"Wir haben uns verwandelt von einer Gesellschaft, die den einsamen Typen auf dem Rücken eines Pferdes feierte, zu einer Gesellschaft, der es am wichtigsten wurde, möglichst schnell möglichst viele Datenströme zu verwalten", schreibt der New Yorker Soziologieprofessor Dalton Conley in ,,Elsewhere, U.S.A.: How We Got From the Company Man, Family Dinners, and the Affluent Society to the Home Office, BlackBerry Moms, and Economic Anxiety".
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In seinem Buch untersucht er, wie sich durch Instant-Messaging, Mail und Home-Office unser Kommunikationsverhalten geändert hat - und wie sich unter diesem Verhalten tiefe Ängste manifestieren: Heute würden alle, vom einfachen Arbeiter bis zur Führungskraft, permanent von dem Gefühl gejagt, zu wenig Zeit zu haben und zu wenig zu arbeiten. Weshalb eben alle versuchten, permanent erreichbar zu sein, wochenends genauso wie in den Ferien. Warum nicht schnell den Termin koordinieren und einen Flug buchen? Und wenn man am Sonntag zehn Mails beantwortet, muss man das nicht mehr am Montag morgen im Büro machen.
Conley schreibt, wir seien keine Individuen mehr, die nach Authentizität streben, sondern ,,Intraviduen", die gehetzt einen konstanten Strom von Messages, Anrufen, Kontakten und Daten zu managen versuchen. "Die Bewohner unserer Anderswo-Gesellschaft haben aufgrund ihres quälenden Kontingenzbewusstseins (warum bin ich gerade hier, ich könnte ja auch woanders sein) nur dann das sichere Gefühl, am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun, wenn sie auf dem Weg zum nächsten Ziel sind."
Flackernde Zerstreutheit
Schizophrene leiden oft an Ahedonie, also dem Verlust aller Lebensfreude und -lust. Psychologen erklären das mit ihrer Unfähigkeit, Stimuli auszusortieren, die permanente kognitive Erschöpfung führe zu grauer Mattigkeit. Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi zitiert in dem Zusammenhang einen depressiven Patienten, der sagt, das Quälendste für ihn sei, dass die Dinge zu schnell auf ihn einprasselten: ,,Ich versuche, auf alles auf einmal zu achten und kann mich deshalb auf nichts konzentrieren."
Klingt bekannt: Abends, auf dem Heimweg, nach der Arbeit - ist es da nicht, als habe man den ganzen Tag lang leeres Papier in die Luft geworfen? Man erlebt eine Art flackernder Zerstreutheit, schließlich fallen im Zustand dieser Totalvernetzung rasende Schnelligkeit und gähnende Leere zusammen. Ob Büronomaden früherer Jahrzehnte, Foucaults Plapperer, Mitscherlichs punktuelle Triebwesen, Tocquevilles Vernügungsfanatiker, ob sie dieses Gefühl schon genauso kannten?
Wer mit dem steten Bewusstsein des eigenen Ungenügens arbeitet (und das tun die meisten), der möchte schneller sein. Da die meisten Wirtschaftsprozesse aber längst hochgradig optimiert sind, kann man kaum noch schneller werden, sondern höchstens "Zeit verdichten", also alles auf einmal machen. Und zwar permanent.
Wahrscheinlich wird der konzentriert vor sich hin werkelnde Mensch in späteren Epochen mal eine Art obskures Merkmal vergangener Zeiten sein, ausgestellt in Museen wie mittelalterliche Fassbinder, Schindelmacher oder Tuchweber: "Schau nur, Liebling, der einsame Mann da, der im mausgrauen Anzug aus dem 20. Jahrhundert, der macht nur eine Sache auf einmal."
Null Aufschub
Kein Wunder, dass immer mehr Menschen Klosteraufenthalte, Schweige-Retreats oder Meditationswochen in Entschleunigungsoasen buchen; dass an Flughäfen und Bahnhöfen, in Einkaufszentren und Freizeitparks, in Fußballstadien und auf Messegeländen "Räume der Stille" gebaut werden; dass das Sheraton in Chicago damit wirbt, dass die Gäste ihre Mobilfunkgeräte kostenlos wegschließen lassen können, das Fünfsternehotel Vigilius in Südtirol stolz darauf ist, Zimmer ohne Fernsehen, Radio und Internet anzubieten, und Air Berlin mit dem handyfreien Flug wirbt: Die Stille wird für immer mehr Menschen zu einem tiefen Bedürfnis.
