Von Hans-Jörg Heims und Thomas Steinfeld

Im Streit über die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises hat sich der Schriftsteller Peter Handke erstmals ausführlich gegen seine Kritiker zur Wehr gesetzt.

Handke, dem Parteinahme für den verstorbenen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic vorgeworfen wird, verweist in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung darauf, dass von allen Beteiligten der jugoslawischen Kriege Verbrechen begangen worden seien.

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Ausdrücklich bezeichnet er das Massaker serbischer Kräfte an Muslimen vom Juli 1995 in Srebrenica als "das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde". Srebrenica, schreibt der Schriftsteller, sei eine "abscheuliche Rache der serbischen Streitkräfte" gewesen.

Seine ebenfalls scharf monierte Teilnahme an der Beisetzung Milosevics im März rechtfertigt Handke damit, er habe gegen eine Vorverurteilung Milosevics und die Sprache der Medien angehen wollen. Loyalität zu Milosevic sei nicht das Motiv gewesen.

Der österreichische Autor plädiert für ein offenes Gespräch über diesen Krieg und seine Folgen. Bislang hatte sich Handke nicht direkt zum Streit um den Heine-Preis geäußert. Die Jury hatte ihm den mit 50000 Euro dotierten Preis am 20. Mai zugesprochen. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass Handke "eigensinnig wie Heinrich Heine in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit" verfolge.

Zu den Befürwortern gehörten in der zwölfköpfigen Jury die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, der Rektor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, Alfons Labisch, Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) und Kulturdezernent Hans-Georg Lohe. Das Votum war mit sieben gegen fünf Stimmen gefallen.

Die Entscheidung hatten aber auch jene fünf Mitglieder mitgetragen, die andere Kandidaten bevorzugten. Die Empfehlung der Jury muss vom Düsseldorfer Stadtrat bestätigt werden, da er das Preisgeld bewilligt. Die Fraktionen im Stadtrat erklärten aber inzwischen, sie lehnten Handke als Preisträger ab. Das wiederum löste Empörung unter Literaten aus.

Der Jury-Sitzung fern geblieben war der Vertreter des Landes, Nordrhein-Westfalens Kultur-Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. Der SZ sagte Grosse-Brockhoff, er hätte nicht für Handke gestimmt. "Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass es für Handke in der Jury eine Mehrheit geben würde", sagte er. "Hätte ich das geahnt, hätte ich an der Sitzung teilgenommen."

Die Fraktionen im Düsseldorfer Stadtrat begründeten ihre Ablehnung damit, dass Handke Milosevic zu nahe gewesen sei. Grosse-Brockhoff begrüßte dieses Votum. Rektor Labisch ließ mitteilen, er stehe zu der Jury-Entscheidung.

Die Literaturkritikerin Löffler protestierte gegen öffentlichen Äußerungen einiger ihrer Kollegen. Der SZ sagte sie: "Jury-Sitzungen müssen vertraulich bleiben. Es ist eine unglaubliche Verwahrlosung von guten Jury-Sitten, wenn Juroren diese Verschwiegenheit brechen."

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(SZ vom 1.6.2006)