Spurensuche, Folge 8 Ein bisschen Unfrieden

Markus Ridder schreibt in seinen Krimis gegen die heile Welt des Fünf-Seen-Landes an. Das Böse fasziniert den Münchner - ganz besonders die Geschichte der Landsberger Festung

Von Bernhard Blöchl

Alle wollen hier raus, Markus Ridder will hier rein. Staunend steht er vor dem Eingangsgebäude der Justizvollzugsanstalt Landsberg, dieser burgähnlichen Festung mit den geduckten Türmen, und sagt: "Einer der größten Bösewichte, die es je gegeben hat, saß hier ein. Wie es da drinnen wohl aussieht?" Dass er nicht Uli Hoeneß meint, natürlich nicht, dürfte selbst den Fans des TSV 1860 klar sein, wenngleich der ehemalige Präsident des FC Bayern den weitläufigen Komplex ebenfalls von innen kennt.

Ridder nicht. Der Autor geht an den vergitterten Fenstern vorbei und blickt auf die Mauer mit dem Stacheldraht. "Das Rätsel um die Zelle 7 fasziniert mich seit vielen Jahren", sagt er. Die Rede ist von jener Zelle, in der Adolf Hitler nach seinem Putschversuch 1923 neun Monate lang inhaftiert war. Hier soll der Führer in spe den ersten Teil seiner Programmschrift "Mein Kampf" verfasst haben, mitten in Landsberg, wohl nur einen Steinwurf von der Stelle entfernt, wo der neugierige Besucher gerade steht und staunt. Etliche Legenden ranken sich um das sogenannte Eisenzimmer. Vor allem die Frage, wo das Mobiliar verblieben ist, lässt sich nicht eindeutig klären.

Wo etwas nicht belegbar ist, beginnt das Wunderwerk der Phantasie. Hier kommt Markus Ridder ins Spiel, der in München Politik, Geschichte und Philosophie studiert hatte, ehe er Journalist und Autor wurde. Als Schriftsteller, der sich für die dunklen Seiten des Menschen interessiert und seit sieben Jahren Krimis und Thriller vorrangig im Fünf-Seen-Land verankert, lässt er sich gern auf Rätsel und Anekdoten ein, um daraus einen Fall zu stricken. Im Hier und Jetzt. In seinem Roman "Das Eisenzimmer" geht es um das Erbe der Nazitäter, um internationalen Handel mit Antiquitäten und Militaria, um multiple Mordmotive sowieso. "Ich interessiere mich für das Irrationale. Menschen, die ein paar Millionen für wenige Möbelstücke hinlegen - das ist doch kaum zu fassen. Was könnte es mit dem Eisenzimmer auf sich haben, wo ist es jetzt? Und: Würde man dafür morden?" Fragen, die Ridder um- und angetrieben haben in den vergangenen Jahren.

Autor Markus Ridder hat um die Zelle, in der einst Adolf Hitler inhaftiert war, einen Krimi über Antiquitäten- und Militaria-Handel gestrickt.

(Foto: Veronica Laber)

Keimzelle seiner Story war die JVA. Über deren Beschreibung im Buch lässt sich streiten, da stößt der Leser auf den verschwitzten Satz: "Die Sonne gleißte auf den Turmhauben, die mit ihrer grünlichen Patina aussahen wie ein Paar himmelwärts gerichtete Brüste, aus denen sich zwei dicke Tropfen lösten." Ridder grinst, wenn man ihn vor dem Gebäude darauf anspricht. Unbestritten ist, dass das Gefängnis gleich aus mehreren Gründen ein starker Impuls war für den Geschichtenerfinder. Auf dem Weg zum Lech und weiter zum Landsberger Hauptplatz erzählt der 45-Jährige von seiner Strategie: Bereits während der Arbeit am "Eisenzimmer" habe er gewusst, dass "Mein Kampf" am 1. Januar 2016 gemeinfrei werden würde, dass das Buch 70 Jahre nach Hitlers Tod also von jedermann veröffentlicht werden dürfe. Zur Aktualität dieses Themas kam noch Hoeneß' Inhaftierung dazu, die Ridder, ein ausgebuffter PR-Profi, sofort in seinen Roman einbaute. Er schickte der Fußballgröße ein Exemplar, das in der Widmung unter anderem die Zeile enthielt: "Bis dahin ein wenig Lesestoff aus Ihrem vorübergehenden ,Zuhause' - der JVA Landsberg." Eine Antwort habe er nicht bekommen. "Leider", sagt Ridder, der seine jüngeren Werke als Selfpublisher auf den Markt bringt, also für jede Art Aufmerksamkeit dankbar ist. Vor ein paar Jahren ist ihm ein mittelgroßer Coup gelungen, als er Todesanzeigen an Blogger verschickte, um seinen Thriller "Die Rückkehr des Sandmanns" zu bewerben. Ein teuflischer Gag.

