Von Constanze von Bullion

Bei der Berliner Zeitung ist die Stimmung am Boden. Zwei leitende Redakteure haben jahrelang der Stasi zugearbeitet. Jetzt wird über Verrat in der DDR und die eigene Vergangenheit des Blattes diskutiert.

Es spielen sich in diesen Tagen bei der Berliner Zeitung Szenen ab, die sich eigentlich schon vor 19 Jahren hätten abspielen müssen. Eine ganze Redaktion diskutiert da über ihre eigene Vergangenheit, über Moral und Verrat in der DDR, über den Staatssicherheitsdienst und darüber, wie Journalisten eigentlich mit der Wahrheit über ihr eigenes Leben umzugehen haben.

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Erich Böhme, Gründer der Berliner Zeitung und Herausgeber in der Zeit von 1990 bis 1994. (© Foto: AP)

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Auch am Dienstag wurde im Plattenbau am Alexanderplatz stundenlang und in großer Runde gestritten - zur Klärung der Atmosphäre hat das wohl nur wenig beitragen können. Nachdem bekannt geworden ist, dass nicht nur der Leitende Redakteur der Berliner Zeitung, Thomas Leinkauf, sondern auch der stellvertretende Politikchef Ingo Preißler jahrelang der Stasi zugearbeitet haben, ist die Stimmung am Boden.

Grund für die Aufregung sind die 120 Blatt Papier, die die Stasi mit Hilfe Leinkaufs, des Magazinchefs der Berliner Zeitung, zusammengetragen hat. Die Existenz der Akte ist vor wenigen Tagen bekannt geworden, und wer sie liest, der dürfte Mühe haben, Sympathie für den ehemaligen Stasi-Zuarbeiter "IM Gregor" aufzubringen, der zwischen 1975 und 1977 für den DDR-Geheimdienst geschnüffelt hat.

Nun ist der Jammer groß, denn der Berliner Verlag steckt nach seinem Verkauf ohnehin in der Krise. Viele Redakteure gehen, andere werden entlassen oder wollen weg. Nun also auch noch die Stasi-Vergangenheit, das erschüttere das ganze Haus, schrieb Chefredakteur Josef Depenbrock am Dienstag auf der Seite drei: "Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit sind beschädigt."

Die Verlagsleitung will radikale Aufklärung, sie darf Stasi-Akten ihrer Mitarbeiter aber nicht anfordern. Nun sollen Forscher der Freien Universität Berlin die Redaktion durchleuchten.

Die Redaktion will eine anonyme Umfrage im Haus starten, die klärt, wie viele Redakteure bereit sind, ihre Stasi-Akte freiwillig zu veröffentlichen.

Der ebenfalls Leitende Redakteur Christian Bommarius, gehört zu den schärfsten Kritikern des ehemaligen Stasi-Zuträgers Leinkauf. Bommarius kritisiert nicht nur dessen jahrelanges Schweigen, er zweifelt auch an den Selbstreinigungskräften der Redaktion. Die hätten sich schon in den entscheidenden ersten Jahren selten bemerkbar gemacht, als aus dem ehemaligen SED-Blatt eine demokratische Zeitung wurde. Auch die Verlagsspitze habe die Vergangenheit verdrängt. "Die haben damals offensiv nichts gemacht, und dieses Versagen der Anfangsphase rächt sich ."

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