Von Christian Kortmann

Alle auf Sendung? Der Bayerische Rundfunk braucht 45 Minuten, um Bilder von Stoibers Rücktritt zu liefern. Eine Chronik.

Nachdem der Bayerische Rundfunk in der Nacht auf Mittwoch Stoibers Rücktritt verfrüht angekündigt hatte, ließ man es heute, als Stoiber tatsächlich seine Demission in Aussicht stellte, ruhiger angehen.

Genüsslich knabbern die beiden Frettchen Bingo, rechts, und Merlin an einer von den scharfen Zähnen schon stark lädierten Tube Vitaminpaste. (© Foto: AP)

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Ja, als kurz nach 14 Uhr alle Nachrichtensender von Stoibers Auftritt vor der Presse berichteten, da lief im Bayerischen Fernsehen noch "eureka tv": Zwei in Homeshopping-TV-Manier synchronisierte Girlies erklärten dem jungen Publikum die Welt, im Speziellen: das Leben der Frettchen.

Ein Exemplar dieser possierlichen Tiere war zu Gast im Studio. "In dunklen Tunneln kann ein guter Orientierungssinn hilfreich sein", erklärten die Girlies, während unter ihnen weiße Laufschrift auf blauem Grund Stoibers Rückzug verkündete: "Die spitzen Zähne sind immer zum Angriff bereit!"

Was wollte uns der BR mit dieser Bild-Ton-Collage sagen? Waren wir im Reich der Fabeln gelandet, erzählte man eine weise Parabel, die Stoiber Aufmunterung verspricht? Auch schwere Zeiten wird dieser Atlas Bayerns durchstehen, denn: "Frettchen können das Vierfache ihres Gewichts tragen."

Es wird weitergehen, am Ende ist ein Licht - beim Lauf durch den Tunnel feuerten die Girlies das Frettchen an: "Du schaffst das, Stinky!"

Im Hauptprogramm der ARD lief die Telenovela "Rote Rosen", im ZDF wurde zwar scharf geschossen und es ging um Strafrunden - allerdings im Biathlon und nicht in München oder Wildbad Kreuth.

Um 14 Uhr 46 ging der BR dann kurz mit Spezialnachrichten auf Sendung. Damit es nicht zu aufregend wird, sendet man gerade allerdings wie geplant die "Grenzgänge im Bayerischen Wald": Herr und Hund haben gerade einen Hirsch aufgestöbert. Jetzt ist der Hirsch tot.

15 Uhr 31: Ah, und jetzt berichtet man von einer Hütte, in der "Führungskräfte ausspannen können, um in Ruhe Entscheidungen zu treffen". War Stoiber gestern hier?

15 Uhr 33: In einer Kirche wird eine Messe gesungen. Dramatisch rot und schwarz geht die Sonne unter. Ein Mann sagt: "Woher komme ich, wohin gehe ich?" ARD: "Sturm der Liebe", die nächste Telenovela; ZDF: Biathlon.

15 Uhr 37: Bildstörung. Dann spielt der BR "Also sprach Zarathustra", dazu Bilder von Stoiber, vom Papst, von Mario Adorf!? Was soll das denn? Was kommt jetzt? Ach so, ein Werbetrailer für die "BR-Abendschau". Sie zeigen, wie schnell sie arbeiten. O-Ton: "Das sind die schnellsten in unserer Truppe: Die Tagesreporter." Aha. "Um ein Interview zu führen, muss man es erstmal organisieren." Ach so. "Doch gesendet wird noch lange nicht". Äh ja, danke für die Information.

15 Uhr 50: BR-O-Ton: "Happy End in der Abendschau: Aktualität ist nicht das Einzige, was uns wichtig ist." Schon klar. "Und wenn Sie sich jetzt noch wundern, wie bei all dem kreativen Chaos (d.h. "wir sind eigentlich eine junge, irre flippige Truppe, sozusagen die taz des Fernsehens") am Ende eine Sendung rauskommt: Manchmal wundern wir uns auch."

15 Uhr 59: Es läuft das Lied "Bright Side of Life". Bei der Textpassage "Life's a piece of shit", bricht der Abendschau-Werbetrailer ab.

Um 16 Uhr geht es dann endlich in einer "Rundschau extra"-Ausgabe zur Sache, und man freut sich schon auf den BR-Nachruf reloaded. Ja, sie wollen einen politischen Nachruf senden, aber die MAZ startet nicht. So ein Ärger.

16 Uhr 07: Jetzt läuft sie offiziell im CSU-Haussender: Stoibers politische Beerdigung zu Lebzeiten. Die können sie jetzt bis zum September täglich wiederholen.

16 Uhr 12: Im BR gibt man ab zum Wetter. Eine schöne Lektion über die Eitelkeit der Welt: Am Ende ist den Menschen ein bisschen Wind wichtiger als ein politisches Lebenswerk.

(sueddeutsche.de)

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