Staatstheorie Stückwerk und Volksherrschaft

Was genau meinte Karl Popper mit seinem Konzept der "offenen Gesellschaft"? In Zeiten des Populismus und der Regierungskrisen ist die Aufklärung, die Jack Nasher gibt, sehr willkommen.

Von Gustav Seibt

Was genau ist eine "offene Gesellschaft"? Dieser von Karl R. Popper (1902-1994) geprägte Begriff wird gerade wieder viel bemüht, wenn es gegen populistische Bewegungen und autoritäre Regime geht. Da Popper selbst sein Konzept nie direkt, sondern nur in polemischer Auseinandersetzung mit Denkern wie Platon, Hegel und Marx entwickelt hat, ist die knappe und luzide Darlegung von Poppers Staatstheorie von Jack Nash sehr willkommen.

Offene Gesellschaften sind jene, die Veränderung zulassen, diese sogar offensiv betreiben. Darin unterscheiden sie sich von traditionalen Gesellschaften, die durch Herkommen, Tabus, "ewige Werte", religiöse Dogmen gebunden sind und an unbefragten stationären Zuständen festhalten. Das andere Gegenüber der offenen Gesellschaft ist die moderne, totalitäre Planungsutopie, die glaubt, man könne eine gesamte Gesellschaft rational auf ein bestimmtes Ziel hinsteuern und dafür ungeheure Opfer von den Lebenden für eine bessere Zukunft verlangt.

Während sich Traditionen und Tabus auf natürlichem Weg auflösen, schon durch den Kontakt mit fremden Gesellschaftsformen, die andere Festlegungen haben, ist die totalitäre oder auch nur autoritäre Versuchung bis heute eine große Gefahr. Poppers Argument für die offene Gesellschaft ist zunächst erkenntnistheoretisch, es entstammt seiner "Logik der Forschung". Wir haben über die Welt immer nur Vermutungen, die durch Falsifikationen, also empirische Widerlegungen, verbessert oder ersetzt werden. Das gilt auch für Gesellschaften: Es ist nicht möglich, sie vollständig zu erkennen, geschweige zu planen. Wir kennen nicht nur das Ziel der Geschichte nicht, wir wissen nicht einmal, was die Zukunft als Nächstes bringt.

Offene Gesellschaften reagieren auf diese Unsicherheit trivialerweise mit Offenheit, mit der Öffentlichkeit der Debatte über die Wirklichkeit und das Wünschenswerte, mit einem politischen System, das, analog zur Wissenschaft, auf Versuch, Irrtum und schrittweise Verbesserung setzt. Darum soll sich Politik, so Poppers wichtigster praktischer Gedanke, nie zu viel vornehmen. Sie probiert herum und verbessert Konkretes, hier und da, vor allem sollte sie imstande sein, Begonnenes immer wieder nachzubessern. Kein Plan wurde je von Anfang an konsequent umgesetzt. Bevor ein erstes Auto in Serie geht, muss jahrelang experimentiert werden.

In Poppers Zeit gab es den Begriff der "Pfadabhängigkeit" für solches Weiterarbeiten noch nicht, doch er beschreibt ganz gut das Ineinander von Voraussetzungen und Weitermachen, das ihm politisch vorschwebte. Er sprach, in einem anderen berühmt gewordenen Ausdruck, von "Stückwerkpolitik" und meinte damit pragmatisches, auch für ungeplante Nebenwirkungen sensibles Regieren. "Rückkoppelung" wäre ein anderes Wort für diese Verfahren. Es benennt das Vetorecht einer widerständigen Wirklichkeit, aber vor allem den Einspruch einer freien und selbstbewussten Öffentlichkeit. Damit kommt die Staatsform der Demokratie ins Spiel. Sie ist die Verfassung der offenen Gesellschaft. Doch hält es Popper für ein Unglück, dass man diesen Begriff oft wörtlich als "Volksherrschaft" versteht und nicht von vorherein erklärt, dass sein Sinn vor allem die Abwehr von Tyrannis war - also auch der Tyrannis einer Mehrheit oder eines einheitlich gedachten Volkswillens.

Demokratie besteht für Popper vor allem darin, dass das Wahlvolk eine Regierung beurteilen und dann gegebenenfalls entlassen kann, und zwar unblutig. Schon diese Möglichkeit sei ein starker Anreiz für gutes Regieren und fürs Hinhören auf die Bedürfnisse einer Gesellschaft. Deshalb zog Popper auch das angelsächsische Mehrheitswahlrecht dem Verhältniswahlrecht vor, das zu unklaren Parteienverhältnissen, unübersichtlichen Koalitionen und damit zur Verwischung von Verantwortung führe und außerdem den Wechsel erschwere. Damit werde oft der demokratische Sanktionsmechanismus der Abwahl torpediert. Demokratie soll also wie die Wissenschaft vorgehen: mit Versuch, Irrtum, Verbesserung, kleinen Schritten, wozu Kritik, politischer Streit, Wettkampf der Standpunkte gehören. Entgegen dem Glauben an autoritäres Durchregieren sei, so Popper, die Demokratie die effizienteste Regierungsform, weil sie reaktions- und anpassungsfähiger ist als Führerstaaten oder Parteinomenklaturen, die sich des Informations- und Rückkoppelungsmediums Öffentlichkeit entledigt haben. Entschleunigung macht schneller.

Poppers Staatsdenken zeigt eine unterschiedlich akzentuierbare Verbindung aus konservativen und progressiven Elementen: Konservativ ist die Betonung der Pfadabhängigkeit, die Vorsicht beim Verändern, das Vertrauen mehr in gute Verfahren als in Personen. Progressiv ist der entschlossene Wille zur Reform, die aus der Wissenschaft übernommene Kühnheit beim Denken des Neuen. Da wir die Zukunft im Großen und Ganzen nicht kennen können, erübrigen sich auch Apokalypsen. Es kommt darauf an, das Nächstliegende zu tun.

Jack Nasher: Die Staatstheorie Karl Poppers. Eine kritisch-rationale Methode. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2017. 117 Seiten, 19 Euro.