Straßburg Eine Gesellschaft kann schnell abrutschen

Schützen, was Europa ausmacht: ein Gespräch mit dem Regisseur Falk Richter über Populismus und über sein Stück "Je suis Fassbinder".

Interview von Joseph Hanimann

Nach seinem Stück "Fear" an der Berliner Schaubühne, das wegen seiner Polemik gegen den Rechtspopulismus von AfD und Pegida zu Gerichtsklagen führte (SZ berichtete), hat Falk Richter am Théâtre National de Strasbourg ein ähnlich gelagertes Stück herausgebracht: "Je suis Fassbinder". Seit Amtsantritt des Intendanten Stanislas Nordey vor gut einem Jahr in Straßburg ist der Deutsche dort "artiste associée" und wird fünf Jahre lang kontinuierlich am Haus arbeiten. Das neue Stück setzt mit dem hypothetischen Blick Fassbinders auf unsere Zeit die Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten und Rechtsextremen in Europa fort. Regie führte Richter zusammen mit Nordey, der auch die Rolle Fassbinders spielt. Wir sprachen mit dem Autor über die Hintergründe dieses Projekts.

SZ: Mit dem Thema Rechtspopulismus in Europa steht Ihr neues Stück in der Fortsetzung von "Fear" an der Berliner Schaubühne. In der Aussage ist es aber differenzierter. Haben Sie aus Berlin gelernt?

Falk Richter: Bei den Proben zu "Fear" im Sommer 2015 war der Rechtsruck in Deutschland ein relativ neues Phänomen. Ich war ja einer der ersten, der sich im Theater überhaupt mit AfD, Pegida und deren Verbindungen zu radikalisierten Christen auseinandergesetzt hat. "Fear" war eine Bestandsaufnahme und ein Weckruf: Wer sind diese Protagonisten, die in Deutschland ein Klima der Angst und der Hetze verbreiten? Das Stück überhöht satirisch deren paranoide Wahnvorstellungen und stellt das Unvermögen der apolitischen Berliner Hipster dar, damit umzugehen. In "Je suis Fassbinder" ist die Sache für mich ernster geworden. Das Problem, das wir in Deutschland mit Pegida und AfD, in Frankreich mit dem Front National haben, ist nach den Attentaten in Paris und durch die Flüchtlingsfrage plötzlich akuter.

Wie überträgt man aber dieses Thema Rechtspopulismus von der deutschen auf die französische Situation?

Rechtspopulismus ist eine gesamteuropäische Bewegung. In Ungarn und Polen stellen diese Leute bereits die Regierung und schränken Freiheiten massiv ein. Im neuen Stück rede ich zunächst von Deutschland. Ganz konkret geht es um die Situation nach der Silvesternacht am Hauptbahnhof Köln, wie da versucht wurde, pauschal alle Flüchtlinge unter Verdacht zu stellen und die deutsche Willkommenskultur zu diskreditieren. Zusammen mit Stanislas Nordey habe ich darüber hinaus versucht, die seismografischen Verschiebung beidseits des Rheins zu begreifen. Hinter AfD und Pegida, vielleicht auch hinter dem Front National, stehen unter dem Vorwand der Volksnähe antidemokratische Kräfte. Sie wollen die bestehende Staatsform stürzen. Sie wollen eine andere Art von Presse, wollen Einfluss auf die Spielpläne der Theater nehmen, vorschreiben, dass deutsche Klassikerinszenierungen einen "positiven Bezug zur Heimat fördern" sollen. Vor fünf Jahren waren solche Forderungen noch undenkbar. Es ist erschreckend, wie schnell Gesellschaften abrutschen können.

In Ihrem neuen Stück will der Theatermann Stan - Stanislas Nordey - auf der Bühne Fassbinder sein und mit dessen Radikalität unsere Aktualität analysieren. Was reizte Sie an dem Experiment?

