Strauss-Kahn: Literatur und Wirklichkeit Stelldichein im Luxuskämmerchen

In keinem Land der Welt legen Staatsmänner so großen Wert darauf, als Literaten in die Geschichte einzugehen, wie in Frankreich. Dominique Strauss-Kahn spielte den Roman lieber gleich selber. Kein Wunder, dass die Stammtische vibrieren.

Von Ina Hartwig

Was dem politischen Paris wie eine tiefe Identitätskrise erscheint, wird in Frankreich auf dem Land mit etwas anderen Augen betrachtet. Dort scheint man nicht unglücklich darüber zu sein, dass die Arroganz der Mächtigen aus der fernen Hauptstadt mit der Verhaftung Dominique Strauss-Kahns einen weiteren schweren Knacks bekommen hat.

Mitglieder der "New York Hotel Workers Union" demonstrieren in New York, um sich mit dem Zimmermädchen zu solidarisieren.

(Foto: Reuters)

Ein Restaurantbesitzer aus dem Burgund berichtet, dass François Mitterrand regelmäßig mit seinem Tross bei ihm eingefallen sei, sich königlich habe beköstigen lassen und dann wieder abfuhr - ohne zu bezahlen. Derselbe Mitterrand, ein Mann der Feder, behauptete: "Ich brauche keine Idee von Frankreich. Ich lebe diese Idee." Früher hieß das mal: "L'État, c'est moi."

Meistens wird übersehen, dass Flaubert mit seinem legendären Ausspruch "Emma Bovary, das bin ich" auf die Vorlage des Absolutismus anspielte. Pikante Ironie: In kaum einem Land der Welt legen Staatsmänner so großen Wert darauf, als "Literaten" in die Geschichte einzugehen. Als der frühere konservative Präsident Valéry Giscard d'Estaing vor einigen Jahren in die Académie française gewählt wurde, wofür er offenbar alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung gesetzt hatte, ging jedoch ein Murren durch die Medien. Allzu mittelmäßig sei das Geschreibsel des Aristokraten aus einer der ältesten Familien des Landes.

Nun hat DSK sich nicht als Möchtegern-Literat hervorgetan - er spielte den Roman lieber gleich selber. Welche "Idee" Frankreichs hätte er wohl "gelebt" - wäre er, wie viele hofften, der zweite sozialistische Präsident der Fünften Republik geworden? Den Roman, dem er im konkreten Fall nacheiferte - mit zeitgenössischen Ingredienzen versehen -, könnte "Die Philosophie im Boudoir" heißen oder auch "Die Verbrechen der Liebe", nach Titeln von Büchern des Marquis de Sade. Ein luxuriöses Hotelzimmer als Boudoir, das leuchtet ein.

Der entscheidende Makel aus Sicht des Protagonisten ist, dass jene Epoche offenbar zu Ende geht, in der man noch ein Doppelleben haben durfte, ohne dafür bestraft zu werden. Das nicht gespürt zu haben, war der "Fehler" des wegen Vergewaltigung auf dem feindlichen Schauplatz Amerika angeklagten Mannes.

Dass sich DSKs Macht binnen weniger Stunden in Ohnmacht verkehrte, dürfte für die französische Elite der eigentliche Skandal sein. Nicht vorgesehen war, dass Untertanen, ob Restaurantbesitzer oder Zimmermädchen, die Spielregeln aufkündigen. Der goldgerahmte Spiegel ist zerbrochen, in dem das Imaginäre der Macht gedieh.

In de Sades Universum ist das Verbrechen die Quelle der Lust; das junge, unschuldige Mädchen, das in den Libertinismus eingeführt wird, lernt den physischen Schmerz schließlich als Wonne schätzen. Hat sie den Übergang geschafft von der Tugend ins Reich der Libertins, dann ist sie eine Heldin. Weigert sie sich, erntet sie Spott und Hohn. "Liebe" spielt nicht die geringste Rolle dabei, sondern verbale Vereinbarungen, eben "Philosophie". Kopf und Körper befinden sich im Dialog, die Seele existiert nicht. War es nicht die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag, die das pornographische Denken als im Kern "komisch" bezeichnete?

Wir wissen nicht, was DSK in jenem Hotelzimmer des New Yorker Sofitel wirklich getan hat; die Phantasie aber ist längst explodiert. Und zwar die pornographische Phantasie, die in Frankreich ein hohes Ansehen genießt, und dies gleich im doppelten Sinne: für die intellektuelle Selbstdefinition, und als Abgrenzung gegen die Prüderie.

Im französischen Geistesleben nimmt der entfesselte Sexus, der Rausch, die Orgie, die Überschreitung als antibürgerliche, antiklerikale, als poetisch-revolutionäre Kraft einen festen Platz ein. Nichts ist für die Pariser Intelligenzia abschreckender als Prüderie.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum sich die starre Erotomanie in Frankreich so hartnäckig hielt.

Kurzer Auftritt vor Gericht

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