Der sechste Sinn - Steven Spielbergs "Minority Report" mit Tom Cruise
Es gibt vielleicht wirklich so etwas wie das zweite Gesicht, Menschen, die die Gabe haben, Dinge zu spüren, die an nichts rational festzumachen sind. Von solchen Menschen, den Pre-Cogs, handelt Steven Spielbergs neuer Film "Minority Report". Eine Behörde der Zukunft gibt es da, die sich auf solche Weissagungen beruft, das Department for Pre- Crime - im Jahr 2054 ist Washington vom Mord befreit, weil drei Pre- Cogs den Polizisten jede Tat sichtbar machen können, bevor sie geschieht.
(© SZ 01.10.2002)
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Man kann sich natürlich gut vorstellen, dass Spielberg selber eine Art Pre-Cog ist - wenn einer so oft so genau den Nerv seines Publikums getroffen hat, muss er einen sechsten Sinn haben. Spielberg weiß aber eben nicht nur Jahre im Voraus, wie der Film aussieht, der alle bewegen wird, welcher Schrecken, welche Rührung gefragt sein werden. Manchmal ahnt er gar, wohin die nationale Gefühlslage gerade steuert. So wie "E.T." vor zwanzig Jahren die Ära Reagan beschrieb, bevor sie richtig begonnen hatte, die Kälte der Achtziger zum Thema machte, bevor sie messbar wurde, hat nun "Minority Report" erschütternd viel mit Dingen zu tun, die passiert sind, nachdem der Film gedreht wurde.
Der Mann hat also einen Film gemacht, der sich vor allem der Frage widmet, ob man ein Verbrechen ahnden kann, bevor es geschieht. Dass nun, Jahre nachdem die Arbeit daran begann, die amerikanische Regierung sich gestattet hat, potenzielle Angreifer, "unschädlich" zu machen, ist geradezu gruselig - wahrscheinlich ist es Spielberg sogar selber ein bisschen unheimlich: Er hat sich nämlich gerade für einen Militärschlag gegen den Irak ausgesprochen, und so konkret ist er normalerweise nicht in seinen politischen Äußerungen. Was Peter Pan wohl davon halten würde?
Spielbergs Film hat dennoch mehr Probleme mit der Präjudizierung, als in der Politik gerade üblich ist. Eigentlich eine traurige Geschichte: Drei verloren aussehende Gestalten sind diese Pre-Cogs, mit Drogen vollgepumpt liegen sie im Dämmerschlaf in einer milchigen Flüssigkeit, leiden entsetzlich unter den Visionen, die auf einem Bildschirm über ihnen, wo eigentlich der Himmel sein sollte, sichtbar werden. John Anderton (Tom Cruise), Chef der Pre-Cops, ist eine genauso trostlose Gestalt - ein Workaholic, der abends in seinem kalten Appartement sitzt und sich im Vollrausch, damit er sie spüren kann, Videos anschaut von seinem verschwundenen Kind und seiner Frau, die gegangen ist, weil er den Verlust nicht verkraften konnte. Anderton ist besessen von der Chance, die Zukunft verhindern zu können, weil er die Vergangenheit nicht ändern kann. Bis zu jenem Augenblick, als es um seine eigene Zukunft geht: Die Pre-Cogs sehen, wie er einen Mord begeht - nun kämpft Anderton um seine Freiheit. Denn dass er nicht dazu in der Lage sein soll, sich gegen diesen Mord zu entscheiden, kann er nicht glauben. Er erfährt von den Minderheiten-Berichten - manchmal hat ein Pre-Cog eine andere Vision, meistens Agatha, der weibliche Teil. Es sind immer die Frauen, sagt die Ärztin, die diese Kinder versehentlich zu Sehern gemacht hat, mit einem diabolischen Lächeln.
