"Stoker" im Kino Da schlummert noch was

India feiert ihren 18. Geburtstag und steht zugleich am Sarg ihres verunglückten Vaters. Die Mutter: Nicole Kidman, hochneurotisch. Der Onkel: lange vermisst, voll düsterer Seiten. Seit "Carrie" hat sich keiner mehr getraut, den tumultartigen Übergang vom Mädchen zur Frau so symbolisch zu inszenieren wie Gewaltphilosoph Park Chan Wook in "Stoker".

Von Tobias Kniebe

Dieses Mädchen hat ein Geheimnis, von Anfang an. Ihr strenger Mittelscheitel, ihre gestärkten, altmodischen Schulmädchenkleider, ihre makellose Porzellanhaut - all das ist nur die äußerste Hülle. Denn etwas rührt sich schon im sinnlichen Schwung ihrer Lippen und Augenbrauen, im Fließen ihres rötlichschwarzen Haars. India Stoker feiert ihren 18. Geburtstag, und zugleich steht sie am Sarg ihres Vaters, der bei einem Unfall ums Leben kam. Die Australierin Mia Wasikowska spielt sie, die zuletzt auch schon Alice im Wunderland und Jane Eyre verkörpert hat. Und in diese Reihe der Suchenden, die den Schlüssel zum Verdrängten und Verbotenen in der Hand halten, reiht sich India wunderbar ein.

Der Lockruf einer alten, vergessenen Welt, mit moosbewachsenen Gipsstatuen und schmiedeeisernen Bänken im Garten, mit Klavieretüden am Konzertflügel, zu denen unerbittlich das Metronom schlägt, ist in "Stoker" machtvoll zu hören. Und er hat wohl auch den Regisseur angelockt, den gefeierten koreanischen Gewaltphilosophen Park Chan Wook, vor allem bekannt durch seine "Vengeance"-Trilogie. Bei "Stoker" hat er zum ersten Mal im Westen gedreht, genau genommen in Nashville, im amerikanischen System - und wollte doch nichts Amerikanisches in seinem Film haben: wenn schon Abendland, dann gleich das volle, aller Zeit entrückte, viktorianisch angegruselte Märchenprogramm.

Vielleicht ist es die Trauer, vielleicht ist es generell nicht leicht mit India. Wenn man sie um etwas bittet, verdreht sie ihre Augen in Richtung linke obere Unendlichkeit, dann werden die Wimpern einmal herunter und wieder heraufgefahren, anschließend wendet sie den Blick in die rechte obere Unendlichkeit. Das ist ihre Form des Protests, deutlicher wird sie erst mal nicht. Es funktioniert aber auch so, wie man an den hochneurotischen Zuckungen ihrer Mutter sieht, kongenial verkörpert von Nicole Kidman, die hier nur noch aus Nervensträngen und verspannten Halsmuskeln zu bestehen scheint.

Eine Riesenspinne huscht lautlos über den spiegelblanken Parkettboden. Sie sucht Indias Nähe. Aber vielleicht huscht sie gar nicht wirklich dort, vielleicht ist sie nur ein hässlicher Gedanke, der eine arachnoide Form angenommen hat. Genauso unwirklich erscheint Onkel Charlie, der lang vermisste Bruder des Vaters, der nun auftaucht und bleibt. Matthew Goode spielt ihn unwirklich grünäugig und braungebrannt, unwirklich sauber in seinem Preppy-Look. Und natürlich erinnert er nicht zufällig an einen anderen Onkel Charlie aus der Filmgeschichte, der in Hitchcocks "Shadow of a Doubt" sein Unwesen trieb.

Den düsteren Seiten dieses Onkels, die India nach und nach entdeckt, abgestoßen und fasziniert zugleich, widmet der Film nun viel Zeit und Energie. Park Chan Wook, der als junger Mann von Hitchcocks "Vertigo" ergriffen und nicht wieder losgelassen wurde, fühlt sich auf diesem Terrain auch zu Hause. Er umtanzt und umzirkelt seine Figuren mit den Präzisionsfahrten seines regelmäßigen Mitverschwörers an der Kamera, Chung Chung Hoon. Und doch geht es ihm nicht um das logische Raster des Suspense, das Hitchcock so streng über seine Filme legte - das wäre hier auch viel zu beengend. Im Grunde geht es ihm nur um India. Um das, was noch in ihr schlummert und jetzt erwacht.

Es gibt einen Schlüssel an Indias Halskette, der allen Ernstes ein Geheimfach zur verdrängten Vergangenheit öffnet. Es gibt ein wogendes Klavierstück für vier Hände, geschrieben von Philip Glass, das Park Chan Wook ohne Umschweife als imaginierten Liebesakt inszeniert. Und es gibt einen ersten Versuch zum Sex, der leider schiefgeht und dann mörderische Energien freisetzt. Die unerschrockensten Freudianer, denkt man bei diesen Szenen, kommen heute wohl aus Asien. Seit Brian De Palma mit seiner "Carrie" hat sich keiner mehr getraut, den tumultartigen Übergang vom Mädchen zur Frau so hochsymbolisch nach außen zu stülpen - und das ist auch schon fast vierzig Jahre her.

Ob Park Chan Wook das alles ganz ernst nimmt, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich geht es ihm eher um die subtilen Momente. Einmal zum Beispiel driftet India mit einem Jungen, zu dem sie sich hingezogen fühlt, nachts über einen Kinderspielplatz. Und Park Chan Wook nutzt diese standardisierte Drehscheibe, die in jedem Park um die Ecke zu finden ist, zu einer wahrhaft magischen Verschiebung der Perspektive: Auf einmal schwebt seine Heldin durch die Nacht, schwerelos, unfassbar, nicht mehr zu besitzen, Fee und Hexe zugleich. Wer derart ansatzlos die Realität überwinden kann, mit den denkbar einfachsten Mitteln - der wird schon zu Recht als Meister verehrt.

Stoker, USA 2013 - Regie: Park Chan Wook. Buch: Wentworth Miller, Erin Cressida Wilson. Kamera: Chung Chung Hoon. Mit Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode. Verleih: Fox, 99 Minuten.