Spurensuche Das Papier macht weiter

Vor vierzig Jahren starb der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann in London. Was hatte er in der Schublade? Die Spekulationen um seinen Nachlass sind mehr als lebhaft.

Von Luise Checchin

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock 'n' Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter." Wer nicht weitergemacht hat, ist der Verfasser dieser Zeilen: Der Autor Rolf Dieter Brinkmann - empfindsamer Dichter, schimpfender Chronist seiner Zeit, laut Heiner Müller das "vielleicht einzige Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur" - starb am 23. April 1975, überfahren auf einer Londoner Straße.

Wenn ein Autor stirbt - zumal wie Brinkmann mit 35 Jahren und auf der Höhe seines Schaffens - gibt es Begehrlichkeiten: Leser und Forscher gieren nach unveröffentlichten Schätzen, nach Material, das Leben und Werk des Verstorbenen erhellen könnte. Das ist der Kreislauf des literarischen Lebens und Sterbens. Im Fall Rolf Dieter Brinkmanns ist dieser Kreislauf gestört. Nachdem er 1975 verunglückt war, veröffentlichte die Witwe, Maleen Brinkmann, im Abstand weniger Jahre in sehr verdienstvoller Kleinarbeit mehrere Bände aus dem Nachlass, die das Bild des Autors entscheidend prägen sollten. Ende der Achtzigerjahre läuft dieser publizistische Segen langsam aus. 1999 noch ein Briefband, 2010 ein kleines Buch mit frühen Gedichten. Nun könnte man meinen, der Nachlass sei einfach erschöpft, hielte sich nicht hartnäckig ein Gerücht: das Gerücht, dass da noch mehr liegt.

Eine Anfrage beim Rowohlt Verlag, ob man denn irgendetwas in Vorbereitung habe. Nein, heißt es, auf absehbare Zeit sei nichts geplant. Eine Kontaktaufnahme mit Frau Brinkmann sei nur per Brief möglich, ob sie antworte, könne man aber nicht garantieren. Ein Anruf beim Germanisten Roberto Di Bella, der eine Homepage zum Werk des Autors betreibt. Was im Nachlass liege, wisse keiner so richtig, sagt Di Bella. Auf seiner Homepage zitiert er Jan Röhnert, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der TU Braunschweig. Seine Lieblingsgedichte von Brinkmann, so Röhnert, seien "die, über welche Maleen noch immer mit Argusaugen wacht, die allerspätesten aus den letzten Wochen und Tagen . . . - was da wohl entstanden sein mag?"

Das Festhalten der Angehörigen sei bei Künstlernachlässen nicht unüblich, sagt der Archivar

Fragt man bei Röhnert nach, stößt man auf eine Mischung aus Leidenschaft und Frustration. Röhnert hat zu Brinkmann geforscht, einen Interpretationsband zu dessen Lyrik mitherausgegeben. Jahrelang hatte er versucht, Maleen Brinkmann zu kontaktieren, keine Reaktion. Der einzige Kontakt, der zustande kam, war eine Klage des Anwalts der Witwe: Röhnert habe in einer online veröffentlichten Beispielinterpretation ein Gedicht Brinkmanns ohne Genehmigung publiziert.

Röhnert verweist auf Gunter Geduldig, ehemaliger Leiter der Universitätsbibliothek Vechta, der habe Frau Brinkmann einige Male getroffen. Vechta ist die Geburtsstadt des Schriftstellers, die dortige Universität betreibt die "Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann". Geduldig redet gerne über den Autor Brinkmann, kommt das Gespräch allerdings auf die Witwe, wird er wortkarg. Das Verhältnis sei nicht das beste, so viel deutet er an.