Die zweite Angst, die Conley beschreibt, das ist die Angst, alleine zu sein. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Handy und Mail sind auch eine narzisstische Falle, eine Art Nuckelflasche, aus der man sich süßen Brei holt, das Gefühl, gebraucht, geliebt, angesprochen zu werden. Sobald der Blackberry in der Hosentasche vibriert, gibt es null Aufschub, muss man sofort nachschauen, wer da was Leckeres geschickt hat. Aber wie das so ist mit dem Narzissmus: Wenn keine Bestätigung kommt, gähnt Leere. "Ich bin mailsüchtig", jammert Dilbert in einem der gleichnamigen Comicstrips. "Meine Endorphine feiern Party, sobald ich eine Mail kriege. Und wenn keine kommt, dann übermannen mich Einsamkeit und Verzweiflung."
Sollte Ihr Kind in späteren Dekaden mal eine Analyse machen und dann verstört zu Ihnen kommen, Papa, ich träum plötzlich dauernd von dir, aber du hast immer so ein kaltes blaues Gesicht, dann erklären Sie ihm: "Das kommt daher, dass ich immer in einen Computerbildschirm gestarrt habe, wenn ich in frühen Jahren mit dir geredet habe, mein Lieber." Im Ernst: Wie oft haben Sie mit Ihrem Kind geredet und währenddessen E-Mails auf ihrem Blackberry gecheckt oder "nur kurz" eine SMS verschickt? War das früher auch so? Haben unsere Eltern in ihre Olympia-Schreibmaschine eingehämmert, während sie uns sagten, wir sollten uns die Zähne putzen?
Cold Turkey
Bei den Kindern ist es teilweise noch ärger: Man muss sehen, was mit einem Zwölfjährigen passiert, wenn ihm die Eltern einen Tag lang verbieten, im Netz auf seine Lokalistenseite zu gehen: Cold Turkey. Panik steigt auf, die anderen könnten Schlechtes über einen schreiben. Die bittere Ironie daran ist, dass genau diese Angst vor dem Alleinsein einen dazu treibt, konstant zu texten und zu twittern, dass aber dieses Tun genau diese Angst verstärkt.
Der Literaturkritiker William Deresiewicz vergleicht diese fundamentale Angst vor der Einsamkeit mit der Erfahrung der Langeweile der vorangehenden Generation: Natürlich gibt es das Gefühl der Langeweile seit Jahrhunderten. Das große Zeitalter der Langeweile setzte aber erst ein mit dem Fernsehen, eben weil das Fernsehen dieses Gefühl betäuben sollte: Nichts zu tun zu haben bedeutet ja nicht automatisch, dass man sich langweilt. Langeweile ist nur die negative Reaktion auf diesen Zustand. Und Fernsehen, so Deresiewicz, "hindert einen gerade dadurch, dass es einen davon abhält, mit dem Nichtstun jemals irgendwie umzugehen, dieses jemals genießen zu können. Ja, es macht schon die Aussicht dieser Erfahrung zu etwas Unerträglichem. Du bekommst Angst vor der Langeweile - und machst den Fernseher an."
So ähnlich verhält es sich heute mit der Einsamkeit: Alleine die Aussicht, es könnte keiner anrufen, treibt einen dazu, selbst loszusimsen. Auf Rhonda McEwens Frage, wann sie denn alleine seien, sagten viele Studenten: gar nicht. Und sie fügten an: Wer will denn bitte schon allein sein?
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(SZ vom 20.06.2009/kar)
Venizelos kritisiert IWF-Chefin
Ständige Erreichbarkeit kann schon sehr nervig sein. Andererseit leben wir nunmal in einem Zeitalter, das sich (leider nur technisch) ständig und schnell weiterentwickelt. Entscheidungen werden so schneller und M.E. auch effektiver getroffen. Während man vor einigen Jahren noch wochenlang auf eine Antwort aus dem Ausland warten musste, geht es heute eben innerhalb von wenigen Tagen oder sogar Stunden, das ist gerade für die Geschäftswelt sehr wichtig.
