Spotify-Boykott gegen R. Kelly Das Prinzip Pop schlägt zurück

Spotify zielt mit dem Bann am Geschäftsmann R. Kelly vorbei auf sein Werk.

(Foto: dpa)

Spotifys Boykott gegen R. Kelly unterläuft die Trennung von Person und Werk, die für die Freiheit der Kunst essenziell ist.

Kommentar von Karin Janker

Die Boykottbewegung gegen den Sänger R. Kelly feiert in den sozialen Medien einen entscheidenden Sieg. Doch es ist ein Sieg gegen die Kunst. Dass der Musik-Streamingdienst Spotify die Musik des R&B-Künstlers aus seinen Playlisten löscht, klingt nach einer salomonischen Entscheidung: Einerseits zeigt man Solidarität mit den Frauen, die Kelly emotionalen Missbrauch und sexuelle Nötigung vorwerfen. Andererseits macht man sich nicht der Zensur verdächtig; die Songs des Musikers sind ja nach wie vor auf Spotify verfügbar, nur nicht mehr Teil von kuratierten Playlisten.

So salomonisch wie sie wirkt, ist die Entscheidung indes nicht. Spotifys Marktmacht ist enorm, in Zeiten, in denen Hörer neue Musik nicht mehr übers Radio, sondern über Playlisten entdecken, wirkt ein solcher Boykott geschäftsschädigend - und zwar ohne dass ein Gericht ein Urteil gesprochen hätte. Allerdings zielt Spotify damit am Geschäftsmann R. Kelly vorbei auf sein Werk.

Strafen sollten aber nicht die Kunst treffen, sondern den wahren Schuldigen. Spotifys Boykott unterläuft die Trennung von Person und Werk, die für Kunstfreiheit essenziell ist. Die Crux ist: Dem Prinzip Pop selbst ist es zu verdanken, dass die Grenze zwischen Künstler und Werk derart verschwimmt.

Popmusik lebt davon, den Typ hinter dem Mikro in Szene zu setzen. Stärker als bei anderen Kunstformen werden Mensch und Kunstfigur ununterscheidbar. Kelly, der eifrig an seinem Image als Womanizer gebastelt hat, erlebt nun, wie heftig das Prinzip Pop zurückschlagen kann.

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