Sprache im Wandel Genug gebellt

Anglizismen, Abkürzungen, Aussprache: Der Verfall der deutschen Sprache wird von allen Seiten kritisiert - neu ist das aber nicht.

Von Guy Deutscher

Alle unglücklichen Sprachkritiker gleichen sich. Jeder glaubt, seine Sprache sei auf ihre besondere Art unglücklich. In der aktuellen Debatte um den Zustand der deutschen Sprache herrscht allerdings eine krasse Uneinigkeit darüber, welche ihre eigentlichen Gebrechen seien. Jürgen Trabant zufolge leidet die Sprache heutzutage vor allem an dem überwältigenden Einfluss des Englischen. Laut Peter Eisenberg kommt die deutsche Sprache mit ihren Anglizismen gut klar, nur leidet sie ... an den Sprachkritikern. Deren "destruktiver Diskurs" beschreibe ihre Zukunft so trostlos, dass man von jedem Verbesserungsversuch abgebracht werde.

Ganz und gar nicht verstaubt: Die deutsche Sprache verändert sich seit Jahrtausenden.

(Foto: Foto: dpa)

Einig sind diese entgegengesetzten Ansichten in der Überzeugung, dass die deutsche Sprache, woran sie heutzutage auch immer kranke, darin einen Sonderfall abgebe. Laut Trabant sind "der massive Einfluss des Englischen auf das Deutsche, die Anglisierung der Universitäten, der Statusverlust, der Rückzug des Deutschen aus prestigereichen Diskursen" Folgen eines deutschen Traumas. Aus Scham über eine Sprache, die vor zwei Generationen über Europa hinweg "gebellt" worden sei, seien die deutschen Eliten nach dem Krieg schneller und folgsamer zum Englischen übergegangen als andere. Peter Eisenberg hingegen glaubt: "Es dürfte wenige Sprachen auf der Erde geben, über die so schlecht geredet wird wie über die deutsche. Gut möglich, dass es gar keine gibt."

Die Deutschen scheinen eine schreckliche Angst vor der Normalität zu haben - sogar die Selbstdiagnose des "Klassenschlechtesten" ziehen sie dem Eingeständnis vor, "ganz normal" zu sein. Nur, in dieser Angst sind sie - Verzeihung! - ganz normal. Von außen betrachtet fällt am gegenwärtigen Zustand des Deutschen nichts aus dem Rahmen: weder der Wandel, den es derzeit durchmacht, noch die Heftigkeit der Kritik an diesem Wandel. Die Entwicklungen, die wir in den heutigen Sprachen beobachten, sind von genau der gleichen Art wie die Veränderungen, die alle Sprachen seit Jahrtausenden durchmachen.

Ein Meer des Geschwätzes

Genau genommen sind die Kräfte hinter dem heutigen Sprachwandel nicht von denen zu unterscheiden, die in grauer Vorzeit die kunstvollen Strukturen unserer Sprachen überhaupt erst geschaffen haben. Doch mit nahezu der gleichen Beständigkeit, mit der sich die Sprache ändert, werden Veränderungen von gelehrten Autoritäten als schädlich, verkehrt und gefährlich gekennzeichnet. Wenn man sich nicht gerade wie Trabant über den bedrohlichen Einfluss fremder Sprachen beschwert, so wendet sich der Zorn auch gerne gegen schlampige Aussprache, und wenn nicht gegen Verkürzung, dann gegen Verlängerung und das Anschwellen aufgeblähter Superlative zu einem Meer des Geschwätzes.

Bemerkenswert an diesen Beschwerden ist, wie sie sich über Jahrhunderte hinweg gleichen. Jürgen Trabant argumentiert leidenschaftlich, die heutigen Probleme des Deutschen seien beispiellos . War also vor dem Krieg alles in bester Ordnung? Die Kritiker der damaligen Zeit hätten hier Einwände erhoben. "Alles Mögliche gibt es ", schreibt Kurt Tucholsky 1918, "nur keine anständigen richtigen deutschen Wörter. Sondern ein lallendes Gestammel wichtigtuerischer Journalisten und aufgeblähter Bürokraten."

Und 1929 fügt er noch düsterer hinzu: "Es ist schon einmal besser gewesen: vor dem Kriege ... Man blättere nach, und man wird von damals zu heute einen bösen Verfall der deutschen Sprache feststellen." Man blättere also nach. Beispielsweise in der Fackel aus der Zeit um die Jahrhundertwende; da beklagt sich Karl Kraus über "die Verpestung der deutschen Sprache durch die Tagespresse" (1907) und fordert "Strafbestimmungen gegen die öffentliche Unzucht, die mit der deutschen Sprache getrieben wird" (1903).

"Wider die Engländerei in der deutschen Sprache"

Nun ja, vielleicht hielten diese Sprachkritiker ihre Situation tatsächlich für düster, aber immerhin hatten sie nicht mit der destruktiven Überschwemmung von Anglizismen zu kämpfen! Wirklich? Im Jahr 1899 hatte der Allgemeine Deutsche Sprachverein Anlass zu der folgenden Erklärung gesehen: "Mit dem immer wachsenden Einfluss englischen Wesens mehrt sich neuerdings in bedenklicher Weise die Zahl der aus dem Englischen stammenden Fremdwörter. Auch in dieser Spracherscheinung treten die alten Erbfehler des deutschen Volkes wieder hervor: Überschätzung des Fremden, Mangel an Selbstgefühl, Missachtung der eigenen Sprache."

Diese Erklärung war eine Reaktion auf eine Vorlesung von Hermann Dunger, der unter dem Titel "Wider die Engländerei in der deutschen Sprache" Hunderte Beispiele junger Lehnwörter aus dem Englischen versammelt hatte. Nur wenige Generationen früher, meinte Dunger, habe das Deutsche kaum englische Lehnwörter besessen.

Traumberuf Anglizist: "That's fein!"

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