Handy und Mail sind eine Art Nuckelflasche, aus der man sich süßen Brei holt: Wie wir verlernen, mit uns selbst alleine zu sein.
Als Blaise Pascal schrieb, dass "das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen", muss es noch stille Zimmer gegeben haben. Heute hilft selbst das Einschließen im Arbeitszimmer nicht mehr gegen das Unglück, schließlich ist man auch in den eigenen Räumen, in tiefer Nacht, nicht alleine.
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Kokon aus Geplapper: Menschen sind nicht mehr in der Lage, sinnvoll Zeit mit sich selbst zu verbringen. (© Foto: ddp)
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WLAN ist überall, wir sind sogar zu Hause mit hunderten von Menschen vernetzt, gerade eben zum Beispiel, um 23 Uhr, kam eine Mail, dass X mich zu ihren Freunden auf Facebook hinzufügen möchte. Was merkwürdig ist, da wir seit neun Jahren auf einem Stockwerk arbeiten und noch nie wirklich miteinander geredet haben. Dann kam noch eine Mail mit einem Youtube-Link, der mich wiederum im Netz versacken ließ und schon war das fade, ruhige Feierabendunglück, alleine in meinem Zimmer, wieder mal perfekt.
Nun muss man ja höllisch aufpassen, wenn man Bedenken gegen das Internet anmeldet oder überhaupt gegen Technik. Man bekommt dann eimerweise Kommentare geschickt. Also: Das Internet ist großartig, ein Panoramafenster zur Welt, mitunter nützlich zur Umgehung von staatlicher Zensur wie im Iran, die E-Mail ist auch eine fabelhafte Erfindung, der Blackberry sowieso. Gleichzeitig: ist da ein bohrendes Gefühl des Mangels.
Auch dieses Gefühl ist dabei erstmal nicht neu. Michel Foucault beklagte in den siebziger Jahren den Verlust der "Schweigekultur", das permanente Geplapper der Fernsehgesellschaft würde alle Selbstregulationsfähigkeiten verkümmern lassen. Alexander Mitscherlich sah 1950 den Menschen als hibbeliges Elementarteilchen, ein Wesen, das ,,sich nicht mehr als geschichtliches Wesen kennt, sondern nurmehr als punktuelles, augenblicksbezogenes Triebwesen".
Keine Einsamkeit
Tocqueville wunderte sich 120 Jahre zuvor, 1832 auf seiner Amerikareise, über ,,all die Menschen, die sich rastlos im Kreis drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu schaffen, die ihr Gemüt ausfüllen." Seiner Meinung nach steckten sie fest in einem ,,Zustand der Kindheit", in dem sie ,,nichts anderes im Sinn haben, als sich zu belustigen". So weit, so bekannt. Es ist etwas anderes: Es ist die Gewissheit, dass es keine Einsamkeit mehr gibt. Dass die Menschen nicht mehr in der Lage dazu sind, sinnvoll Zeit mit sich selbst zu verbringen.
Albert Robida, ein französischer Comiczeichner und Erzähler vom Anfang des 20. Jahrhunderts, entwarf in einigen Science-Fiction-Geschichten ein erstaunlich genaues Bild unserer Mediengesellschaft. In seinen Erzählungen stehen riesige Flachbildschirme herum, über die auf Endlosbändern Nonstop-Nachrichten aus aller Welt laufen, es gibt Videotelefonkonferenzen, ganz abgesehen von biologischer Kriegsführung, Umweltzerstörung und einem immens beschleunigten Leben.
In einem Interview im Jahre 1919 sagte er, er beneide die Menschen der Zukunft kein bisschen: ,,Sie werden ihren Alltag im Räderwerk einer total mechanisierten Gesellschaft verbringen, in einem Maße, dass ich mich frage, wie sie noch die einfachsten Freuden genießen wollen, die uns zur Verfügung stehen: Stille und Einsamkeit. Aber da sie all das überhaupt nie kennengelernt haben werden, wird es ihnen auch nicht fehlen."
