Und die aktuellen Themen, der Zeitbezug? Nur drei der Bischöfe (alle katholisch) verzichteten auf ihn. Von Barack Obama war die Rede, kritisch natürlich: Sein berühmtes "Yes, we can" gebärde sich, "als läge das Leben in unseren Händen"; es reiße, wenn es sich verselbständige, den Menschen "in den Sog des Machbarkeitswahns" (Limburg, kath.). Toyota schreibe Verluste - und widerlege damit seinen eigenen Werbespruch "Nichts ist unmöglich" (Pommern, ev.); Jesus aber spreche: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich."

Wolf Schneider; dpa

Wolf Schneider ist Journalistenausbilder, Sachbuchautor, Honorarprofessor der Universität Salzburg und Träger des "Medienpreises für Sprachkultur" der Gesellschaft für deutsche Sprache. (© Foto: dpa)

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Auch gegen den Hunger auf Erden, gegen Krieg und Terror, gegen den Klimawandel wurde da gepredigt, gegen den "Raubbau an der Schöpfung" (Kurhessen, ev.), gegen Gewalt von links und rechts; gegen "die schleichende Aushöhlung des Lebensschutzes" (Limburg, kath.) und die Abtreibung überhaupt, der der Bischof von Augsburg (kath.) zwei Drittel seiner Weihnachtspredigt widmete. Auch "ehrliches Erinnern an das DDR-System" wurde eingefordert, verbunden mit der Einsicht, "welche Kraft in einem Volk liegt, das an die Veränderbarkeit des scheinbar Unabänderlichen glaubt" (Mecklenburg, ev.).

Zwischendrin auch schlichtes, biblisches Deutsch

Zentrales aktuelles Thema war die Krise der Weltfinanzen, "von sündiger Habgier herbeigeführt" (Regensburg, kath.). Auch "kleine Leute" hätten bei Lehman Brothers spekuliert und sich so auf "die tötenden Sünden" Neid, Geiz und Habgier eingelassen (Bamberg, kath.). Wir müssten "unsere Hab-Süchte durch die Anerkenntnis des rettenden Gottes überwinden" (Rottenburg, kath.). Ob dies die Sprache war, die junge Leute zu Einsicht und Umkehr motivieren kann?

Doch auch schlichtes, biblisches Deutsch lugte zwischen den rügenden, den metaphysisch überladenen Worten hervor. "Gottvertrauen ist wichtiger als Geld!" (Hannover, ev.). Plausibel klang die einfache Frage: "Wie soll denn auf dem Weg von der Krippe zum Kreuz die Erlösung der Menschheit stattfinden können?" (Paderborn, kath.). Aus dem Leben gegriffen die andere: "Wer denkt denn an den Beistand des himmlischen Vaters, wenn er am Telefon die Notrufnummer wählt?" (Görlitz, kath.). Und Bischof Huber sprach: "Gerade heute wird es gebraucht, das trotzige und zuversichtliche 'Fürchtet euch nicht!'"

Kein Raum für "Besinnlichkeit"

Zwei heikle Wörter zum Schluss. Neunmal plädierten die Bischöfe für "christliche Solidarität" und lobten Gott, dass er sich Weihnachten "mit uns solidarisiert". Das ist merkwürdig - "Solidarität" hat ja eine politische Geschichte: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts löste sie in der deutschen Arbeiterbewegung die "Brüderlichkeit" ab. Während bei Friedrich Schiller alle Menschen Brüder werden, gilt Solidarität nur denen, die die gleichen Anschauungen und Ziele haben wie wir (so definieren übereinstimmend der Duden, der Brockhaus und das "Politische Wörterbuch" der verflossenen DDR) - allen Menschen also nicht.

Nur zweimal tauchte in den Predigten die Lieblingsvokabel deutscher Weihnachtsgrüße auf: "Besinnliche Feiertage" haben Geschäftsfreunde, Vereinsvorstände und ferne Kusinen uns mit einer gewissen Zwangsläufigkeit gewünscht; ja, RTL versah eine Reportage über den Kaufrausch vor Weihnachten mit dem Tadel: Für "Besinnlichkeit" bleibe da kein Raum.

Wie schön! Die wenigsten praktizieren sie, und Millionen einsamer alter Menschen finden sich Weihnachten verzweifelt auf sie zurückgeworfen. Hat denn der Engel des Herrn den Hirten "Besinnlichkeit" verkündet? Freude war's! Und mit dem Stimmenverhältnis 34 : 2 sind wir gerechtfertigt, wenn wir uns weigern, das alte Weihnachtslied in "O, du besinnliche" umzudichten.

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(SZ vom 07.01.2009/cag)