"Spotlight" im Kino Warum "Spotlight" den Oscar verdient hat

Das Team des Boston Globe (v.l.n.r.): Michael Keaton, Liev Schreiber, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, John Slattery, Brian d'Arcy James.

(Foto: KERRY HAYES)

2001 deckten Journalisten einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Boston auf. "Spotlight" erzählt die Geschichte ruhig und spannend zugleich.

Filmkritik von Fritz Göttler

Der Katechismus ist echt, versichert Marty Baron. Er ist im Jahr 2001 Chefredakteur des Boston Globe geworden und hat unter anderen auch seinen Antrittsbesuch beim Erzbischof von Boston, Kardinal Bernard Law, gemacht. Der Erzbischof plauderte mit ihm und überreichte ihm einen Katechismus, und es ist dieser Katechismus, der in der entsprechenden Szene des Films "Spotlight" zu sehen ist. Marty Baron, heute Chef der Washington Post, erzählte von dieser Begegnung, als der Film herauskam. Marty, der Außenseiter, er kommt aus einer anderen Welt. "Ein unverheirateter Mann jüdischen Glaubens, der Baseball hasst", heißt es über ihn im Film.

Mit Marty Barons Eintreffen, mit seiner ersten Redaktionskonferenz setzt sich die Geschichte in Gang, die "Spotlight" erzählt, die Aufdeckung des gewaltigen Missbrauchsskandals in den Pfarreien der Stadt Boston. Von Marty kommt der Anstoß, die Geschichte über den Priester John Geoghan, der sich an Dutzenden Kindern vergangen hat und von der Kirche jahrelang gedeckt, von Pfarrei zu Pfarrei weitergeschoben wurde, mal intensiver zu untersuchen. Über den Einzelfall hinauszugehen, das System bloßzulegen, das dahintersteckt. Der großartige Liev Schreiber spielt Marty Baron ganz unterkühlt, bedächtig, angenehm durchtrieben.

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Das Spotlight-Team wird mit der Recherche beauftragt, eine kleine Truppe erfahrener Journalisten, denen die Zeit und die Ressourcen zugestanden werden für solche schwierigen Fälle. Sie werden ebenso kühl verkörpert von Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Brian d'Arcy James, der stellvertretende Chef ist John Slattery. Es wird eine lange, mühsame Recherche, der Film erzählt sie ausführlich, ohne falsche Sensationen und Spekulation. In einem kleinen Prolog wird skizziert, gewissermaßen ex negativo, was wir gerade nicht erwarten dürfen - eine finstere Film-noir-Sequenz in einer Polizeistation, 1976. Draußen in nächtlicher Gasse wartet eine schwarze Limousine. Drinnen dunkle Geschäfte. Eine Mutter und ihr Sohn wollen eine Untat anzeigen, ein Priester und ein Anwalt unterdrücken hastig und geschäftig diese Anzeige.

53 Prozent der Leser des Globe sind katholisch, wollen sie diese Story über ihre Kirche lesen?

Der Suspense des Films ist dann aber ganz der der journalistischen Investigation, ein Suspense, der gerade aus der Monotonie seine Spannung zieht, aus langen Gesprächen, Tagen in Bibliotheken oder dunklen Archiven, falschen Fährten, Blockaden, stur eingehaltenen Öffnungszeiten. Die Probleme sind nicht die großen emotionalen und moralischen Fragen, sondern ganz pragmatisch - wie man an Akten kommt, die unter Verschluss sind, wie man Leute zum Reden bringt, vertrauensfördernd oder durch Druck, wie man den Skandalkoeffizienten abschätzt: 53 Prozent der Leser des Globe sind katholisch, wollen sie diese grässliche Geschichte über ihre Kirche lesen?

Hollywood hat aus Reportern oft Abenteurer gemacht, obsessiv und manchmal ziemlich skrupellos. Der Regisseur von "Spotlight" Tom McCarthy hat groteskerweise einen solchen Typen gespielt, Scott Templeton in der fünften Staffel der Serie "The Wire" - was durchaus verdutzte Reaktionen auslöste, als das Filmteam zu Dreharbeiten in den Redaktionsräumen des Boston Globe anrückte. Das unerreichte Vorbild dafür ist Kirk Douglas, in "Ace in the Hole", 1951, von Billy Wilder, damals bei Journalisten nicht beliebt.

