Spielbergs "Gefährten" im Kino Vom Ackergaul zum Kriegshelden

Zwischen grünen Weiden und grauen Schlachtfeldern erzählt Steven Spielbergs Epos "Gefährten" von der rätselhaften Magie einer Freundschaft zwischen Mensch und Tier. Oft hat der Regisseur den Krieg thematisiert. In "Schindlers Liste" oder "Der Soldat James Ryan" ist ihm das geglückt. Man fragt sich jedoch, was ihn hier geritten hat.

Von David Steinitz

Der Filmheld ist zunächst ein Ackergaul. Ein prächtiges Pferd hat der Farmer Ted Narracott ersteigert, wie er noch keins zuvor gesehen hat - nur sündteuer eben auch. Farmersohn Albert (Jeremy Irvine) verliebt sich auf den ersten Blick in das stolze Tier, er tauft es Joey und nimmt die Herausforderung an, es zum Pflügen zu bewegen, ehe der Pächter der Familie ihr Stückchen Land in der Grafschaft Devon wegnehmen kann.

Albert (Jeremy Irvine) mit Joey. So ein Pferd, sagt ein grundböser Offizier, ist eine Waffe, die man benützen muss.

(Foto: dpa)

"War Horse / Gefährten" feiert die Freundschaft und ihre rätselhafte Magie - seit langem eins der zentralen Themen des Spielberg-Universums. Und zugleich natürlich ein dramaturgischer Kniff, um den Zuschauer in die Freundschaft mit einzuweben, ihn mit auf eine brutale Reise nehmen zu können, auf die gasvernebelten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.

Mit einem Pferd als Identifikationsfigur. Denn die Pferde der Landbevölkerung werden von der britischen Armee eingezogen, Albert und Joey separiert, und die grünen Weiden weichen grauen Schlachtfeldern. In satten Farben erinnert Spielberg an die monumentalen Technicolor-Filme des alten Hollywood, in denen die Farbe die Verbindung zur Familie stiftete, zur Heimat, und dem Erzählen einen gesellschaftlichen Wert, eine vermittelnde Funktion verlieh.

Die Geschichte, auf die er sich dabei verlässt, ist erfolgserprobt - ein Jugendbuch-Bestseller des Briten Michael Morpurgo, der bereits zu einer aufwendigen Theater-Show adaptiert wurde, in London und New York. Man spürt, was Spielberg daran fasziniert hat, hier kann er wieder zusammenzuführen, was er seit "Das Reich der Sonne" von 1987 nicht mehr machte - der Film erzählte aus Kindersicht den Zweiten Weltkrieg, im Panoptikum des besetzten Shanghai.

Vom Krieg erzählen

Seitdem hat Spielberg oft von Kriegen erzählt - "Schindlers Liste", "Der Soldat James Ryan" -, härter freilich, weniger an der Familie orientiert. Dafür hat er nun das Pferd, auch wenn er darauf verzichtet, das Tier, wie in der Buchvorlage, zum Ich-Erzähler zu machen.

So ein Pferd, sagt ein grundböser Offizier, ist eine Waffe, die man benützen muss. Also gerät Joey, der Willkür ausgeliefert, in britische, deutsche, französische Hände (auch die von Tom Hiddleston und David Kross). Mal als Kanonenrohr-Zugpferd, mal als Fluchtpferd, in Mini-Dramen um Widerständler, Deserteure, Kriegstreiber.

Alles will Spielberg in diesem gewaltigen Panorama vereinen, die Verbissenheit und die Solidarität, das leere Pathos und die Liebe, das Grauen und das Glück. "Gefährten" wird geprägt von akutem Zeitmangel, ist von wilder Action beseelt - einem Zwang, alles zeigen zu müssen. Was eigentlich das Gegenteil ist zum klassischen epischen Kino Hollywoods.

Immer dann bewies Spielberg sich als großer Kinoerzähler, wenn der Wahnsinn in den Mittelpunkt rückte: die Flieger in Shanghai, der Retter Oskar Schindler, die Invasion in der Normandie.

Auch das "War Horse" erlebt seinen Moment des Wahnsinns. Im schlimmsten Kriegsdonner büxt Joey aus, rast durchs Schlachtfeld, reißt Stacheldraht und Pfosten mit sich, um dann - man wundert sich, dass er noch lebt - im Niemandsland zwischen Deutschen und Briten zum Stillstand zu kommen. Das ist der entscheidende Moment des Spielberg-Kinos, der E.-T.-Moment, in dem seine Erzählung erlöst werden kann.

WAR HORSE, USA 2011 - Regie: Steven Spielberg. Buch: Lee Hall, Richard Curtis. Mit: Jeremy Irvine, Peter Mullan, Emily Watson. Disney, 146 Minuten.