Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende hat der Nobelpreisträger öffentlich gemacht, als 17-Jähriger der Waffen-SS angehört zu haben. Damals empfand er keine Schuld, später überkam ihn das Gefühl der Schande.

Der Schriftsteller Günter Grass war im Zweiten Weltkrieg Mitglied der Waffen-SS. Das bekannte der Nobelpreisträger völlig überraschend in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bisher hatte es in den Biografien des Autors der "Blechtrommel" lediglich geheißen, er sei 1944 als Flakhelfer eingezogen worden und habe dann als Soldat gedient.

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Günter Grass (© Foto: ddp)

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Grass berichtet in seinem im September erscheinenden Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel", dass er sich mit 15 Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet habe; diese habe aber niemanden in dem Alter zugelassen. So sei er als 17-Jähriger aus dem Reichsarbeitsdienst nach Dresden zur Waffen-SS einberufen worden und habe der zehnten SS-Panzerdivision "Frundsberg" angehört. In dem Buch des Steidl-Verlags schildert der heute 78-Jährige seine Kindheit in Danzig, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft sowie seine Anfänge als Künstler im Nachkriegsdeutschland.

Die Waffen SS nahm, "was sie kriegen konnte"

In dem Interview erklärte Grass zu seinen Erlebnissen im Krieg und zu seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS: "Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich." Zu seiner Rekrutierung nach seiner Abweisung bei den U-Booten sagte er, die Waffen-SS habe in den letzten Monaten 1944/45 "genommen, was sie kriegen konnte". Das habe für Rekruten, aber auch für Ältere gegolten, die von der Luftwaffe gekommen seien: "Hermann-Göring-Spende" habe man das damals genannt.

"Und für mich" erklärt er weiter, "da bin ich meiner Erinnerung sicher, war die Waffen-SS zunächst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die, wie sich herumsprach, auch die meisten Verluste hatte." Auf die Einlassung seiner Gesprächspartner, dass er über seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS nicht hätte schreiben brauchen und ihn niemand dazu hätte zwingen können, sagte Grass: "Es war mein eigener Zwang, der mich dazu gebracht hat." Der Schriftsteller ergänzte, mit 17 habe er wegen seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS keine Schuldgefühle gehabt. Später aber habe ihn das Schuldgefühl als Schande belastet: "Es war für mich immer mit der Frage verbunden: Hättest du zu dem Zeitpunkt erkennen können, was da mit dir vor sich geht?"

Allerdings sei es nicht leicht gewesen, damals einem jungen Menschen klarzumachen, wie gefährlich die Nazis waren. "Man vergisst ja leicht, wie geschickt und modern die Hitler-Jugend und das Jungvolk als Vorstufe aufgezogen waren. Hitlers Satz ,Jugend muss von Jugend geführt werden' war ungeheuer wirkungsvoll", sagte er und fügte hinzu: "Mein Fähnleinführer war ein prima Kerl, und wir kamen uns viel besser vor als diese Parteiburschen. So fühlten und dachten damals viele."

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(AP/SZ vom 12. August 2006)