Stephen Hawking: Der große Entwurf Das Geheimnis des Seins

Wer die Weltformel findet, der braucht keinen Schöpfer mehr: Der Physiker Stephen Hawking hat in seinem neuen Buch die Existenz Gottes widerlegt.

Von Ralf Bönt

Der Rezensent ist Schriftsteller und Doktor der theoretischen Physik. Sein letzter Roman"Die Entdeckung des Lichts" ist vergangenes Jahr im DuMont Buchverlag in Köln erschienen. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Süddeutschen Zeitung vom 24.9.2010.

Stephen Hawking hat in seinem neuen Buch "Der große Entwurf" gemeinsam mit seinem Koautor Leonard Mlodinow die Existenz Gottes widerlegt. Zu Hilfe nehmen sich die beiden Wissenschaftler die als "theory of everything" schon länger bekannte Stringtheorie, die sich nun zur "M-Theorie" gemausert hat, die gleich noch erklärt werden soll. Sie dürfte uns, so die beiden Autoren, bald die Weltformel liefern und braucht keinen Schöpfer mehr.

Stephen Hawking war Inhaber des Lucasischen Lehrstuhls in Cambridge. Sein Erfolg auf dem Buchmarkt kann mit Respekt allein aber nicht erklärt werden. Zu Hilfe kam dem Engländer neben der Thematik und der Qualität seiner Prosa, dass er gerade nicht dem Bild vom Genie entspricht, das Nietzsche einst entwarf. Das Verhältnis vom Autor zu seinen Zeitgenossen ist nicht das von stark zu schwach. Denn beeindruckend an Hawking ist sein freier Umgang mit seinem eigenen Bild in den Medien: Rollstuhl und elektronisches Sprechgerät nimmt er souverän für selbstverständlich. So einem Mann hört man gern zu. Dass Hirnphysiologen annehmen, Genie brauche prinzipiell zunächst eine Hirnleistungsstörung, die das ungewöhnliche Denken erzwinge, sei nur am Rande bemerkt.

Wo in seinem ersten Bestseller von der "kurzen Geschichte der Zeit" gebändigte Eloquenz war, findet man in "Der große Entwurf" schiere Brillanz. Mit traumwandlerischer Sicherheit umreißen Hawking und Mlodinow schon in wenigen ersten Sätzen die letzten Fragen. Die Philosophie erklären sie für tot, damit die Physik die Macht übernehme. Man kennt solchen Atem sonst nur aus Bekehrungstexten, deren sprachliche Ökonomie sich dem Mangel an Zweifeln verdankt. Das sieht aus wie Erhabenheit.

Hawking und Mlodinow exekutieren ihr Programm denn auch mit ebenso viel Liebe und Wissen wie ohne Pardon. Zügig und von ihrer eigenen Brillanz auf dem Weg zur Erlösung getrieben, wird bewiesen, dass quantisierte Uni- und Multiversen aus dem Nichts fluktuieren, ganz wie man es von virtuellen Teilchen kennt. Das Ganze, das Nichts und wir: ein Traum, der übrigens auch keinen Gott nötig hat, weil er ja aus dem Nichts kommt. Vielmehr gilt das anthropische Prinzip: Alles ist so, weil wir Zerbrechlichen hier sind. Vergessen sind die Kränkungen, die Kopernikus, Darwin und Freud uns zugefügt haben. Das ist augenzwinkernd zu nehmen.

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Die Suche nach der Weltformel begann übrigens 1820 in Kopenhagen. Damals entdeckte der dänische Naturforscher Hans Christian Oersted während eines Versuches mit der von Alessandro Volta erfundenen Batterie zufällig, dass eine Kompassnadel reagiert, wenn man in ihrer Nähe einen elektrischen Strom anschaltet: Sie stellt sich senkrecht zum Stromkabel. Oersted schrieb sofort einen Bericht, der in Europa schnell bekannt wurde, obwohl er in Latein abgefasst war und öfters erst übersetzt werden musste. Überraschend war, dass hier zwei Erscheinungen der Natur - Magnetismus und Elektrizität - offensichtlich miteinander verschränkt waren. Nicht nur der große Charles Augustin de Coulomb war überzeugt gewesen, dass Magnetismus und Elektrizität zwei Flüssigkeiten seien, die einander nicht durchdrangen.

Oersteds Beobachtung firmierte fortan denn auch nicht als neue Harmonie, sondern als "Konflikt der Elektrizität mit dem Magnetismus", bevor sie auf dem Gebiet der Naturkräfte den größten Paradigmenwechsel triggerte. Statt Beobachtungen in isolierte Vorgänge zu trennen, suchten André-Marie Ampère, Alexander von Humboldt und andere nun hektisch nach dem Gesetz, das die gesamte Wechselwirkung als eine einzige erklärte. Es ging um die Formel, die alles beschreibt. Erfolgreich war der junge Laborhelfer Michael Faraday, der das Rätsel in den Sommerferien im Keller der Londoner Royal Institution löste und damit jene Theorie auf dem Weg brachte, die später als Feldtheorie des Elektromagnetismus triumphierte.

Ausformuliert hatten sie Lord Kelvin und vor allem eine skurrile Figur namens James Clerk Maxwell aus Schottland. Die Theorie stützte sich auf Faradays Annahme, die Linien, die die Eisenspäne am Magneten bilden, markierten Kraftfelder, und die Kräfte benötigen Zeit, um sich im Raum auszubreiten. Das Verhalten der Linien bei bewegten Ladungen hieß nun Elektrodynamik, und ihr sensationelles Nebenprodukt war das Verständnis des Lichts als Welle in diesen Linienfeldern. Sie löste die bis dahin sakrosankte Ansicht Isaac Newtons ab, Licht sei ein Teilchen.