Der DJ, der sich Eric Kleptone nennt, hat ganze Arbeit geleistet. Er hat die Pop-Geschichte von Rare Earth, Free, Neil Young und Jimi Hendrix bis zu Rage against the Machine, den Chemical Brothers, Pixies, Nick Cave und Nirvana gründlich studiert und filetiert. Die Soundhäppchen hat er zu einem sogenannten Mashup verrührt, unterlegt mit eigenen Computermelodien. Diese bereits zum Hit erklärte Ton-Collage bietet er nun in zwei Geschmacksrichtungen an. Zum kostenlosen Download über seine Webseite und als die lounge-artig temperierte "Downtime" und als die rhythmisch pochendere "Uptime". Eric Kleptones Name ist Programm: Darin steckt die Verballhornung von Eric Clapton und der Begriff Kleptomanie.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie etwas zugleich alt und neu sein kann.

Seins oder nicht seins?

mehr...