Sprache im Wandel Genug gebellt

Waren die Sprachhüter der früheren Generationen also zufriedener? Natürlich nicht. Ihnen missfiel der französische Einfluss ebenso wie die um sich greifende Tendenz zur Vereinfachung, Verkürzung oder Verlängerung. In den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts sah Arthur Schopenhauer die deutsche Sprache vorangegangener Generationen "der Willkür und Laune und dem stupiden Unverstande höchst unwissender Sudler, Zeitungsschreiber, Buchhändlerlöhnlinge und geldbedürftiger Bücherfabrikanten jeder Art" preisgegeben. Das Deutsche habe eine Schändung zu erdulden, "zu der keine andre Nation ein Analogon aufzuweisen" habe.

Bedrohte Wörter: And the Käseigel goes to...

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Zeuge zur Verteidigung: die deutsche Sprache selbst

Und es sei schon einmal besser gewesen: kurz vor dem Ansturm der "seit einigen Jahren methodisch betriebenen Verhunzung der deutschen Sprache". Wann das gewesen sein soll? "Zur Zeit, als es noch gute Schriftsteller in Deutschland gab", im goldenen Zeitalter Schillers und Goethes. Tatsächlich? Im Jahre 1819 - noch zu Goethes Lebzeiten - verglich Jacob Grimm das Deutsche seiner Tage mit der Sprache früherer Jahrhunderte: "Vor sechshundert Jahren hat jeder gemeine Bauer Vollkommenheiten und Feinheiten der deutschen Sprache gewußt, d. h. täglich ausgeübt, von denen sich die besten heutigen Sprachlehrer nichts mehr träumen lassen."

Haben alle diese Veränderungen und insbesondere der gewaltige Einfluss anderer Sprachen dem Deutschen über die Epochen hinweg geschadet? Lassen Sie uns einen ehrwürdigen Zeugen zur Verteidigung rufen: die deutsche Sprache selbst. Wie lautet die Anklage? "Der massive Einfluss des Englischen auf das Deutsche, die Anglisierung der Universitäten, der Statusverlust, der Rückzug des Deutschen aus prestigereichen Diskursen." Also wollen wir mal sehen: "Der massive Einfluss des Englischen, die Anglisierung der Universitäten , der Statusverlust , der Rückzug des Deutschen aus prestigereichen Diskursen ". Die gute Nachricht: Die Artikel sind deutsch.

Gibt es wirklich so wenige Sprachen auf der Erde, über die so schlecht geredet wird wie über die deutsche? Nur so viel als Beispiel sprachlicher Selbst(ver)achtung unter anderen Völkern: Nach Gaston Paris, einem der führenden französischen Sprachwissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts, wurde seine Sprache in Schande geboren, weil sie von Anfang an tief im Morast des Verfalls steckte: Das Französische war aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangen, aus der Sprache der Massen, die "allmählich das richtige und instinktive Gefühl für die Gesetze der Sprache verloren hatten".

Sind denn wenigstens die Engländer glücklich?

Infolgedessen war die neuentstandene Sprache "der Sprache, die ihr vorangegangen war, an Schönheit und Logik unterlegen". Paris bezog sich auf die allgemein anerkannte Wahrheit, dass das Französische niemals die Schönheit seines klassischen lateinischen Vorfahren erreichen könne, dessen höchster Gipfel der Reinheit im goldenen Zeitalter Ciceros erreicht worden war. Eine allgemein anerkannte Wahrheit? Nun ja, beinahe. Cicero war sich sicher, dass das Latein seiner Tage nicht mehr dasselbe war wie früher. Im Jahre 46 v. Chr. schaute er sehnsuchtsvoll auf das Latein des vorangegangenen Jahrhunderts: "Aber es pflegten doch dazumal fast alle richtig zu reden. Doch hat der Gang der Zeit verschlechternden Einfluss gehabt."

Heute sind genau dieselben Klagen über die Flut der Anglizismen überall in Europa und darüber hinaus zu hören. Nur sind sich in jedem Land die Klageführer einig, dass ihre Sprache besonders gefährdet sei, mehr als andere Sprachen. Einer Sprache, so könnte man meinen, sollten diese Gefahren jedoch erspart bleiben: Das Englische muss doch in einem besseren Zustand sein. Nach Ansicht englischer Sprachhüter trifft das leider nicht zu. Der bekannte BBC-Journalist und Sprachkritiker John Humphries hat in einem Buch über "Die Verstümmelung und Manipulation der englischen Sprache" (2004) behauptet, das englische Englisch sei heutzutage besonders gefährdet, weil es sich wegen seiner unmittelbaren Verwandtschaft mit dem amerikanischen Englisch nicht vor dessen Einfluss schützen könne: "Es ist leichter, das englische Englisch zu beschädigen als das französische Französisch."

Zumindest eine Sprache, denkt man sich nun, müsse also glücklich sein: das amerikanische Englisch. Glauben Sie? In Amerika fühlt man sich unter anderem durch den massiven Einfluss des Spanischen bedroht. Man beschwert sich über das "Spanglish" und die zunehmende Zweisprachigkeit. Und überhaupt: über den Sprachverfall.

Der Autor ist Linguist am Institut für Sprachen und Kulturen des Mittleren Ostens an der Universität Leiden in Belgien. Sein Buch "Du Jane, ich Goethe - Eine Geschichte der Sprache" erscheint demnächst bei C. H. Beck in München.