Ich hatte schon seit Längerem eine Art Remake zu Fassbinders Beitrag für den Gemeinschaftsfilm "Deutschland im Herbst" von 1977 im Kopf. Ich finde, das ist einer seiner stärksten Filme: ein Gespräch mit seiner Mutter, das er in drei Tagen gedreht hat, ohne lang zu überlegen. Er wollte einfach mit den Mitteln der Kunst untersuchen, was mit ihm persönlich passierte angesichts der damaligen politischen Veränderungen. Diese künstlerische Strategie, unsere eigene Sprachlosigkeit und unsere eigene Angst auf die Bühne zu stellen, ist auch heute noch interessant.

Arbeitet sich an Pegida und der AfD ab: der Theaterautor und Regisseur Falk Richter, Jahrgang 1969.

Dennoch: Damals kam die Bedrohung durch den RAF-Terrorismus aus der Mitte der deutschen Gesellschaft. Heute kommt sie nach Ansicht vieler Leute von außen, von den Migranten.

Die Anschläge in Frankreich wurden von jungen Männern aus den Banlieues mit französischem oder belgischem Pass verübt. Es waren Terroristen aus der Mitte der Gesellschaft wie damals bei der RAF. Sie haben einen enormen Hass auf unser politisches System, auf die bürgerliche Gesellschaft. Sind das Klassenkämpfe? Sind das die Spätfolgen des europäischen Kolonialismus? Oder ist das nur religiöser Wahn? Kann man die Motive der Terroristen nachvollziehen? Darüber streiten Fassbinder und seine Mutter, und darüber streiten auch meine Figuren. Sollte man überhaupt versuchen, zu verstehen, was jemanden dazu bringt, einen Anschlag wie den vom 13. November in Paris zu verüben?

Einer der mutmaßlichen Terroristen, Salah Abdeslam, wurde in Brüssel gefasst. Er soll weitere Anschläge vorbereitet haben. Herrscht jetzt in Frankreich Erleichterung oder noch mehr Terrorangst?

In Frankreich sind die Folgen des Terrors im Alltag spürbar. Wenn ich nach Straßburg komme, patrouilliert überall bewaffnetes Militär, und am Eingang des Theaters wird meine Tasche durchsucht. Daran gewöhnt man sich. Der Ausnahmezustand wird zum Normalzustand. Aber angesichts der Festnahme sind doch viele erleichtert, da sie zeigt, dass der Terror auch mit rechtsstaatlichen Mitteln gestoppt werden kann, dass der Staat funktioniert. Das schwächt die Rechtspopulisten, und die sind die größten Feinde der Kunst.

Wie reagiert die französische Theater- und Kunstszene auf die Situation?

Man kann die Stimmung seit den Anschlägen so zusammenfassen: "Wir wollen keine Angst haben! Alles soll so weitergehen wie bisher!" - und trotzdem herrscht eine diffuse Verunsicherung vor allem auch bei Theaterleuten: Spielen wir jetzt einfach weiter Yasmina Reza und Molière, oder machen wir ein Stück über die aktuelle Situation, über die Tatsache, dass selbst Straßburg durch die vielen bewaffneten Soldaten und die Personenkontrollen gerade eher Tel Aviv ähnelt als einem beschaulichen Städtchen im Elsass. Es gibt Ängste: Können wir den islamistischen Terror thematisieren, ohne uns dadurch selbst zur Zielscheibe von Anschlägen zu machen oder Le Pen in die Hände zu spielen?

Trauern Sie der radikalen politischen Position eines Fassbinders nach?

Nein. Wenn Fassbinder sagt: "Aber die wichtigste Frage ist heute, wie kann man diese Gesellschaft zerstören", denke ich genau das Gegenteil. Ich denke, diese demokratische Gesellschaft muss bewahrt werden. In der heutigen Situation, wo sowohl Rechtsextreme wie Religionsfanatiker deren Zerstörung propagieren, ist Fassbinders Postulat für uns eine Herausforderung, der wir nicht folgen können, uns aber stellen müssen. Denn wenn diese Gesellschaft zerschlagen würde, käme eine Art neuer Pegida-Faschismus. Dieser benutzt die Widerstands-Rhetorik der einstigen Linken und ruft zum Kampf auf gegen die angebliche "links-grüne Diktatur".