"Minority Report" ist meisterlich inszeniert, ein Thriller, genaugenommen ein film noir - Spielberg weiß immer noch, auf welchem Weg er sich am erfolgreichsten in die Seelen seiner Zuschauer schleicht, wann es an der Zeit ist, sie zum Lachen zu bringen: An ihren Augen werden in dieser Zukunft die Menschen erkannt, und die niedlichen Metall-Spinnen, die die Cops in die Wohnungen schicken, sind ein wunderbarer Spielberg-Gag. Aber vielleicht hat er den Spaß daran verloren, immer und immer wieder zu beweisen, wie gut er manipulieren kann - und verlässt lieber den festen Boden klarer Geschichten: "Minority Report" ist nicht aus Versehen an manchen Stellen unlogisch, sondern aus Prinzip. Die Fragen, die Spielberg treiben, widersetzen sich der einfachen Beantwortung.
"Minority Report" ist eine Ode an den freien Willen, was Vorbestimmung ist, wie es kommt, dass manche sich nicht wehren können gegen die Weichen, die ihnen gestellt wurden - das wird zu einem komplexen, zu einem unentwirrbaren Gespinst. In einer der großartigsten Szenen wird der Pre-Cog Agatha Anderton trösten: Sie entwirft eine alternative Biografie für das tote Kind, bis in eine ferne Zukunft - als würde ein Paralleluniversum existieren, in dem es doch am Leben geblieben und aufgewachsen ist, als würde jedem Augenblick ein zweiter Entwurf innewohnen, eine andere Version dessen, was hätte sein können.
Es ist eine sehr eigene Form der Zukunft, die Spielberg hier entwirft - lange nicht so finster wie in "A.I.", sondern eher eine Betonung all dessen, was jetzt schon da ist - schmutziger und hässlicher als alles, was bei Spielberg je zu sehen war. Ein paar futuristische Gags hat er sich erlaubt - die Autos, die der Schwerkraft widerstehen und mit denen man in alle Richtungen gleiten kann, Augenscanning und Computerbildschirme, von denen man die Bilder mit einem High-Tech-Handschuh in die Luft hinüberziehen kann. Aber das einzige moderne Appartement ist das von John Anderton, die Höhle des kontaktgestörten Trauernden; ansonsten scheint sich jeder mit Antiquitäten zu umgeben. In den besseren Gegenden von Washington stehen verwinkelte Häuschen mit schmiedeeisern vergitterten Vorgärten. Eigentlich sieht man hier erst sehr deutlich, wie sehr "A.I." ein Abschiedsgeschenk an Kubrick war, kein Spielberg-Film - schon in der Gestaltung der Räume setzt er der Kubrickschen Kälte nun eine Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit entgegen, Holz und Grünpflanzen und Baumwolle.
Am Ende von "A.I." lassen die fremdartigen Lichtgestalten, die das künstliche Kind gefunden haben, es noch einmal einen Augenblick mit der Mutter durchleben. Die Szene täuscht ihm etwas vor, was nie so war - sie hat ihn für den echten Sohn verstoßen. In "Minority Report" kommt diese Szene spiegelverkehrt vor - Agatha, die eben doch ein Mensch ist aus Fleisch und Blut, kommt in das Zimmer von John Andertons totem Sohn und erfühlt, inmitten der Dinge, die ihm gehört haben, irgendeine Form von Energie. "Es war", sagt sie, "so viel Liebe in diesem Haus."
Am kältesten in "Minority Report" ist die Überwachungstechnik - die verbirgt sich, das ergibt einen tieferen kapitalistischen Sinn, in Werbetafeln, die den direkten Kontakt zum Kunden via Augenscanning suchen. Aber das ist Beiwerk, Spielbergs Welt von 2054 ist genauso schlecht und verrottet wie eh und je, es gibt Slums und Armut und Drogen, die Menschen unterliegen den gleichen psychologischen Zwängen und den gleichen Verletzbarkeiten. Die Verbrechensbekämpfung doktert nur an den Symptomen herum. Aber es muss ja nicht so kommen - denn jeder Vision der Zukunft wohnt immer noch eine andere Möglichkeit inne.
MINORITY REPORT, USA 2002 - Regie: Steven Spielberg. Buch: Scott Frank, Jon Cohen, nach einer Story von Philip K. Dick. Kamera: Januzs Kaminsik. Musik: John Williams. Mit: Tom Cruise, Samantha Morton, Max von Sydow, Colin Farrell, Tim Blake Nelson, Peter Stormare. Twentieth Century Fox, 145 Minuten.
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