Das ist mehr als konservative Befindlichkeit: Atmosphäre baut sich gerade bei städtischen Phänomenen nicht ad hoc, sondern nur über lange Prozesse auf. Und Architektur ist, wie es der amerikanische Theoretiker Karsten Harries formuliert, "nicht nur um den domestizierenden Raum herum. Sie ist auch eine große Schutzmaßnahme gegen den Terror der Zeit". In diesem Zusammenhang ist es nur scheinbar paradox, dass etwa die 1970er Jahre als hohe Zeit des Bauwirtschaftsfunktionalismus, zugleich aber als Dekade der Denkmalpflege gelten.

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Dem liegt vielmehr eine gewisse Logik zugrunde. Nachdem Alexander Mitscherlich sehr folgenreich die "Unwirtlichkeit unserer Städte" konstatiert hatte, kam den Denkmälern eine neue gesellschaftliche Bedeutung zu: Sie wurden gleichsam zu Trägern emanzipatorischer Postulate gegen eben diese Unwirtlichkeit. Bürgerbewegungen setzten sich erfolgreich gegen Abbruch und Auskernung von Altbauten zur Wehr und bekämpften den fortschreitenden "autogerechten" Kahlschlag der Innenstädte.

Gründerzeit und Historismus wurden wiederentdeckt, ihre Wohnbauten neu geschätzt. So gesehen artikuliert Architektur also auch Zeit; sie gibt dem unermesslichen, ortlosen und unendlichen Raum ihr auf Erfahrung beruhendes menschliches Maß und Bedeutung. Und sie verhilft auch der endlosen natürlichen Zeit zu ihrem menschlichen Maßstab. Zwar scheint sich heute die Auffassung, dass Städte nicht mehr "mit dem Kompass" geplant werden können, ideell durchgesetzt zu haben, womit die Ausrichtung auf unveränderliche physikalische Bedingungen desavouiert ist.

Dessen ungeachtet strebt Stadtplanung aber (noch) immer danach, prognostizierten Entwicklungen mit neuen, möglichst weitsichtig angelegten Mauern gleichsam "vorzubauen". Eher aber müsste man endlich anerkennen, dass Stadtveränderung mühevolle Detailarbeit ist: ein sanftes Steuern von Prozessen, die am besten gleichsam von selbst laufen.

Dass Zeit und Raum auf schwer fassbare Weise ineinanderfließen, brachte Karl Valentin einmal auf folgenden Nenner: "Ich weiß nicht mehr genau, war es gestern oder war's im vierten Stock oben?" Die Kategorie Zeit offenbart sich in unserer Lebenswelt auf unprätentiöse Weise so allgegenwärtig, dass man sie zu ignorieren geneigt ist. Gerade die Koppelung von stabilen und instabilen Prozessen ist es ja, was Städte einerseits zu höchst dauerhaften und andererseits zu brodelnd lebendigen Gebilden macht.

Städte gehören zu den beständigsten gesellschaftlichen Strukturen überhaupt. Ihre Dauerhaftigkeit ist aber unlösbar verbunden mit ständiger Veränderung und Entwicklung. Denn je umfassender die Planung, je konsequenter die Utopie, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ungeplante durchsetzt - am Ende, so lässt sich prophezeien, dringt immer das Gras durch die Ritzen des Betons.

Für die Stadtentwicklung heute muss wie in der Kunst gelten: Es gibt nichts Schlimmeres, als es gut gemeint zu haben. "The future is the past in reverse", hat Vladimir Nabokov einmal formuliert, und so werden auf die formwerdende Zukunft unserer Städte häufig die Retrovisionen einer "guten Vergangenheit" projiziert.

Demgegenüber wäre heute mehr Demut vor den Eigenlogiken städtischer Entwicklung und mehr Gelassenheit und Normalität einzufordern. Planen kann man eben immer nur in einem begrenzteren Rahmen, als es Planern lieb ist. Der Rhythmus einer belebten (und belebenden) Stadt wird immer von Ungleichzeitigkeit geprägt sein. Hier funktioniert nichts nach einem zentralen Zeitregime. Eine Stadt ist nur dann lebendig, wenn man darauf hoffen darf, dass nicht alles nach Plan verläuft.

Die tatsächlich urbane Stadt, sie lebt wesentlich von der beständigen Erwartung, dass alles, was ist, auch anders sein könnte.

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  1. Ode an die Effizienz
  2. Zusammenführung der Schauplätze
  3. Sie lesen jetzt Gras dringt durch die Ritzen des Betons.
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(SZvW vom 14./15.03.2009/irup)