Von P. Steinberger

Verbrechen, Geld und Gier: In den Städten des Westens vermutet der Bürger ohnehin die pure Schamlosigkeit. Nun gesellen sich Finanzkrise und Klimawandel dazu.

Er glaubte, er sei allein in der City. Dann, zwischen den verwüsteten Ruinen des menschlichen Hochmuts, erkannte der letzte Mensch, dass sie es immer noch auf ihn abgesehen hatten.

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Allein als Überlebender in London: Cillian Murphy in Danny Boyles "28 Days Later". (© Foto: AP)

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Aus den Menschen, die noch vor kurzem die Anwaltskanzleien und Banken und Börsen bevölkert hatten, waren Zombies geworden. In Danny Boyles "28 Days Later" wandert der Überlebende durch das verlassene London, in Francis Lawrences "I am Legend" streift Will Smith durch New York. Ein Virus, hört man, habe die Städte entvölkert. In Wahrheit jedoch, erkennen wir schnell, war es der menschliche Größenwahn.

Natürlich ist es Zufall, dass die Filme ausgerechnet in den Epizentren der aktuellen Finanzkrise beginnen. Aber es sind nun einmal diese beiden Städte, und damit die Idee der Stadt an sich, die besonders betroffen sind von den doppelten Herausforderung Klimawandel und Finanzkrise. Die Endzeitsymbolik der Filme erschließt sich für beide Krisen gleichermaßen: Vernichtung, Ruin, das Ende der Zukunft.

Das Fatale ist nun, dass sich beide Krisen diametral gegenüberzustehen scheinen, was ihre Eindämmung und Schadensbegrenzung betrifft. Was die eine reduzieren sollte, nämlich Wachstum und Konsum, will die andere mehr. Zumindest kurzfristig.

Der Klimawandel bedroht die großen Städte durch Stürme, Versalzung des Grundwassers, einen steigenden Meeresspiegel und Versorgungsengpässe.

Dabei sind sie oft überproportional betroffen: Sie liegen in exponierten Lagen - in Flussdeltas und an Küsten, was historisch vorteilhaft war , inzwischen jedoch eine Gefahr darstellt.

Städte mit ihren dichtgedrängten Menschenmassen, mit Millionen Tonnen an verbautem Beton und Stahl und Teer, die die Hitze einfangen und verstärken, brauchen eine effizientere Energiewirtschaft, Investitionen in die Infrastruktur und - und das bedeutet: viel Geld für die Eindämmung des Konsums.

Auszug aus Sodom

Geld, das sie nicht mehr haben - und dasselbe Geld, das gleichzeitig notwendig ist, um den Konsum anzukurbeln und so die Ausweitung der Finanzkrise in eine Wirtschaftskrise zu verhindern.

Städte sind, als Marktplatz des Immateriellen, von der Finanzkrise besonders betroffen: Banken und Börsen, die von ihnen abhängigen Kanzleien und Versicherungen und unzählige andere Dienstleister.

Dabei leidet jede Stadt an der Finanzkrise auf ihre eigene Weise. Miami und Las Vegas, all die expandierenden Städte in Australien, Großbritannien oder Spanien, die in den letzten Jahren einen Bauboom erlebten, bekommen gerade die Auswirkungen der geplatzten Immobilienblase zu spüren; Finanzzentren wie New York, London oder Frankfurt müssen mit dem Einbruch ihres dominanten Sektors fertig werden.

Die Rating-Agentur Moody's schätzt, dass New York mit seinen Vororten bis Mitte 2010 rund 65.000 Jobs allein im Finanzsektor verlieren wird - das sind elf Prozent aller Arbeitsplätze. Nicht eingerechnet wurden dabei all jene, die von der Kaufkraft der gefallenen Banker leben: die Restaurants, Reinigungen, Autohändler, Steuerberater, Putzfrauen. Ähnlich in London: Nach Prognosen könnten dort bis 2010 bis zu 100.000 Menschen durch die Finanzkrise ihre Arbeit verlieren.

Weil keiner mehr kauft, verstärkt die Krise aber auch den Druck auf klassische Industriestädte, etwa die amerikanische Automobilstadt Detroit und ihrer Satelliten, die schon vorher am Abgrund standen; Europas Städte, in denen sich Automobilkonzerne und Zulieferer angesiedelt haben, fürchten Arbeitslosigkeit und fehlende Steuereinnahmen.

Von den Zentren wird sich die Krise auf die kleineren Städte der Peripherie ausweiten, die sich einseitig auf bestimmte Serviceleistungen wie die IT-Wartung eines Großkonzerns spezialisiert haben.

In den fetten Jahren haben viele Städte zudem ihre Einnahmen in Fonds und Depots gesteckt. Manche sind heute nur noch einen Bruchteil wert. In England haben allein die Städte und Gemeinden, die ihr Geld in isländischen Banken angelegt hatten, bisher 800 Millionen Pfund verloren. Und das, hat die Local Government Association erklärt, sei wohl erst der Anfang.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welches Urbild von der idealen Landschaft in der deutschen Psyche lauert.

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