Das Archiv in Vechta erhielt 2005 von Peter Hackmann, einem Jugendfreund Brinkmanns, einen Teilnachlass mit frühen Gedichten. Einige davon hat die Witwe, die die Rechte an den Texten innehat, 2010 in dem Band "Vorstellung meiner Hände" herausgegeben. Einen näheren Austausch zwischen dem Archiv und ihr habe es, so Geduldig, dabei allerdings nicht gegeben. Was im Nachlass liegt, darüber könne er nur spekulieren. Dass dort aber etwas liege, dafür spräche viel. Geduldig vermutet zumindest noch audiovisuelles Material und eine umfangreiche Korrespondenz.

Eine Anfrage beim Deutschen Literaturarchiv Marbach, das die "Materialsammlung Brinkmann-Rygulla" besitzt - Dokumente zu zwei Anthologien über amerikanische Underground-Literatur, die Brinkmann 1969 zusammen mit seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla herausgab. Der Leiter des Archivs, Ulrich von Bülow, bestätigt, was man vorher schon gerüchteweise gehört hatte. Ja, das Archiv stünde seit Jahren mit der Witwe in Kontakt. Brinkmann sei ein äußerst wichtiger Autor, man würde den Nachlass sehr gerne erwerben, er stünde auf der Prioritätenliste ganz oben.

Einen Einblick in die nachgelassenen Dokumente hat auch Bülow nicht erhalten, obwohl er sich vor ein paar Jahren mit Maleen Brinkmann getroffen hat, um über einen möglichen Verkauf zu sprechen. Sie sei durchaus interessiert gewesen, habe sich aber bisher einfach noch nicht von den Sachen trennen wollen, so Bülow. Dieses Festhalten der Angehörigen sei nicht unüblich bei Künstlernachlässen und grundsätzlich ein Problem für die Forschung, erklärt er. Man müsse das aber akzeptieren. Drängeln habe in der Regel sowieso keinen Zweck.

Über ein paar Ecken hört man von Henning John von Freyend. Der Maler war mit Brinkmann befreundet, er besitzt, wie er im Gespräch erzählt, zahlreiche Briefe und Postkarten, die dieser ihm geschrieben hatte. Ein sehr privater, alltäglicher Brinkmann komme darin zum Vorschein, sagt Freyend, mitunter fänden sich auch ein paar Gedichte. Zusammengenommen ergäben die Texte sicherlich ein Buch von 100 Seiten, schätzt er. Freyend würde die Briefe gerne veröffentlichen. Vor einigen Jahren sei Maleen Brinkmann mit einem Vertreter des Rowohlt Verlags bei ihm gewesen. Man habe sich die Dokumente angeschaut und sei sehr angetan gewesen. Doch ein halbes Jahr später, so berichtet es Freyend, habe Frau Brinkmann ihm ohne Begründung abgesagt.

Zu alldem würde man Frau Brinkmann gerne befragen. Und tatsächlich: Irgendwann ist da eine Nachricht auf der Mailbox: Brinkmann hier, sie habe den Brief erhalten, man könne sich ja mal melden, viel erwarten solle man allerdings nicht. Man ruft zurück und nach anfänglichem Zögern kommt Maleen Brinkmann bald ins Erzählen. Nein, konkrete zu veröffentlichende Werke gäbe es nicht, sagt sie. Nur Schnipsel, Fragmente. Außerdem Briefe, die sie nicht veröffentlichen wolle, weil die privat seien. Es lägen noch Texte bei anderen, früheren Weggefährten Brinkmanns. Die würde sie gerne publizieren, allerdings behinderten die betreffenden Personen dies. Über die Gründe dafür könne sie nur spekulieren, möglicherweise Eifersucht angesichts des furiosen Erfolgs, den Brinkmanns Werk nach seinem Tod erfahren habe. Die Briefe, die Freyend besitzt, sähe sie prinzipiell gerne veröffentlicht. Das Problem sei aber, dass Freyend die Dokumente als Collagen in seine eigenen Tagebücher eingeklebt habe.

