Von Gustav Seibt

Wie der Frank den Moritz nach Hause gefahren hat ... Steinmeiers Wahl-Website ist eine unfreiwillig komische Anekdoten-Sammlung, die ein Hit werden könnte.

Warum Steinmeier wählen? Das fragt sich in diesen Wochen mehr als einer in diesem Land, und da in einer freien Gesellschaft keine Frage unbeantwortet bleiben muss und man dafür nicht einmal Nachrichtensendungen braucht, haben wir den Dramatiker Moritz Rinke gefragt, warum wir für Steinmeier stimmen sollten. Moritz Rinke aber sagte uns: Wählt Steinmeier, weil Steinmeier am Ende einer langen Klubnacht Moritz Rinke nach Hause gebracht hat! Irre. Steinmeier, der immer unheimlich lange durchhält, war nach einer superlangen Klubnacht noch da, als der Rinke schließlich doch schlappmachte und nach Hause musste. Da sagte Steinmeier, du, kein Problem, ich bring' dich nach Hause.

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Wählt Steinmeier, weil er euch am Ende einer langen Klubnacht nach Hause bringt! Das scheint laut Steinmeier-Homepage ein Argument für den Kandidaten zu sein. (© Foto: ap)

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Also setzte sich ein Autokorso mit vier schwarzen Limousinen samt Sicherheitskräften mal eben durch die Berliner Nacht in Gang, brauste direktemang zu Rinke, die Wagentüren wurden aufgerissen, Rinke wollte grad reingehen, da kam auch Frau Müller heim, die Nachbarin vom dritten Stock, auch sie ungewohnt spät dran, dazu noch leicht beschwipst, denn sie kam von einer Hochzeit. Frau Müller war gerade dabei sich zu erschrecken, weil der Rinke mit den vier Limousinen vorgefahren wurde - Terrorismus? -, da klärte der Frank die Lage und sagte so robust und kompakt, wie wir ihn lieben: "Ich bringe diesen jungen Mann nach Hause."

Frau Müller, die nette Kindergärtnerin, staunte Bauklötze, begann etwas zu verstehen und ist seither der SPD sehr gewogen, erzählte uns Rinke mit einem unbeschreiblichen spitzmündigen Lächeln, die große Szene genießerisch ausmalend. Zwei SPD-Wähler hat diese Autokorsofahrt durch Berlin lange nach Mitternacht gebracht, oder vielleicht doch nur eine, weil der Moritz mit dem Frank im Klub ja schon vorher per du und insofern längst handelseinig war. Aber die Frau Müller hatte vielleicht ihr Herz noch nicht verschenkt, doch nun, nach Autokorso und Blaulicht und aufgerissenen Türen und begütigendem Satz von Frank, wird sie nicht mehr anders können, als für Steinmeier zu stimmen.

Der Moritz hat uns das mit dem Frank in der Klubnacht natürlich nicht selber erzählt, sondern jedem von uns in einem kleinen Video, das man sich auf der Internetseite www.steinmeier-wird-kanzler.de anschauen kann. Erst damit wird aus dem recht aufwendigen altmodischen Autokorso-Haustür-Wahlkampf eine topaktuelle Medienkampagne für uns alle, die Schwarmintelligenz.

Wenn diese Internetseite nicht schnellstens Klickwunder wird, dann versteht man Welt und Internet nicht mehr. Julia Franck, die geschätzte Familienschriftstellerin (Buchpreis 2007), sitzt in einem anderen Clip auf einem roten Sessel in stilvoll abgedunkeltem Ambiente neben einem Blumenstrauß und hebt mit einer teedamenhaften Süße, die so unaussprechlich ist wie das Selbstgenießertum von Rinkes spitzmündiger Lächelperformance, an: "Also, es gibt Menschen, die können etwas mit Gedichten anfangen, und es gibt Menschen, die können das nicht."

Wobei sie Gedichte so dunkel-ernst spricht, dass es beinahe wie "Gedüchte" klingt, wie eine Sache also, deren Nichtverstehen einen in eine niedrigere Klasse der Menschheit katapultiert.

"Herrn Steinmeier habe ich von Anfang an zu den Ersten gezählt", fährt Frau Franck fort. "Aus einem ganz einfachen Grund, es gibt", und hier gluckst sie zart wissend, " Menschen, die müssen in einer ungeheuren Geschwindigkeit sehr genau wahrnehmen, müssen Entscheidungen treffen, und jenseits von diesen funktionalen Entscheidungen müssen sie genießen können, sie müssen so etwas wie irrationale Welt und Sinnlichkeit begreifen können."

Klar, dass uns da Frank-Walter Steinmeier als Erstes einfällt! "Das kann man nur in Gedichten!" "Das war für mich der Grund, warum ich Herrn Steinmeier eines Tages ein sehr dickes Buch mit Gedichten schenken musste. Ich glaube", erneutes Glucksen, " er ist genau der Richtige dafür." Die "starke und genaue Vision davon, wie es weitergehen könnte" - die folgt daraus so unabweislich zwingend wie der Kamerazoom auf das Gesicht der Dame Franck.

Aber das Web bleibt natürlich trotz dieser zauberhaften Auftritte auch ein Schriftmedium, und so dürfen wir auf der "Steinmeier-wird-Kanzler"-Seite nicht nur hören und fühlen, sondern auch lesen: "Heute also ein Blick auf das alte China: Wenn die Kaiser dieses Reiches erfahren wollten, wie es an den Grenzen aussah, schickten sie Musiker aus, die mit den Melodien und Tänzen der Grenzbewohner zurückkehrten. Der Kaiser ließ die Stücke aufführen, dann wusste er, was an den Grenzen gespielt wird."

Das erzählt uns der Publizist und China-Kenner Tilman Spengler. "So etwa hat man sich die Anfänge der auswärtigen Kulturpolitik vorzustellen, an deren Grundmuster Frank-Walter Steinmeier nicht viel geändert hat" - sagt Spengler. Wer also in Berlin beim Außenministerium vorbeifährt und sich fragt, wer in den vielen Limousinen, die hier ständig ankommen, eigentlich drinsitzt, weiß: Es sind Musiker mit den neuesten Hits aus allen Landesecken, damit der Minister erfährt, was gerade so gespielt wird.

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(SZ vom 04.08.2009/jeder)