Springer: Kein Tribunal Mit der Zeit vergeht die Lust - sogar auf 68

Mit 40 Jahren Verspätung wollte der Springer-Verlag ein "Tribunal" gegen sich einberufen. Doch wichtige linke Zeitzeugen sagten angeblich ab.

Von Willi Winkler

Die Idee klang bestechend. Vor sieben Wochen gab der Springer-Verlag bekannt, dass er das sogenannte "Springer-Tribunal", das in den aufgeregten Monaten Anfang 1968 geplant wurde und nie stattfand, selber veranstalten und mit 40 Jahren Verspätung in diesem Herbst nachholen wolle. Es erging also eine Einladung an die "damaligen Akteure", zusammen mit Vertretern des Hauses, das sich damals so unvergleichlich auf "Journalismus als Menschenjagd" (Reinhard Lettau) verstand, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten. Die taz erkannte sofort die "Dialektik des Marketings", denn bei einer Veranstaltung im Springer-Haus in Berlin hätte der Springer-Verlag nicht bloß das Podium, sondern auch das Ergebnis in der Hand. Leider wird jetzt doch nichts draus; Springer hat abgesagt, weil die "damaligen Akteure" bei der Propaganda-Show nicht mittun wollen und damit, wie die Hausmitteilung weiß, die sicherlich einmalige "Chance zur erneuten Auseinandersetzung" vertun.

Ostermarsch 1968: Der Zorn der Demonstranten richtete sich vor allem gegen den Axel-Springer-Verlag. In einem "Tribunal" sollte das Geschehene aufgearbeitet werden.

(Foto: Foto: dpa)

Die treibende Kraft hinter der seit den Stasi-Enthüllungen über den Berliner Totschießer Karl-Heinz Kurras fortlaufend gespielten 68er-Revue ist der Welt-Chefredakteur Thomas Schmid, der einst Joschka Fischers Frankfurter Pflastersteinwürfe mit seiner ganz eigenen Lyrik begleitete. Es ist dem Haus Springer nicht hoch genug anzurechnen, dass es dem ehemaligen Revolutionär auf seine älteren Tage Unterschlupf gewährt. Marketingtechnisch ist das auch nicht falsch, denn wie könnte Schmid anders, als das Lied des Herren zu singen, dessen Gnadenbrot er verzehren darf. Und so klingt sein Lied: "Das Kollektiv der Neinsager, das da gezimmert wird, ist kläglich. Und selbstgerecht. Sie haben das Gespräch verweigert!"

Aber seltsam, dieses holzharte Kollektiv gibt es gar nicht. Es stimmt, Peter Schneider und Christian Semler haben, sekundiert von Daniel Cohn-Bendit, der 1968 nichts mit dem Tribunal zu tun hatte, erklärt, dass sie keine Lust hätten, an der Reanimierung teilzunehmen. Aber sonst? Manfred Bissinger, der als Stern-Redakteur 1967 die legendäre "Axel-Springer-Story" schrieb und die Verbindung zwischen den Hamburger Verlegern und den Berliner Studenten hielt, wurde nicht einmal gefragt. "Unter professionellen Gesichtspunkten" könne er verstehen, dass Springer einen Schauprozess zur eigenen Reinwaschung veranstaltet, sagte Bissinger der Süddeutschen Zeitung. Dennoch freue es ihn, dass es nicht klappt und die 68er-Veteranen nicht "auf diesen PR-Leim gekrochen sind".

Günter Wallraff, bei Springer wegen seiner Undercover-Arbeit als Bild-Redakteur "Hans Esser" besonders verhasst und deshalb natürlich auch nicht eingeladen, wünscht sich statt des Tribunals eine Historiker-Kommission. "Sogar die Deutsche Bank hat das gemacht", sagt er: nämlich die eigene Geschichte von unabhängigen Wissenschaftlern untersuchen lassen.

Doch gilt bei Springer ein anderer Komment. Bei seinem Machtantritt hat der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner Axel Springers Witwe Friede versichert, ihr verstorbener Mann habe sich trotz der Pogrom-Prosa, in der sich die Springer-Zeitungen 1967/68 ergingen, nichts vorzuwerfen. In einem Interview verlangte Döpfner im Mai umgekehrt, dass die Aktivisten von 1968 sich "mal bei unserem Haus entschuldigen". Verlagssprecherin Edda Fels wusste dazu am Sonntag nachzutragen: Eine Entschuldigung sei keineswegs Teilnahmebedingung für das Tribunal gewesen.

"Gespräche beginnen in aller Regel nicht mit der Aufforderung an den Eingeladenen, den Gastgeber erst einmal um Verzeihung zu bitten", erklärt Peter Schneider in einem Statement, das er zusammen mit Bernhard Blanke verfasst hat. Dabei wäre es doch so einfach, ein kleines Zeichen genügte, eine Geste könnte Wunder wirken, ein Wort nur, ein Wort wie dieses: "Ich leide wie ein Hund darunter, dass manches in meinen Blättern steht, womit ich überhaupt nicht einverstanden bin. (. . .) In Hunderten von Briefen beschwor ich die Chefredaktion, alles zu unterlassen, was gegen die Würde des Menschen verstößt." Ein solches Eingeständnis, wie es sich der sonst so selbstgerechte Axel Springer 1980 abrang, könnte ein ganzes Propaganda-Tribunal aufwiegen.

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