Und gegen das betreiben Sie ein politisches Schattenboxen mit Fassbinder?

Nicht nur. Denn mehr noch als dessen politischer Standpunkt fasziniert mich seine Art, Politik künstlerisch anzugehen. Politisches, Privates, Intimes gehen ineinander über. Schon seine Idee ist grandios, sich für "Deutschland im Herbst" auf eine Auseinandersetzung mit seiner Mutter einzulassen und sie zur unglaublichen Äußerung zu treiben, ein lieber, netter Diktator sei jetzt nötig. Genau diese verborgene Sehnsucht gibt es heute bei den Rechtspopulisten: die Sehnsucht, dass die Dinge nicht mehr so komplex sind, dass da jemand kommt und Ordnung schafft und auch mal mit der Faust auf den Tisch haut, aber dabei halt doch gut, fair und gerecht bleibt.

Nach "Je suis Charlie" auf der Theaterbühne "Je suis Fassbinder" zu sagen, ist ein Statement. Ist das als Selbstbehauptung gemeint?

Als vor einem Jahr überall dieses "Je suis Charlie" in Umlauf kam, kam mir das vor wie die Hohlform einer Massenbewegung. Dennoch ist es interessant zu fragen: Wofür stehe ich, wenn ich "Je suis . . ." sage, als Deutscher, als Franzose, als Europäer? Fassbinder gab mir mit seinem "Ich bin Fassbinder" die Gelegenheit zu sagen: Ich bin ein Mann, der sich widersprüchlich verhält, der schwierig ist, unangepasst, politisch nicht korrekt - man warf ihm Frauenfeindlichkeit vor, Homosexuelle fühlten sich im Film "Faustrecht der Freiheit" entstellt. Der Mann war nicht fassbar.

Eine Künstlerfigur, die es kaum mehr gibt: exzessiv, unvernünftig, versoffen - ein kreatives Selbstzerstörungsgenie.

Eine Kunstfigur, die mir auf der Bühne erlaubt, die verkürzenden Identitätsbehauptungen in Europa aufzubrechen und sie in ein polyfones Stimmengewirr aufzufächern, vom Extremisten in der Banlieue bis zur Adeligen in Stuttgart, die die "Demo für alle" organisiert. Diese Frage eines komplexen europäischen Selbstverständnisses erscheint mir heute entscheidend. Eher als mit dem Islam sollten wir uns mit Europa auseinandersetzen: Woher es kommt, was es will, worauf es beruht, was es vermag, wo es versagt. All diese rechtsextremen Gruppen, die permanent die europäische Identität beschwören, sind im Grunde gegen das, was Europa ausmacht. Sie sind gegen die offene Gesellschaft, gegen die Kunstfreiheit, gegen Beziehungen, die nicht dem Standard Mutter-Vater-Kind entsprechen, gegen Menschenrechte, gegen den Euro, gegen die EU.

Ist die Demokratie in Europa gefährdet? Die Situation ist abstrus. Wir ziehen uns nächtelang Serien wie "House of Cards" und "Borgen" rein, in denen gezeigt wird, wie verlogen unsere politischen Akteure sind. Weil oft marktwirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, sind die Möglichkeiten der Einflussnahme in der Demokratie sehr beschränkt - TTIP zeigt das ja geradezu modellhaft. Das alles wissen wir, und trotzdem ist diese Demokratie und ist die EU schützenswert gegenüber diesen von überall heraufziehenden nationalistischen, völkischen, rechtsextremen Gruppen, die, wie gegenwärtig in Polen oder Ungarn, die Staatsformen, die Gerichte, die Presse auszuhebeln versuchen. Für Fassbinder lag der Faschismus noch nicht weit zurück. Bei vielen von uns ist er schon fast vergessen, und doch muss uns klar sein, wie schnell er wieder kommen kann.