sueddeutsche.de: Haben Sie unter den DDR-Verhältnissen gelitten?

Anzeige

Vogler: Ich hatte Glück mit dem Elternhaus. Alles in der DDR hing an der Famlie, an der eigenen Zelle. Meine Eltern waren politisch extrem gegen den Staat eingestellt. Wir hatten in Ost-Berlin tolle Konzerte und gute Theater-Aufführungen, das waren Inseln. Das hat für die Jugend gereicht. Und wir konnten uns ganz auf unsere Instrumente konzentrieren, es gab keine Ablenkung.

sueddeutsche.de: Das habe zur Bewahrung des "deutschen Klangs" geführt, lobt die New York Times.

Vogler: Die Theorie lautet, dass die Mauer den deutschen Klang im Osten konserviert hat, während der Westen alle Neuerungen aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich, absorbierte. Da ist bestimmt etwas dran.

Clip 6: Jan Vogler über seine Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg:

sueddeutsche.de: Aber was ist das: der "deutsche Klang"?

Vogler: Die einen sagen besonders hell, die anderen besonders dunkel. Ich glaube, es ist eine etwas schmucklosere Darstellung. Meine Lehrer waren sehr streng. Eine Note anders gespielt - und die Partitur war zerstört.

sueddeutsche.de: Was sagen Sie zur Einschätzung, bei einem Cellisten sei immer auch ein "Hauch von Wehmut" erkennbar - und es gebe Narben, die vom oft verlorenen Kampf gegen die Eigenheiten seines Instruments zeugten?

Vogler: Ein wunderschönes Zitat von Gregor Piatigorsky. Es ist, vielleicht bis auf die Sache mit den Narben, absolut wahr. Beim Cello-Spielen hat man die schönsten Gefühle zwischen Melancholie und Glück. Deswegen mag ich auch Tango so gerne. Cellisten sind Kämpfernaturen. Man gewinnt nicht jede Schlacht und stürzt sich doch in die nächste.

sueddeutsche.de: Ist Cello ein besonders erotisches Instrument?

Vogler: Das hoffe ich. Es ist ganz gewiss kein besonders sachliches Instrument. Mein jetziges Cello - ein Montagnana aus dem Jahr 1721 - ist jedenfalls erotischer als mein altes. Es kommen nach dem Konzert mehr Leute und sprechen mich darauf an.

sueddeutsche.de: So erotisch wie bei Udo Lindenberg, der das Instrument und eine Interpretin in seinem Hit "Cello" preist?

Vogler: Ich habe dieses wunderbare poetische Stück sogar schon zweimal mit ihm gespielt. An Udo Lindenberg beeindruckt mich seine frische und gesellschaftspolitische Art. Als wir das erste Mal in Dresden in der Manufaktur von VW gemeinsam spielten, gab es nur einen kurzen Soundcheck, 45 Minuten vor der Show. Er sagte, wir bräuchten keine Noten, "wir sind da eher so von der flexiblen Brigade". Das Experiment ging auf, wir hatten einen Riesenspaß. Das Cello-Solo in dem Stück ist rhythmisch etwas vertrackt, aber sehr schön.

Clip 7: Jan Vogler spielt Johann Sebastian Bach:

sueddeutsche.de: Herr Vogler, ist ausgeschlossen, dass Sie wieder ganz nach Deutschland kommen?

Vogler: Nein. Derzeit fühlen wir uns sehr wohl in New York. Ich habe in Amerika große Chancen bekommen und konnte mit fast allen großen Orchestern musizieren. Dort gehe ich mit einem sehr freien Gefühl auf die Bühne.

sueddeutsche.de: Sie gelten als großer Internet-Fan. Was mögen Sie an diesem Medium?

Vogler: Es ist schnell. Youtube ist zum Beispiel die größte Bibliothek. Wenn ich früher einen alten Film - Klemperer dirigiert - sehen wollte, musste ich mich in der Public Library anmelden und das Video dort anschauen. Der Vormittag war weg. Heute habe ich innerhalb von zehn Sekunden den Film vor mir, wenn auch in schlechter Qualität. Das Internet erlaubt einen unglaublichen Zugriff auf Quellen. Man sieht Musiker, und weiß mehr über ihr Spiel und ihren Charakter.

sueddeutsche.de: Wie wichtig sind in dieser digitalen Welt noch CD-Verkäufe? Oder wird sie ganz beherrscht von Online-Portalen und vom Downloading?

Vogler: Herbert von Karajan war ein absoluter Technikfreak - und doch hat selbst er gesagt, dass der technische Fortschritt zum Gegner der Musik werden könnte. Nur downloaden, das bedeutet Qualitätsverlust. Das Cellokonzert beim Joggen ist prima - aber es wäre schade, wenn es die einzige Art des Konsums wäre. Ich bin Tonträgerfan. Die CD liefert ein wichtiges Zeitbild, eine Momentaufnahme. Deshalb baue ich immer wieder ein CD-Projekt rund um einen Komponisten herum - um eine Messsage herauszusenden, die in alle Ecken der Welt gelangt.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Wir müssen Konventionen aufbrechen"
  2. "Wir müssen Konventionen aufbrechen"
  3. Sie lesen jetzt "Wir müssen Konventionen aufbrechen"
Leser empfehlen