Man muss sich jedem Zeitalter irgendwie anpassen, dass musste man schon damals, als es noch keine weltweite Vernetzung gab und das muss man heute. Wenn jemand nicht erreichbar sein möchte, dann schaltet er einfach sein Handy aus oder geht nicht ins Internet, das Problem dabei bleibt jedoch, dass man meistens auf der Strecke bleibt, da um einem herum, trotzdem Entscheidungen getroffen werden. Ein gewisser Druck besteht daher immer, das kann man nicht leugnen. Man muss eben einen Mittelweg finden.
Ein sehr guter Artikel, tatsächlich.
Bedenklich ist auch, dass die permanente Überflutung mit Informationen, die Gier und die Hetze danach uns anscheinend abstumpft, bzw. dass unsere Fähigkeit/Sensibilität Prioritäten zu erkennen, das Wichtige von Vernachlässigbaren zu trennen ermüdet und unsere Reaktionen darauf erschlaffen läßt, gleichgültig macht.
Wie mit allen Drogen, so setzt auch der Entzug der Droge "Erreichbarkeit" Entwöhnungseffekte frei. Alex Rühle hat das sehr anschaulich beschrieben. Ich sehe das an Jugendlichen, die schier wahnsinnig werden, wenn das Handy nicht sofort das tut, was ihm befohlen wurde. Gleichzeitig wird die Informationsrecherche beinahe ausschließlich auf's Netz verlegt; wie man in Büchern sucht und wie man Bücher sucht, wissen schon heute die meisten Studenten nicht mehr, wie man an den "Literaturverzeichnissen" der Seminararbeiten und den entsprechenden Nachgesprächen deutlich feststellen kann.
Was mit ein bischen Sorge macht, ist der Umstand, daß wir immer schneller verlernen, langfristig zu planen und ganzheitlich zu denken. Denn die fragmentierten Informationen aus dem Internet zu einem sinnvollen Ganzen zu bündeln, ist eine Kulturtechnik, die man im und mit dem Internet nicht lernen kann.
Vor einigen Jahren so zeigte dies eine Fernsehreportage - forderte ein genervter Kunde auf einem Streifzug durch die dauerbeschallten Warenhäuser in seiner deutschen Heimatstadt sein Menschenrecht auf Stille ein jeweils bei dem von ihm herbeigerufenen Kaufhausdirektor, die jedoch alle das Ansinnen, die plärrende Musik doch aus- oder wenigstens herunterzuschalten, reichlich skurril fanden. Die Spitze des Lärmpegels aus ständigem Handygekreisch und sonstigen Audioreizen hat man aber in DE wohl noch lange nicht erreicht, wenn ich von einer Neuerung an meiner Wochenend-Tankstelle in einem amerikanischen Bilderbuchdörfchen ausgehe, die wohl bald auch in DE Einzug halten wird: Wo ich beim Tanken bisher in Stille auf eine besonders malerische Schleife des Hudson blicken konnte, bläken mich jetzt endlose Werbebotschaften von Bildschirmen an den Zapfsäulen an. Ein Nachrichten-Service, den die Kunden wollten, belehrte man mich an der Kasse, wo ich mein Mißfallen ausdrückte. Ich tanke inzwischen dort nicht mehr. Mein Mobiltelefon habe ich auch schon vor Jahren abgeschafft...und die Leute gewöhnen sich an mich, meine "bizarren" Gewohnheiten - und den Freiraum an Stille, den ich mir bewußt freischaufle. Ohne Handy und aufgrund weitgehender E-Mail-Abstinenz erledigt sich das meiste von selbst, und man hat auf einmal wieder viel Zeit. Zur Nachahmung empfohlen.
Danke, Herr Rühle, für den ausgezeichneten Artikel!
...ein wirklich ganz hervorragender Artikel! Bitte mehr davon, damit mir nicht langweilig wird... (-;
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