In diesem Zustand, sagt sie, könne man die Texte nicht herausgeben, man müsste eine andere Form dafür finden. Sich diesen Angelegenheiten zu widmen, dafür fehlten ihr aber leider momentan sowohl die Zeit als auch die finanziellen Mittel. Das Werk ihres Mannes, das wird deutlich, liegt Maleen Brinkmann noch immer am Herzen. Vielleicht ein bisschen zu sehr.

Denn schlägt man vor, sie könne sich doch Unterstützung bei ihrer Arbeit holen, wiegelt sie das kategorisch ab: Es sei schließlich ihre Aufgabe und ihr Auftrag, sich um den Nachlass zu kümmern. Jemand anderes könne das nicht machen. Kein Wunder also, dass noch immer rege über die Hinterlassenschaften Brinkmanns spekuliert wird. Wo Wissen fehlt, da gedeihen Gerüchte nur zu gut.

Zwar machte die Witwe auch Ausnahmen: 2005 wurde die CD-Box "Wörter Sex Schnitt" mit Originaltonaufnahmen Brinkmanns herausgegeben, 2006 erschien das filmische Porträt "Brinkmanns Zorn", für das Maleen Brinkmann dem Regisseur Harald Bergmann ebenfalls bisher unveröffentlichte Film- und Tonaufnahmen zur Verfügung gestellt hatte.

Die Literaturwissenschaft allerdings, sie wird seit 40 Jahren vom Brinkmann-Nachlass ferngehalten - und das sehr bewusst. Brinkmann müsse nicht erforscht werden, findet Maleen Brinkmann. Wissenschaftler, Archive, sie alle hätten nur vor, Brinkmann zu vereinnahmen, aus dessen Werk für sich selbst Ruhm zu ziehen. Brinkmann habe die Literaturwissenschaft abgelehnt, also tue sie das auch, sie habe seine Haltung in dieser Beziehung verinnerlicht.

Es stimmt, dass Brinkmann eine Abneigung hegte gegen das, was er verächtlich "Viehlologie" nannte. Insofern könnte man das Vorgehen der Witwe durchaus als konsequent bezeichnen. Man könnte allerdings auch einwenden, dass Brinkmann im Laufe seines Lebens diese Meinung möglicherweise revidiert hätte. Oder zu bedenken geben, dass er selbst ein eifriger Sammler, Vermittler und Interpret anderer Schriftsteller war. Schließlich könnte man sich fragen, ob das öffentliche Interesse an der bestmöglichen Aufarbeitung eines Werkes nicht schwerer wiegen sollte als die beiläufigen Äußerungen eines rebellischen jungen Autors.

Denn so wertvoll künstlerische Auseinandersetzungen mit Brinkmanns Nachlass wie die des Filmemachers Bergmann sind, sie ersetzen nicht das wissenschaftliche Sichten und Auswerten. Um ein Beispiel zu nennen: Die letzten publizierten Werke Brinkmanns bestehen aus Text-Bild-Collagen, von denen einige bisher nur in Schwarz-Weiß reproduziert worden sind. Allein die Farbigkeit der Abbildungen herauszufinden wäre aufschlussreich, ganz zu schweigen von der Identifikation der Quellen, die Brinkmann für seine Collagen verwendete. Röhnert sähe es am liebsten, wenn über kurz oder lang eine kritische Ausgabe der Werke Brinkmanns erschiene. Röhnerts Sorge um den Zustand der Dokumente bei privater Unterbringung teilt Bülow nicht: Immerhin stammten die meisten Papiere aus den Siebzigerjahren und müssten deshalb gut erhalten sein.

Im Gespräch räumt Maleen Brinkmann ein, dass sie irgendwann wohl keine andere Möglichkeit hätte, als die Sachen doch an ein Archiv zu geben. Zuvor aber wolle sie so viel wie möglich selbst regeln und veröffentlichen. Denn Brinkmann, sagt sie bestimmt, sei ein Autor, der gelesen werden wolle. In diesem Punkt scheint ausnahmsweise Einigkeit zu herrschen in Sachen Brinkmann-Nachlass.