An solchen Stellen, wo Stadelmaier polemisiert, klug und notfalls paradox, wo er beobachtet, wie blonde Premierenbesucherinnen vor dem neuesten Regiequark in die Hände klatschen und ausrufen "Köstlich! Und so wahr!", während ihre südwestdeutschen Eheherren etwas gedämpfter beisteuern "S'isch ärrägend, nit?" - an solchen Stellen hat das Buch seine klaren Höhepunkte; ebenso dort, wo Stadelmaier seiner herzlichen Verachtung für das Theater Heiner Müllers, Rolf Hochhuths und Elfriede Jelineks die Zügel schießen lässt.

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Es ist nicht einmal seine Theatergeschichte

Was das Projekt als Ganzes betrifft, so muss man leider trotzdem feststellen, dass es weniger geworden ist als die Summe seiner Teile. Das, was Stadelmaier vorschwebte, lässt sich nicht durch die schlichte Abfolge von hundert Premierenkritiken erreichen. Es ist nicht die, es ist nicht einmal seine Theatergeschichte geworden. Was einzeln und frisch gedruckt den Leser scharfsichtig und kenntnisreich über ein aktuelles Bühnengeschehen ins Bild setzt, bekommt in der seriellen Häufung und nach der langen seither verstrichenen Zeit etwas Ermüdendes.

Das geht schon mit den Überschriften los, die sich nicht von der sattsam bekannten Titel-Witzelei des Feuilletons lösen können: "Also brach Zarathustra", "Liebe ist nur ein Mord", "Prinzenrolle rückwärts", um nur ein paar zu nennen. Theaterkritiken, und gerade die besten (zu denen diejenigen Stadelmaiers bestimmt gehören) tendieren dazu, ihre Wahrnehmungen in sehr knapper Form zu komprimieren, denn sie haben nicht unbeschränkt viel Platz zur Verfügung und müssen doch zu so vielen Leuten und Dingen etwas sagen, viel mehr als eine Buchrezension.

Das ergibt Sätze wie: "Während Susanne Lothar als Sonja wie in staksender Trance durch diesen Albtraum-Abend vom Kinderzimmer zum Wohnzimmer hin und her schwebt und Andrea Clausen als Inès im blauen kurzen Rock versucht, sich in Gestalt eines schmalen, gefallenen Engels, der zu einem Muttchen-Dasein verdammt ist, in einen Sternennebel und Sancerre-Rauch hineinzuträumen, immer wieder auf den Boden rutscht und am Ende in einer einzigen Bewegung den Tisch abräumt, fängt Henri an zu kriechen." Die Frage lautet nicht, ob der Kritiker das alles richtig gesehen hat, sondern: Wie viele solcher Sätze verträgt man hintereinander weg? Oder, ins Grundsätzliche gewendet: Vermag es ein solcher Text, das Vergangene des Theaterabends in die viel spätere Gegenwart des Leser hinüberzuretten?

Am wenigsten bleibt von dem, was am schönsten war. Mit schneidende Präzision bringt Stadelmaier das ihm Missliebige auf den Begriff. Doch die Augenblicke, in denen das Spiel der Bühne wirklich glückt, entziehen sich seiner Sprache, wie sie sich wohl jeder Sprache entzögen. Da bleibt nur der Ausdruck der Dankbarkeit, der ans Verstummen grenzt. "Wirklich ein schöner Abend", schließt Stadelmaier dann, oder: "Ein paradiesischer Abend", oder: "Es ist unvergesslich", oder, wenn er sich gar nicht anders mehr zu helfen weiß: "Und man wird ja auch zuschauend fast verrückt vor Glück vor dem, was hier gelingt. Wer überhaupt wissen will, was Theater noch kann, der kann es hier wissen."

Er kann es aber nicht wissen, wenn er bloß diese Texte liest. Es hat etwas Rührendes, wie die Kritik sich in demütigem Schweigen vor dem verbeugt, was sie in seinem Übermaß nicht mehr auf einen Namen zu taufen wagt. Zugleich zeigt sich daran scharf ihre Grenze. Indem sie sich vom frischen Bühnen-Eindruck zum Überschwang stimmen lässt, hat sie selbst Anteil an der generösen Verpuffung dieser Kunst. Doch liegt die Wiener Emilia-Galotti-Inszenierung, um die es geht, acht Jahre zurück. In der Zeitung, die am nächsten oder übernächsten Tag erscheint, konnte der Text im Leser den glühenden Wunsch erzeugen, sogleich selbst nach Wien zu fahren, um sich dieses Wunder nicht entgehen zu lassen, und hatte folglich seine reale, aktuelle Aufgabe. Zwischen Buchdeckel gebracht, schrumpft er ein zum bloßen Dokument der Ergriffenheit, zur geringen Spur der Erinnerung, einem getrockneten und gepressten Blümlein. Nein, von der Theaterkritik erwarte man nicht, dass sie die schmerzlich vermissten Kränze flicht; sie gehört (und dies sei ohne Häme gesagt) selbst zu den welkenden Künsten.

GERHARD STADELMAIER: Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte. Zsolnay Verlag, Wien 2010. 446 Seiten, 25,90 Euro.

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  1. Gegen die vielen Nackten
  2. Sie lesen jetzt Liebe ist nur ein Mord
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(SZ vom 10.09.2010/kar)