"Spotlight" war im Januar für sechs Oscars nominiert worden, als bester Film und für Regie, Drehbuch, Schnitt und Nebendarsteller (Ruffalo, McAdams). Und doch waren Zweifel angebracht, ob sich der Film schließlich durchsetzen würde. Denn es war zu befürchten, dass sich der Tross der Academy-Mitglieder an der präpotenten Kraftmeierei von Alejandro G. Iñárritus "Revenant" abreagieren könnte. Doch so kam es dann doch nicht: In den Königsklasse "Bester Film" holte "Spotlight" den Preis und auch beim "Beste Drehbuch" setzte sich der Film durch.

Ohne den lässigen Touch des Watergate-Klassikers "All the President's Men"

Auch Tom McCarthy kann recht emphatisch sein, wenn er von seinem Film redet und vom Wert des guten alten Journalismus, den er feiert. "Ich glaube, wir sind da etwas aus der Spur geraten, mit all diesen Bürgerjournalisten, jeder hat nun eine Kamera und einen Twitterzugang."

"Spotlight" ist ein angenehm unscheinbarer Film, die Redaktionsbüros sind so eintönig wie die lockeren Klamotten, welche die Journalisten tragen - ohne jenen lässigen Touch, der Robert Redford und Dustin Hoffman im klassischen Watergate-Investigations-Film "All the President's Men" auszeichnet.

"Spotlight" zeigt alle Seiten der Affäre, die Opfer, die nach Jahren noch den Schmerz und die Scham in sich tragen und die Verzweiflung, sich an niemanden wenden zu können, aber auch jene, die sich vergangen haben, und alle, die ihnen verständig helfen, dies zu vertuschen, die Anwälte, die Entschädigungen aushandeln, was ein gewaltiges Geschäft für sie ist.

Stanley Tucci ist großartig auf der anderen Seite, als Mitchell Garabedian, ein Opfer-Anwalt, ein Armenier - auch er weiß, was es heißt, ein Außenseiter zu sein. Am 6. Januar 2002 kann er einen Erfolg feiern, da veröffentlicht der Boston Globe seinen ersten Bericht über die Affäre. Kardinal Law wird abgelöst und nach Rom zurückgeholt. Das Team kriegt 2003 den Pulitzerpreis.

"Spotlight" skizziert das Bild der Stadt, in der dies alles passierte, Boston mit seiner wahnwitzigen Vermengung von Normalität und Abartigkeit, Verdrängung und Naivität. Mit seiner Zeitlosigkeit, die schaurige, absurde Visionen gebiert. Ein freundlicher älterer Mann öffnet die Tür zu seinem freundlichen kleinen Vorstadthaus und erzählt freundlich der Reporterin, wie zärtlich es doch immer zugegangen sei, wenn er an den Kindern rummachte.

Damals verzichtete man auf ein Aufnahmegerät. Man hörte zu und schrieb mit, in einer Bewegung

Die Ruhe des Films, das ist die Ruhe vor dem heutigen Hype, dieser Youtube-Facebook-Twitter-Manie, dass alles erfasst und gepostet und geteilt werden kann und dadurch vor dem Übersehen und Vergessen gerettet wäre. Die Reporter dieses Films arbeiten ohne Aufnahmegeräte, viele der von ihnen Befragten haben eine Scheu davor, also schreiben sie mit auf ihren kleinen Blöcken, das Lauschen und das Schreiben wird eine Bewegung, die Einheit von Hand und Hirn, das wahre "Aufnehmen". Eine Bewegung von schönster Genauigkeit und Diskretion.

Spotlight, USA 2015 - Regie: Tom McCarthy. Buch: Josh Singer, Tom McCarthy. Kamera: Masanobu Takayanagi. Musik: Howard Shore. Schnitt: Tom McArdle. Mit: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Stanley Tucci, Brian d'Arcy James, Billy Crudup, Richard Jenkins, Paul Guilfoyle. Paramount, 128 Minuten.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde erstmals zum Kinostart von "Spotlight" und vor der Oscarverleihung veröffentlicht. Nun, als bester Film mit einem Academy Award ausgezeichnet, haben wir den Text aktualisiert.

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