Der Gerichtsstreit um die Aufzeichnungen der Opfer des 11. September aus dem World Trade Center ist entschieden: Sie dürfen veröffentlicht werden.
Es scheint unmöglich, angemessene Worte zu finden für das Unfassbare, bis heute, fast zwei Jahre danach. Jüngstes Beispiel: die Diskussion um die Aufzeichnungen dessen, was im World Trade Center kurz vor dem Einsturz geschah. Man wolle berichten, wie die Notdienste funktionierten an jenem Tag, so ein Sprecher der New York Times. Und man wolle "Geschichten erzählen vom Heroismus" jener Leute. Darauf ein Sprecher der New Yorker Hafenbehörde, damals Eigentümerin des World Trade Center: Man verstehe natürlich das Recht der Öffentlichkeit, genau zu erfahren, was damals geschehen sei. Aber vor allem trage man "Verantwortung für die Familien der Helden des 11. September".
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New York, 16. April 2002: Der letzte aufrechte Stahlträger des WTC - übersät mit Graffiti, Blumen und Fotografien. (© Foto: AP)
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Diese Worte sind im Streit um die rund 260 Stunden Bänder, Radiomitschnitte, Anrufe und deren schriftliche Aufzeichnungen gefallen, die am Morgen jenes Septembertages 2001 aus dem World Trade Center drangen. Die Hafenbehörde wollte sie nicht herausgeben. Die New York Times will sie verwerten. So steht die Informationsfreiheit einer möglichen Verletzung von Persönlichkeitsrechten gegenüber. Ein Gericht des Bundesstaates New Jersey, in dessen Zuständigkeitsbereich die Hafenbehörde fällt, hat nun der Zeitung Recht gegeben. Am gestrigen Donnerstag wurden die Aufzeichnungen veröffentlicht.
Inzwischen hat die Hafenbehörde erklärt, sie fürchte vor allem, dass Angehörige der 2792 Opfer unerwartet mit den Stimmen der Toten konfrontiert werden könnten, durch einen Mitschnitt, eine Unterhaltung, irgendwo in den Medien. Viele der Anrufe seien bis heute nicht identifiziert worden. Und einige Angehörige haben schockiert auf die Gerichtsentscheidung reagiert. Leila Negron, deren Mann am 11. September umgekommen war, sagte, es sei "wie ein Schlag ins Gesicht, als ob es noch einmal geschehen würde". Die Hafenbehörde hat die Medien gebeten, zumindest von der Veröffentlichung "grauenvoller, überflüssiger oder persönlicher Details" abzusehen.
Doch es gibt auch andere Stimmen. Die Öffentlichkeit müsse erfahren, dass man sich in einer Lage befinde, die alles andere als perfekt sei, meint Monica Gabrielle, die ebenfalls ihren Mann verloren hat. Sie ist Vorsitzende einer Vereinigung zur "Sicherheit von Hochhäusern", die nach den Anschlägen gegründet wurde. Und wieder andere Familien wollen zwar die Bänder nicht selbst abhören, wie es ihnen die Hafenbehörde angeboten hat, akzeptieren aber jenes so diffuse "öffentliche Interesse". Meinungen in einer derzeit erregt geführten Debatte: Wie gehen die Vereinigten Staaten mit einem Ereignis um, dessen Nachwirkungen die ganze Welt verändert haben, dessen psychologische Folgeschäden aber so weitreichend sind, dass man die Opfer nicht zur Ruhe kommen lassen kann?
Wird man dem viel beschworenen "Andenken" an die Opfer tatsächlich gerecht, wenn man bis auf die letzte Sekunde recherchiert, was sie taten? "Heldengeschichten" will die New York Times erzählen. Aber vielleicht gibt es ja weniger Heldengeschichten als Einzelfälle vor Angst wahnsinniger, panischer Menschen, von denen man dann aber offenbar nichts weiter hören wird, weil man damit vielen Angehörigen wirklich Leid zufügen würde. Die Wahrheit zu berichten und von Helden zu erzählen - das muss nicht immer dasselbe sein.
Überhaupt ist es merkwürdig, wie sich die Bezeichnung "Helden" eingeschlichen hat für Menschen, die in erster Linie Opfer eines furchtbaren Anschlags waren. Als Sammelbegriff verwendet, verliert das Wort seine politische Rationalität. Wer aus Opfern ohne Ansehen des Individuums "Helden" macht, erinnert an jene, die jeden gewaltsam umgekommenen Muslim zum "Märtyrer" im Krieg gegen die Ungläubigen machen. So wird der reale Krieg gegen den Terror zur mythischen Schlacht gegen das Böse. Und das Andenken der Opfer missbraucht.
(SZ v.29.08.2003)
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