Das Böse fasziniert Ridder: die Schurken in der JVA, skrupellose Sammler, zwielichtige Händler. Dagegen wirkt der dreieckige Hauptplatz äußerst friedlich an diesem Augusttag, eine Spur zu friedlich für den Autor, dessen Krimis stets eine Unheile-Welt-Aura haben. Aber er weiß: "Unter dem Firnis der Zivilisation ist es düster." Sagt's und nähert sich jenem Hotel in der Altstadt, das in seinem Buch der "Alte Hase" genannt wird, eine "Gastwirtschaft, die nebenbei noch Zimmer vermietete". Dort, wo sich regelmäßig eine ältere Skatrunde trifft, beginnt das Ermittlerteam der Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck zu recherchieren. Zuvor waren Hauptkommissar Heiko Plossila und seine junge Kollegin Jenny Biber mit einer Leiche konfrontiert worden, einem erdolchten Engländer im Gewerbegebiet zwischen Landsberg und Kaufering.

Nun ist der "Alte Hase" in Wirklichkeit ein Gockel, das Hotel Goggl um genau zu sein. Ridder geht rein, hier klappt das mühelos. Vom 1. Stock im Treppenhaus aus kann man durch die Fenster auf die gegenüberliegenden Häuser und Wohnungen blicken. "Die Vorstellung, dass da drüben einer seit vielen Jahren mit den Möbeln aus der Hitler-Zelle leben könnte, ist ein gruseliger Gedanke", sagt er. "Ein gruseliger Gedanke, der das Schreiben antreibt." An dieser Stelle wird klar, wie es der Schriftsteller mit Fakten und Fiktion hält. "Ich bin froh", sagt er, "wenn ich Fiktion einbetten kann in Sachen, die es wirklich gibt". Die Landsberger Altstadt, den Blick auf die Wohnungen. Ob Hase oder Gockel, wen interessiert's? Sein Debüt aus dem Jahr 2009, "Die Krabbe", enthalte "unglaublich viele Beschreibungen", alles sei ganz genau skizziert. "Da bin ich jetzt lockerer geworden", sagt er.

Zur Person

Markus Ridder wurde in Bergisch-Gladbach geboren und hat in München Politik, Geschichte und Philosophie studiert. Nach einem Volontariat beim Fachmagazin Horizont in Frankfurt arbeitete er als Journalist und Kommunikationsberater, lebte einige Jahre in Penzing im Landkreis Landsberg am Lech, bevor er zurück nach München zog. Seit 2009 schreibt er Krimis und Thriller, zunächst für den Pendragon-Verlag, später als Selfpublisher. "Das Eisenzimmer" (2015) ist nach "Der Blütenstaubmörder" (2011) der zweite Fall für Hauptkommissar Heiko Plossila und Jenny Biber, die im Landkreis Fürstenfeldbruck und im Fünf-Seen-Land ermitteln. Zuletzt erschien von dem 45-Jährigen der Thriller "Das Messias-Projekt", der erstmals keinen Bezug zur Region hat.

Ridder, der einige Jahre in Penzing gelebt hatte, bevor er zurück nach München zog, kennt das Fünf-Seen-Land ziemlich gut. Auch wenn dem Nordrhein-Westfalen spontan nicht einfällt, wie der fünfte See, der unbekannteste, heißt. Nach einer Google-Recherche sagt er: "Weßlinger See? Den kann man doch vergessen." Bezüge zur Region finden sich viele in "Das Eisenzimmer": Die vertrackte Handlung mit feiner Plotverästelung spielt in Dießen, am Wörthsee, im Schluifelder Moos und auf der Terrasse des Starnberger Lokals "Undosa". Ridder sagt: "Der Leser erwartet, dass der Rahmen stimmt."

Ebenso wichtig war ihm der reale Hintergrund der Story. Die historischen Bezüge müssten genau recherchiert und korrekt aufgeschrieben sein, davon ist Markus Ridder überzeugt. Sein bis dato aufwendigstes Buch sei "Das Eisenzimmer" gewesen. Ein Jahr lang, 2014, habe er als Freiberufler dafür geforscht und geschrieben. Er habe mit Experten der Universität Augsburg und des Stadtarchivs Landsberg kooperiert; wichtige Details über die Verhältnisse in der JVA habe ihm der ehemalige Direktor verraten.

Denn Markus Ridder kommt ja nicht rein. Wie es zugehen könnte in der Festung, welcher Umgangston dort womöglich herrscht, davon erhält er an diesem Augusttag eine Ahnung. Nach dem genehmigten Fototermin vor der JVA lässt es sich der Schriftsteller nicht nehmen, ein paar Schritte an der Mauer entlangzuspazieren, um weitere Eindrücke zu sammeln. Der Frau auf dem Wachturm scheint das indes zu weit zu gehen. "Sie haben hier nichts verloren", brüllt sie im Kasernenton von oben herab. Ridder bleibt hartnäckig, beginnt zu diskutieren, woraufhin die Ansagen noch schärfer werden. Die Gefahr scheint Ridder anzuziehen. Vielleicht ist es das, was seine Bücher so anziehend macht.

Nächste Folge: Spurensuche mit dem Krimi-Autor Ulrich Effenhauser