Wie prophetisch: Die kanadische Soziologin Rhonda McEwen, die das Kommunikationsverhalten von Jugendlichen untersucht, sagt, dass viele Jugendliche mit ihren elektronischen Geräten einen so dichten Kokon aus Geplapper um sich gesponnen haben, dass sie nicht mehr wissen, was Alleinesein bedeutet.
Dauergeschnatter auf allen Kanälen
Eine ihrer jungen Interviewpartnerinnen sagte auf die Frage, wann sie alleine sei: Im Tunnel zwischen Manhattan und Queens, wenn kein Empfang ist, und das sei schrecklich. In Kanada war es über Generationen hin üblich, die Sommerferien in der Einsamkeit der Natur zu verbringen, das ändert sich laut Ewen gerade dramatisch: "Die Teilnehmer meiner Studie fühlten sich allesamt sehr unbehaglich, wenn sie raus in die Natur fuhren. Wenn es dort kein Internet und keinen Handyempfang gibt, denken sie: ,Was zum Teufel soll ich hier?' Also fahren sie einfach gar nicht mehr."
Der 21. April 2009 hätte ein Tag der Freiheit werden können; ein Tag der Stille und inneren Sammlung; ja, ein nationaler Tag des autonomen Ichs!
Am 21. April 2009 hat ein heldenhafter Telekom-Angestellter das Dauergeschnatter auf allen Kanälen nicht mehr ausgehalten und einfach mal für Ruhe gesorgt. Er hat an jenem Nachmittag das System runtergefahren (angeblich aus Versehen) und dadurch 29 Millionen Telekom-Kunden fünf Stunden Stille geschenkt. Insgesamt sind das 145 Millionen Stunden, in denen diese Menschen endlich hätten in sich gehen können, durch Flussauen wandeln, ein gutes Buch in der Hand.
Stattdessen hackten die Telekom-Kunden wie besinngslos auf ihre Handys ein und deckten dann umgehend das Unternehmen mit Beschwerdemails ein. Eine Welle der Empörung rollte über das Land, Unternehmer verklagten die Telekom, weil sie wichtige Geschäftspartner nicht erreicht hatten, aufgelöst jammerten Menschen in Fernsehkameras, sie fühlten sich wie amputiert.
Phantomschmerz
Es ist kein Wunder, dass man offline solche Amputations- oder Unvollständigkeitsgefühle hat, schließlich delegieren wir längst einen Großteil unseres Wissens und Gedächtnisses an das Netz und überlassen unseren Geräten die Macht über unseren Tagesrhythmus. Kevin Kelly, der Gründer der Zeitschrift Wired, schreibt: ,,Je mehr wir dem Megacomputer beibringen, desto mehr übernimmt er die Verantwortung für unser Wissen. Er wird zu unserem Gedächtnis. Dann wird er zu unserer Identität. 2015 werden sich viele Menschen, wenn sie von der Maschine getrennt sind, nicht mehr wie sie selbst fühlen. Als wären sie einer Lobotomie unterzogen worden."
Viele kennen heute schon das Gefühl eine Phantomschmerzes, wenn sie mal offline sind. Der amerikanische Blackberry trägt nicht umsonst den Spitznamen Crackberry, viele User bekennen, dass der letzte Blick am Abend und der erste am Morgen nicht ihren schlafenden Kindern, sondern dem Display ihres Organizers gilt, dass sie sich ohne ihn unvollständig fühlten.
Lesen Sie auf Seite 2, von welchen Ängsten unser Kommunikationsverhalten gelenkt wird.
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In der Krise wird der Norden zum Zuchtmeister des Südens – dabei könnte er manches von ihm lernen. Jetzt lesen ...
Umstrittenes Anti-Piraterie-Abkommen
Ständige Erreichbarkeit kann schon sehr nervig sein. Andererseit leben wir nunmal in einem Zeitalter, das sich (leider nur technisch) ständig und schnell weiterentwickelt. Entscheidungen werden so schneller und M.E. auch effektiver getroffen. Während man vor einigen Jahren noch wochenlang auf eine Antwort aus dem Ausland warten musste, geht es heute eben innerhalb von wenigen Tagen oder sogar Stunden, das ist gerade für die Geschäftswelt sehr wichtig.
Man muss sich jedem Zeitalter irgendwie anpassen, dass musste man schon damals, als es noch keine weltweite Vernetzung gab und das muss man heute. Wenn jemand nicht erreichbar sein möchte, dann schaltet er einfach sein Handy aus oder geht nicht ins Internet, das Problem dabei bleibt jedoch, dass man meistens auf der Strecke bleibt, da um einem herum, trotzdem Entscheidungen getroffen werden. Ein gewisser Druck besteht daher immer, das kann man nicht leugnen. Man muss eben einen Mittelweg finden.
Ein sehr guter Artikel, tatsächlich.
Bedenklich ist auch, dass die permanente Überflutung mit Informationen, die Gier und die Hetze danach uns anscheinend abstumpft, bzw. dass unsere Fähigkeit/Sensibilität Prioritäten zu erkennen, das Wichtige von Vernachlässigbaren zu trennen ermüdet und unsere Reaktionen darauf erschlaffen läßt, gleichgültig macht.
Wie mit allen Drogen, so setzt auch der Entzug der Droge "Erreichbarkeit" Entwöhnungseffekte frei. Alex Rühle hat das sehr anschaulich beschrieben. Ich sehe das an Jugendlichen, die schier wahnsinnig werden, wenn das Handy nicht sofort das tut, was ihm befohlen wurde. Gleichzeitig wird die Informationsrecherche beinahe ausschließlich auf's Netz verlegt; wie man in Büchern sucht und wie man Bücher sucht, wissen schon heute die meisten Studenten nicht mehr, wie man an den "Literaturverzeichnissen" der Seminararbeiten und den entsprechenden Nachgesprächen deutlich feststellen kann.
Was mit ein bischen Sorge macht, ist der Umstand, daß wir immer schneller verlernen, langfristig zu planen und ganzheitlich zu denken. Denn die fragmentierten Informationen aus dem Internet zu einem sinnvollen Ganzen zu bündeln, ist eine Kulturtechnik, die man im und mit dem Internet nicht lernen kann.
Vor einigen Jahren so zeigte dies eine Fernsehreportage - forderte ein genervter Kunde auf einem Streifzug durch die dauerbeschallten Warenhäuser in seiner deutschen Heimatstadt sein Menschenrecht auf Stille ein jeweils bei dem von ihm herbeigerufenen Kaufhausdirektor, die jedoch alle das Ansinnen, die plärrende Musik doch aus- oder wenigstens herunterzuschalten, reichlich skurril fanden. Die Spitze des Lärmpegels aus ständigem Handygekreisch und sonstigen Audioreizen hat man aber in DE wohl noch lange nicht erreicht, wenn ich von einer Neuerung an meiner Wochenend-Tankstelle in einem amerikanischen Bilderbuchdörfchen ausgehe, die wohl bald auch in DE Einzug halten wird: Wo ich beim Tanken bisher in Stille auf eine besonders malerische Schleife des Hudson blicken konnte, bläken mich jetzt endlose Werbebotschaften von Bildschirmen an den Zapfsäulen an. Ein Nachrichten-Service, den die Kunden wollten, belehrte man mich an der Kasse, wo ich mein Mißfallen ausdrückte. Ich tanke inzwischen dort nicht mehr. Mein Mobiltelefon habe ich auch schon vor Jahren abgeschafft...und die Leute gewöhnen sich an mich, meine "bizarren" Gewohnheiten - und den Freiraum an Stille, den ich mir bewußt freischaufle. Ohne Handy und aufgrund weitgehender E-Mail-Abstinenz erledigt sich das meiste von selbst, und man hat auf einmal wieder viel Zeit. Zur Nachahmung empfohlen.
Danke, Herr Rühle, für den ausgezeichneten Artikel!
...ein wirklich ganz hervorragender Artikel! Bitte mehr davon, damit mir nicht langweilig wird... (-;
Paging